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Studentenwohnheim Tietgenkollegiet in Kopenhagen

Frohe Runde
Studentenwohnheim Tietgenkollegiet in Kopenhagen

Im Architektenwettbewerb war nicht weniger verlangt als »das Studentenwohnheim der Zukunft«. Bei der Konzeption eines zeitgemäßen Wohn-Organismus‘ half die Erinnerung an die eigene Studienzeit – vor allem an die unerfüllt gebliebenen Wünsche. Das zentrale Prinzip ist »Fælleskab«, zu deutsch: Gemeinschaft – sinnfällig in eine Kreisform gepackt, die nach innen kommunikative Räume bietet, nach außen hin aber auch die nötige Privatheit schafft. Eine Erfolgsgeschichte.

    • Architekten: Lundgaard & Tranberg
      Tragwerksplanung: COWI

  • Kritik: Bernd Hauser
    Fotos: Jens Lindhe
Wenn Katrin Geist, 22, spätabends nach dem Lernen für ihren Kurs »Social Entrepreneurship« an der »Copenhagen Business School« noch Lust auf Gesellschaft hat, verlässt sie ihr Zimmer und geht in die riesige Küche. Wenn dort niemand mehr sitzt, schaut sie aus dem Fenster – und blickt auf ein Panoptikum studentischen Lebens. Ein kreisrunder Innenhof wird begrenzt von einem ebenso runden Gebäude. Überall wachsen Kuben mit Fensterfronten aus der Fassade, darin liegen die Küchen und Gemeinschaftsräume der anderen Wohngruppen. Meist ist irgendwo immer noch Licht und eine Party. Dann schnappt sich Katrin Geist ein Bier aus dem Kühlschrank und geht hinüber.
»Ich hatte pures Glück«, sagt die deutsche Austauschstudentin aus Hildesheim. »Wer hier ein Zimmer bekommt, wird von den Kommilitonen beneidet.« Katrin Geist wohnt im Tietgenkollegiet, »dem Studentenwohnheim der Zukunft«. Genau dieses zu entwerfen, lautete die Vorgabe an die Architekten im Wettbewerb der gemeinnützigen Stiftung »Nordea Fonden«, einer von einer großen Bank gegründeten Stiftung. Geld spielte eine untergeordnete Rolle, die Banker in den Gremien der Stiftung wünschten ein »internationales Referenzprojekt«.
Seit Anfang 2006 wohnen 360 junge Leute im Tietgenkollegiet: ein ringförmiger Sichtbeton-Skelettbau, in dem sich architekturinteressierte Besuchergruppen die Klinke in die Hand geben und gestandene Damen und Herren den Bewohnern wehmütig sagen, dass sie sich wünschen würden, noch einmal jung zu sein und in einem derartigen Haus zu leben.
Im Erdgeschoss chatten die Bewohner im Computerraum, machen Zirkeltraining im Fitnessraum, nähen und schneidern in Werkstätten, im schallgedämpften Musikraum spielt ein Bewohner gerade ein Stück von Miles Davis auf dem Flügel und samstags gibt es im Festsaal Barbetrieb mit frisch gezapftem Pilsener. Darüber, in den sieben Wohngeschossen, liegen die 25 bis 33 Quadratmeter großen Zimmer der Studenten. Nach innen, zum Hof, sind die insgesamt dreißig Wohnküchen in versetzt gestapelten Kuben untergebracht, die bis zu acht Meter weit auskragen. Brückenbau-Spezialisten mussten helfen, um sie realisieren zu können: Die Betonkuben werden von Stahlkabeln gehalten, die waagerecht bis zur Außenfassade laufen; senkrecht verlaufende Kabel verankern das Gebäude im Untergrund. Wenn in der Küche in froher Runde gekocht wird, stört das die Mitbewohner in den Zimmern wenig, dank schallschluckender Böden, Wände und Türen: »Man hört kaum etwas«, erzählt Katrin Geist. »Wenn jemand an meine Tür klopft, muss ich ganz laut ›Herein!‹ rufen.«
Der Sichtbeton macht das Gebäude nicht unfreundlich, im Gegenteil. Die besten dänischen Betonbauer haben ihn »gegossen«. Aufgrund der geringen Entfernungen in dem kleinen Land hat sich die Tradition herausgebildet, die Elemente im Werk vorzufabrizieren. Bewundernd streichen Besucher über das Material, der helle Beton fühlt sich so glatt an wie polierter Marmor. Die Farbtönung harmoniert mit dem hellen Furnier, das für die Einbaumöbel und Teile der Wände verwendet wurde.
Das Äußere erhielt durch Balkone und kleine Vor- und Rücksprünge eine reliefartige Struktur, die an die organische Form eines Kiefernzapfens denken lässt. Die geschlossenen Fassadenflächen sind mit Tombak verkleidet, einer Messinglegierung mit hohem Kupferanteil, die ihren warm-glänzenden Charakter über die Jahre behalten wird; wegen des Zinkanteils entwickelt sich kein Grünspan. Der dunkle Tombak sieht zusammen mit dem Eichenholz, das für die Fensterrahmen verwendet wurde, auch bei »Gråvejr« gut aus, und das ist wichtig: »Grauwetter« ist häufig in Kopenhagen, vor allem in der kalten Jahreszeit, in der die Tage oft dunkel und nass sind.
Fælleskab – Gemeinschaft
Mitten im Zentrum von Kopenhagen liegt das Büro Lundgaard & Tranberg, dessen Architekten das Tietgenkollegiet entworfen haben. Die Modelle auf einem Tisch am Eingang sind umstellt von brennenden Teelichtern. Licht ist wichtig, um den Winter zu überstehen. Gemeinschaft und Gespräche auch: Bald gibt es Mittagessen, das alle zusammen an einer langen Tafel einnehmen. Köchin Bente hat Pizza für 25 junge Architekten und Bauingenieure im Ofen.
Die Architekten sitzen hintereinander an schwarzen Tischen, ganz in der Ecke ist der Platz von Peter Thorsen, 51, der gleich nach der Universität zur Firma von Boje Lundgaard und Lene Tranberg stieß. Nach dem Tod Lundgaards im Jahr 2004 wandelte Tranberg das Büro in eine große Partnerschaft um. Peter Thorsen ist einer von insgesamt acht Partnern, beim Tietgenkollegiet war er Projektleiter.
Er hat keine Angst zu sagen, dass er nicht auf alles eine Antwort hat. Die Einsicht in die Unzulänglichkeit des Einzelnen wird bei Lundgaard & Tranberg sogar zu einem Erfolgsprinzip. »Wir Architekten sind doch voller Zweifel und Unsicherheit«, sagt Thorsen. »Man macht so viele Überlegungen, die fehlschlagen.« Deshalb sollten Mitarbeiter neben ihrem Fachwissen gute soziale Kompetenzen haben: »Sie müssen ständig Kritik einstecken können.« Die besten Lösungen fänden sich nämlich in der Auseinandersetzung im Team; ein zentraler Begriff in der dänischen Gesellschaft ist Fælleskab, zu deutsch Gemeinschaft: Daran glauben Dänen mehr als Deutsche.
»Als Projektleiter kann ich nicht autoritär sein«, erklärt Thorsen. »Ich bin eher wie ein Skipper auf einem Segelboot oder ein Bandleader einer Jazzkapelle. Nur wenn ich allen Raum gebe, sich auszuprobieren, bekommen wir die besten Ergebnisse.«
So war es auch, als die Arbeitsgruppe zum Tietgenkollegiet während des Wettbewerbs 2002 über einem Plan der Umgebungsbauten brütete: Das Studentenwohnheim sollte im Norden von Ørestad entstehen, einem nach dem New-Town-Prinzip entstehenden Stadtteil auf einem fünf Kilometer langen und 600 Meter breiten Streifen auf der Insel Amager südlich des Stadtzentrums. Bei Weitem nicht alle bereits fertiggestellten Gebäude in dem neuen Stadtteil sind architektonische Perlen. Das Grundstück des Tietgenkollegiets ist umgeben von funktionellen Quadern, neben einem künstlichen Kanal liegen lang gestreckte Kästen für Verwaltung und Universität, »am Abend und am Wochenende ist alles so tot wie ein Stein«, sagt Peter Thorsen. Wie ein wegweisendes Haus in diese starre Struktur einpassen? Zimmer wie Mönchszellen an lange Flure reihen? Wie eine Öffnung der Starre erreichen? »Wir wussten nicht richtig weiter«, erzählt Thorsen. Das Team hatte Kuchen gegessen, die gestapelten Teller standen auf dem Tisch. »Plötzlich nahm einer in der Gruppe frustriert den Tellerstapel und pflanzte ihn auf den Plan«, erinnert sich Thorsen. Ein rundes Gebäude? »Geht nicht!«, protestierte jemand.
Neben den praktischen Schwierigkeiten gibt es eine Reihe negativer Assoziationen bei runden Bauten: Der brutale Voyeurismus im römischen Kolosseum; die Enge innerhalb der Mauern mittelalterlicher Städte; die totale Überwachung in den ringförmigen Gefängnissen des 19. Jahrhunderts nach der Philosophie von Jeremy Bentham. Aber die Idee setzte sich in Thorsens Arbeitsgruppe fest. »Jeder fotokopierte den Tellerstapel in seinen Kopf«, sagt er. »Und schließlich waren wir uns sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind.«
Was symbolisiert Gemeinschaft besser als ein Kreis? Die runde Form durfte aber auf keinen Fall Selbstzweck sein. »Viele erfolgreiche Kollegen konzentrieren sich heute vor allem auf die skulpturale Wirkung ihrer Entwürfe, die möglichst spektakulär sein soll«, sagt Thorsen. »Wir versuchen einen ganzheitlichen Ansatz. Wie werden die Häuser funktionieren, wie werden sich die Menschen in unseren Gebäuden fühlen?« Die runde Form ergab einen Sinn, weil sie der Funktion folgte: Im Inneren des Ringes das Miteinander in den Gemeinschaftsräumen, im äußeren Teil der Rückzugsraum für den Einzelnen in seinem Zimmer. Und auch damit stehen die Architekten von Lundgaard & Tranberg auf der Basis dänischer Architekturtradition: »Wir wollen ein Haus bis ins letzte Detail planen.« Ganz selbstverständlich sei es der Job seiner Leute, daran zu denken, wo die Steckdosen hinkommen und wo die Studenten ihre nassen Gummistiefel trocknen können. Oder daran, dass sie keine kalten Füße bekommen. Es wurde ein Magnesitboden verwendet, wie er in Fabriken und Werkstätten üblich ist: »Dieses Material ist nicht nur besonders robust, sondern auch weniger fußkalt als Beton.« Auch dass es keine Kochgelegenheiten in den Zimmern gibt, ist kalkuliert. »Wir haben das Haus nicht für Leute geplant, die sich in ihren Zimmern vergraben wollen«, sagt Thorsen. Fælleskab, Gemeinschaft!
Die Detailversessenheit und die Ausdauer der Architekten zeigte sich auch in einem anderen Projekt: dem neuen Schauspielhaus in Kopenhagen (siehe auch S. 47). Zwar ist das Büro mit 25 Architekten und Bauingenieuren nicht besonders groß für Projekte dieses Maßstabs. »Aber wir sind gut vernetzt, können schnell und informell mit einer Vielzahl von Consultants, Wissenschaftlern und Baumaterialherstellern kooperieren«, sagt Peter Thorsen. Für das Schauspielhaus entwickelte das Büro in monatelanger Arbeit und viel »Trial and Error« zusammen mit einem Hersteller gar einen ganz neuen Ziegelstein: besonders lang, besonders flach, besonders dunkel. »Wir experimentierten lange, mauerten eine Probewand hoch. Wir wollten mit Hilfe des Steins ein Universum von Farben, eine geheimnisvolle, magische Atmosphäre schaffen«, erzählt Thorsen. Die Experimente sind ganz offenbar geglückt. Als das Haus im Februar 2008 mit »Hamlet« eröffnet wurde, überschlugen sich die dänischen Architekturkritiker fast vor lauter Lob.
Ende des Jahres wurde das Theater für den Mies-van-der-Rohe-Preis nominiert, so wie das Tietgenkollegiet bereits im Jahr 2007.
Die angesehene Wochenzeitung Weekendavisen fasste die Begeisterung über das Studentenwohnheim in eine Ein-Wort-Schlagzeile: »Luksus«. Die Tageszeitung Politiken schrieb: »Eines von Dänemarks schönsten Häusern.« Einzige Kritik: der Preis. 800 Millionen Kronen hat das Gebäude gekostet, also 107 Millionen Euro – ist das nicht ein zu stolzer Betrag für ein Wohnheim? Nein, meint Peter Thorsen, über viele Jahrzehnte der Nutzung würden sich die langlebigen Materialien ökonomisch rechnen. »Das Gebäude ist wie ein guter Wein«, sagt Thorsen. »Es bekommt mit der Zeit nur noch mehr Charakter.« •

  • Bauherr: Fonden Tietgenkollegiet, Kopenhagen
    Architekten: Lundgaard & Tranberg Arkitekter A/S, Kopenhagen
    Tragwerksplanung: COWI A/S, Kongens Lyngby
    Akustikplanung: Bo Mortensen Akustik, Kongens Lyngby
    Landschaftsgestaltung: Marianne Levinsen A/S mit Henrik Jørgensen A/S
    Wohneinheiten: 330 Einzelzimmereinheiten mit 26 bis max. 33 m²; 30 Doppelzimmereinheiten mit 42 bis max. 48 m²
    Raumhöhen: 2,73 m (Wohngeschosse), 3,79 m (Erdgeschoss)
    Gesamtfläche: 21 880 m², zzgl. 4635 m² im Untergeschoss
    Wohnfläche: 10 955 m²
    Stellplätze in Tiefgarage: 104
    Gesamtkosten: 64,25 Mio. Euro
    Erstellungskosten: 2425 Euro/m²
    Wettbewerb: 2002, 1. Preis
    Bauzeit: 2003 bis August 2006
    Auszeichnungen: u. a. Betonelementpreis 2007, RIBA European Award 2007
  • Beteiligte Firmen:
    Bauausführung: E. Pihl & Søn A/S, Kongens Lyngby, www.pihl.dk
    Dach/Fassade: Grønbech Construction A/S, Kopenhagen, www.pihl.dk

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