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# zusätzlicher Titel für google-Fundliste, falls der Gebäudename zu wenig aussagt. Z.B. mit Nennung des Architekten - braucht’s nicht #

Haus im Stall in Fürstenau (CH)
Konsequente Schichtung

In vielen Gemeinden verfallen mitten im Ort identitätsstiftende alte Landwirtschaftsgebäude. In einem Dorf bei Chur wurde nun in die Bruchsteinmauern eines Stalls bei gleicher Kubatur ein Wohnhaus gesetzt – mit eigenen Wänden und eigener Gestaltung.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2020.

Jurybegründung:
Die Arbeit zeigt, wie man ortsbildprägende, leerstehende Nutzbauten des ländlichen Raums retten und ihnen zu einer neuen Perspektive verhelfen kann. Die Lösung liegt in einer konsequenten Schichtung: In die alten Bruchsteinmauern eines Stalls wurde bei gleicher Kubatur ein Wohnhaus gesetzt, mit eigenen Wänden und eigener Gestaltung. In den oberen Geschossen geben große Glasöffnungen den Blick in den Garten frei, im UG inszenieren sie das historische Bruchsteinmauerwerk wie in einer Vitrine. Der neue Grundriss macht die schiefwinklige Geometrie des Bestands zum Thema, etwa mit einer schräggestellten, sich verjüngenden Treppe oder trapezförmigen Räumen. Ein polygonaler Kamin setzt dieses Thema sogar in der dritten Dimension fort.

Architekten: atelier-f ag, Kurt Hauenstein mit Lena Peters
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Elmar Schriber

Text: Tanja Feil
Fotos: Ralph Feiner; atelier-f

Die kleine Gemeinde Fürstenau liegt in der Region Viamala im Kanton Graubünden. Sie ist im Schweizer Inventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung eingetragen, da sie seit dem 19. Jahrhundert baulich fast unverändert blieb. Prägend für das Ensemble sind hierbei nicht nur das Bischöfliche Schloss, das Schloss Schauenstein und die Dorfkirche, sondern vor allem auch die regionaltypischen (Bauern-)Häuser mit ihren dazugehörigen Wirtschaftsgebäuden. Daher durften die Architekten von atelier-f beim Umbau eines ehemaligen Stalls zu Wohnzwecken dessen Volumen gemäß den gesetzlichen Vorgaben nicht verändern; an prominenter Stelle an der Hauptstraße gegenüber des Dorfbrunnens gelegen, markiert das Bauwerk mit seiner gesamten äußeren Erscheinung einen wichtigen Punkt am Rande des Schlossbergs. So wichtig, dass auch der umgebende Hofbereich als Freiraum zu erhalten und nicht zu überbauen war.

Alter Sockel, neuer Einsatz

Nachdem die kantonale Denkmalpflege neben der Wahrung der Gebäudekubatur lediglich verlangte, die Hauptstruktur des Stalls zu bewahren – also das Sockelgeschoss nebst Pfeilern aus Bruchstein – war für die Architekten schnell klar, dass sie die neue Wohnnutzung in den oberen Etagen nicht hinter einer stallähnlichen Holzfassade verstecken wollten. Stattdessen entwickelten sie ein monolithisches Mauerwerk aus einem speziellen luftgefüllten Dämmstein, den sie innen glatt und außen leicht gekörnt verputzen ließen. Auch im UG ist dieser Wandaufbau vorhanden – nach dem Haus-im-Haus-Prinzip vor den bestehenden Natursteinsockel gesetzt, im Bereich der alten Fenster und Eingangstür mit vitrinenartigen Öffnungen versehen. In den darüber liegenden Etagen rahmen großzügige Belichtungsflächen besondere Ausblicke auf Fürstenau und die Umgebung; mit ihren unterschiedlichen Abmessungen und Einbauhöhen machen sie die dahinterliegenden Raumnutzungen von außen ablesbar. Mithilfe eines farblich auf den Putz abgestimmten, außenliegenden textilen Sonnenschutzes soll sich – wenn er geschlossen ist – wieder ein ähnlich homogenes Fassadenbild ergeben, wie mit der früheren Holzverschalung.

Der alte Bruchsteinsockel war intakt genug, dass er an keiner einzigen Stelle ausgebessert werden musste; lediglich beim Übergang vom alten zum neuen Mauerwerk ließen die Architekten an der Eingangsecke bzw. an der Fassade entlang der Straße etwas Füllmaterial ergänzen und alles im alten Stil verputzen. Da die Fußbodenhöhe des jetzigen UGs jedoch unterhalb des ehemaligen Stallniveaus liegt, waren teilweise Unterfangungen der bis dato fundamentlos ausgeführten Bestandswände notwendig. Das neue Mauerwerk wurde zudem punktuell in den vorhandenen Eckpfeilern statisch wirksam rückverankert. In bauphysikalischer Hinsicht ist der Bruchsteinsockel vollkommen von der neuen Bodenplatte und den Wänden losgelöst. Die Holzoberflächen der bestehenden Fenster und der alten Eingangstür blieben unbehandelt; nur die einfach verglasten Scheiben kittete man neu ein.

Bild: atelier-f architekten, Fläsch/GR

Räumlich verzahnt

Während das UG vor allem durch seine spannende Verknüpfung von historischen und modernen Bauelementen und Oberflächen lebt, sind EG und DG teilweise räumlich miteinander verschränkt. Dies beginnt bereits in der weitläufigen Eingangshalle im Norden, die zweigeschossig ausgebildet ist und den Blick auf eine der Treppe vorgelagerte Galerie eröffnet. Passiert man Garderobe und Gäste-WC, findet man sich in einem großen Ess-, Koch- und Wohnbereich wieder, den die raumhohe Küchenzeilenwand in zwei Bereiche teilt. Die Besonderheit hier: Während die Decke in der Mitte der Fläche niedriger ist, erstrecken sich sie beiden seitlichen Zonen entlang der Straße und des Gartens bis hoch unters Dach; direkt über der Kochinsel ist im DG das Elternschlafzimmer mit Ankleide und Bad untergebracht. Im UG finden sich hingegen zwei Kinderzimmer, eine offene Spielfläche, ein weiteres Bad, ein Saunabereich, von dem aus sich ein Weinkeller erschließen lässt sowie ein Abstell- und Technikraum.

Fast alle Zimmer weisen einen einschichtigen, dunkel eingefärbten Hartbetonboden mit geglätteter Oberfläche und integrierter Fußbodenheizung auf. Komplett aus der Reihe tanzt jedoch ein Raum in der Nordostecke des EGs; dieser Bereich befand sich vor dem Umbau außerhalb der gemauerten Struktur, ein einfacher, teils holzverschalter überdachter Außenraum – eine Zone also, die sich bereits während der Nutzung des Gebäudes als Stall vom Rest unterschieden hatte und diesen Sonderstatus auch innerhalb des Raumprogramms des Wohnhauses beibehalten hat: Das sogenannte Gartenzimmer, dessen Volumen ebenfalls bis unters Dach reicht, fällt mit einem bunt gemusterten Fliesenboden, grün gestrichenen Wänden und Regalen ins Auge; der imposante dunkle Kamin tut ein Übriges, um die ansonsten schlicht in Weiß und Grau gehaltenen Räume zu kontrastieren. Hier ist die Bibliothek der Familie untergebracht.

Holz findet sich im Innern nur bei den weißen Fensterrahmen und einläufigen Treppen, die in der Gebäudemitte jeweils zwischen zwei schräggestellten Wänden platziert sind und die drei Etagen miteinander verbinden. Für die Stufen verwendeten die Architekten Eichenholz ohne Ast, dessen Oberfläche zweifach geölt wurde. Das neue Dach ließen sie wie das alte wieder als Blechdach herstellen, fünf aufgesetzte Dachfenster belichten dabei die Eingangshalle, die Galerie und die Räume der Eltern zusätzlich von oben. Der erhaltenswerte Freibereich wurde zum Wohn- und Gartenhof mit fließendem Übergang zur umgebenden Landwirtschaftszone umgestaltet; eine geradläufige Außentreppe verbindet die Terrassen des UGs und EGs miteinander, daneben ist ein in den Boden versenktes Bassin angeordnet.


Standort: CH-7414 Fürstenau
Bauherr: privat
Architekten: atelier-f ag, Kurt Hauenstein mit Lena Peters, Fläsch
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Elmar Schriber, Mels
Elektroplanung: Soller-Partner Electro, Domat/Ems
HLS-Planung: Hendry, Sedrun
Bauphysik: mkB – Martin Kant Bauphysik, Chur
BRI: 2000 m³

Beteiligte Firmen:
Dämmstein: BRICOSOL®future, luftgefüllter monolithischer Dämmstein: Bricosol, Zürich; www.bricosol.ch
Außenputz (Deckputz): HAGAsit Korngröße 1,5 mm, Struktur Altputz, eingefärbt mit Haga Farbton 15.20.07; HAGA Naturbaustoffe, Rupperswil; www.haganatur.de
Holzfenster in unterschiedlichen Ausführungen mit Flügeln und als Festverglasungen; Degonda, Cumpadials, www.degonda-sa.ch
Sonnenschutz: textiles Fassadenbeschattungssystem SUNLUX 6016 Spezial, schräglaufend: Kästli, Belp; www.kaestlistoren.ch
Malerarbeiten Dachuntersicht außen: Falu Vapen Fassadenfarbe, Farbton NCS S 2005-Y: FALU VAPEN Schweiz, Ruswil, www.schwedenfarben.ch
Malerarbeiten innen (Fenster und Türen): kt.color Satinée, Farbton kt. 32.007 (Gris Caso); kt.COLOR, Uster, www.ktcolor.ch


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