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Beton-Etui - »Montblanc Haus« in Hamburg von Nieto Sobejano

Markantes Beton-Etui
»Montblanc Haus« in Hamburg

Mit seinem neuen Ausstellungsgebäude in Hamburg-Lurup feiert der Luxusartikelhersteller Montblanc den Füllfederhalter und die Kunst des Schreibens. Markanter Blickfang des Entwurfs von Nieto Sobejano Arquitectos ist die weitgehend geschlossene, mit schwarzen Betonelementen als plastische Gebirgslandschaft umgesetzte Fassade. Den Innenraum haben die Planer im Kontrast dazu komplett in Weiß gestaltet.

Architekten: Nieto Sobejano Arquitectos
Tragwerksplanung: Werner Sobek Stuttgart

Kritik: Robert Uhde
Fotos: Roland Halbe

Die Historie der Marke Montblanc geht zurück auf den Ingenieur August Eberstein, der 1906 unter dem Firmennamen »Simplo Filler Pen Co.« mit der Produktion von innovativen Füllfederhaltern begonnen hatte. Nach einer Ausweitung des Sortiments seit den 20er-Jahren zählt das Unternehmen mittlerweile zu den europaweit führenden Herstellern von hochwertigen Schreibgeräten, Armbanduhren, Lederwaren und Accessoires. Seinen Stammsitz hat der Konzern seit 1989 in einem Gewerbegebiet in Hamburg-Lurup, wo rund 950 der weltweit 3 300 Beschäftigten tätig sind. In unmittelbarer Nähe zu den bestehenden Produktionsstätten am Hellgrundweg wurde dort zuletzt das »MONTBLANC HAUS« fertiggestellt. Der Neubau bietet eine CI-gerecht inszenierte Mischung aus Markenerlebnis, Ausstellung und Bildungseinrichtung. Auf drei Ebenen mit einer Fläche von 3 600 m² beherbergt er neben Ausstellungsflächen, einem Archiv und mehreren Versammlungsräumen auch einen Schulungsbereich, einen Besucher-Shop und ein öffentliches Café.

Aufwertung des Bestands

Zur Umsetzung des Neubaus hatte Montblanc 2016 einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem sich schließlich der Vorschlag von Nieto Sobejano Arquitectos gegen Entwürfe von Snøhetta, John Pawson, wHY und Noé Duchaufour-Lawrance durchsetzen konnte. Das 1984 von Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano gegründete spanisch-deutsche Büro mit Sitz in Madrid und Berlin zählt zu den international renommiertesten Adressen für die Planung von Kulturbauten; zuletzt haben die Architekten u. a. das vielfach beachtete Arvo-Pärt-Zentrum im estnischen Laulasmaa realisiert.

Für Montblanc in Hamburg haben die Planer jetzt einen elegant gestalteten, rund 104 m langen und lediglich 15 m tiefen Neubau entwickelt, der mit seiner weitgehend geschlossenen schwarzen Fassade an eine überdimensionierte Schachtel oder an die Hülle eines Füllfederhalters erinnern soll. Die Analogie ist deutlich, die Architektur trägt aber auch ohne diese Assoziation. Die Anordnung des schmalen Riegels über die gesamte Breite des Grundstücks und direkt vor dem ansonsten eher gesichtslosen Firmenareal sorgt für eine deutliche Aufwertung des Standorts und verleiht ihm eine neue, zeitgemäß repräsentative Anmutung in Richtung der südlich verlaufenden Verkehrsachse Farnhornstieg. »Die konsequente Farbgebung lässt sich dabei auch als Reminiszenz an das klassische Schwarz der Montblanc-Füllfederhalter-Etuis lesen«, wie Projektarchitektin Kirstie Smeaton erklärt.

Reliefierte Elemente

Zusätzlichen Reiz erhält der Neubau durch die plastische Oberflächengestaltung der schwarzen Außenhülle. Die gemeinsam mit dem Büro von Werner Sobek entwickelte Konstruktion setzt sich zusammen aus 2,7 m breiten, bis zu 8,8 m hohen und bis zu 6,6 t schweren, innenseitig hohlförmig ausgebildeten Betonelementen mit zackenförmig profilierter Oberfläche, die in den oberen beiden Ebenen mit Stahlankern an der überwiegend in Stahlbeton ausgeführten Fassade des Gebäudes montiert sind: »Für die Frontfassade und die beiden Stirnseiten haben wir dabei drei unterschiedlich dicke Varianten der Elemente mit drei unterschiedlichen Oberflächenprofilen und mit unterschiedlich geschwungenen Ober- und Unterkanten entwickelt«, so Kirstie Smeaton. Im Verbund von insgesamt 324 Elementen ergibt sich so ein raffiniertes Spiel von vor- und zurückspringenden Formen, die gemeinsam ein stilisiertes Bild des namensgebenden Montblanc-Massivs in den französischen Alpen erzeugen. Besondere Effekte zeigen sich dabei während der Dunkelheit, wenn die Fassade durch die Beleuchtung in Szene gesetzt wird. Im oberen Teil der Südfassade, im Bereich der Außenterrasse vor dem VIP-Zimmer im 2. OG, tritt hinter der »Gebirgskette« eine Glasöffnung hervor, direkt daneben findet sich außerdem das Firmenlogo.

Weiter geprägt wird die Frontansicht des Neubaus durch den Kontrast der schwarzen Fassade mit dem in weiten Teilen raumhoch verglasten, dabei um bis zu 3 m zurückspringenden EG (auf der Rückseite des Gebäudes haben die Planer alternativ ein horizontales Lichtband im 2. OG eingefügt). Im Zusammenspiel wirkt es, als würde der Baukörper damit trotz seiner optisch wirksamen dunklen Schwere über der Erde schweben und als seien dabei sämtliche physikalischen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt.

In einem 1,8 m breiten Abschnitt oberhalb des Haupteingangs haben die Planer außerdem einen gebäudehohen offenen Luftraum hinter der schwarzen Außenhülle integriert, um so zusätzlichen Tageslichteinfall in den beiden OGs zu ermöglichen: »Die auf Höhe der Glasfront im Eingangsgeschoss abschließende innere Hülle haben wir dabei als großflächig verglaste Pfosten-Riegel-Fassade umgesetzt«, erklärt Kirstie Smeaton. »Die plan mit der übrigen Front abschließende äußere Fassadenschicht wurde demgegenüber als vorgehängte Stahlkonstruktion ausgeführt. Die oberhalb des Haupteingangs sichtbar gebliebenen Stahlträger sind dabei mit Elementen aus schwarzem Aluminium bekleidet.«

Strahlend weiß

Der Zugang zum Gebäude erfolgt über die lang gestreckte Glasfront im EG. Im Innenraum angelangt, werden die Besucherinnen und Besucher dann durch ein strahlend weißes, beinahe ätherisch wirkendes Ambiente mit hellen Terrazzo-Böden und Ausstellungselementen aus schwarzem und weißem mineralisch-organischen Verbundwerkstoff empfangen. In der Eingangslobby dominiert zunächst ein ebenfalls lang gestreckter, ganz in Schwarz gehaltener Tresen mit einem textilen Wandobjekt der französischen Textildesignerin Wendy Andreu im Rücken. Linker Hand führt der Weg dann weiter in das rund 8 m hoch aufsteigende Atrium mit der großen Treppenskulptur und dem frei in 15 m Höhe eingehängten Archivkubus mit seiner gewölbten Unterseite. Die Halle schafft eine luftige Verbindung der drei Gebäudeebenen, als zusätzlicher Blickfang fungiert dabei ein großes Buchstaben-Mobile der Künstlerin Marianne Guély.

Im 1. OG schließt sich die nach Entwürfen des Pariser Studios Projectiles entwickelte Dauerausstellung »Inspire Writing« an, die mit ihren hochwertig gestalteten Vitrinen einen umfassenden Einblick in die Firmengeschichte von Montblanc bietet. Gezeigt werden Video-Installationen, Schreibgeräte besonderer Editionen, Sammlerstücke, Fotos von berühmten Vertragsunterzeichnungen der Zeitgeschichte, aber auch Original-Handschriften von Albert Einstein, Ernest Hemingway, Frida Kahlo, den Beatles oder von Thomas Mann. Parallel dazu gibt es eine temporäre Ausstellung, die zweimal jährlich wechselt. Für ein angenehm-weiches Tageslicht in den Ausstellungsräumen sorgt dabei trotz der vorgehängten äußeren Fassade die innenseitige, mit Gazestoff behangene Glasfront in Richtung Süden.

Im 2. OG, das durch schmale Oberlichtbänder zusätzliches Tageslicht erhält, finden sich anschließend die VIP-Lounge des Unternehmens mit ihrer geschützten Außenterrasse, drei Versammlungsräume sowie das kreisrund gestaltete, komplett in schwarz gehaltene Archiv als Fort-Knox-artig geschützte Herzkammer des Gebäudes. Komplettiert wird der Rundgang im Neubau durch einen kleinen Montblanc-Shop sowie durch das am anderen Ende des EGs sich anschließende Café »Mutterland«, das sich mit seinem minimalistisch-stilvollen Ambiente ganz in die Philosophie des Hauses einfügt. Bei einer Tasse Cappuccino findet sich jetzt endlich auch die Gelegenheit, Stift und Papier in die Hand zu nehmen und einige Stichwörter zu notieren. Denn darum dreht sich hier ja alles. Ums Schreiben.


Schwarze Hülle, heller Kern: Unser Kritiker Robert Uhde war ziemlich überrascht vom strahlend weißen Inneren des MONTBLANC HAUSES. Was für gelungene Kontraste!


  • Standort: Hellgrundweg 100, 22525 Hamburg
    Bauherr: Montblanc-Simplo GmbH, Hamburg
    Architekten: Nieto Sobejano Arquitectos, Berlin
    Ausführende Architekten: PLAN FORWARD GmbH, Stuttgart
    Projektsteuerung: W+P Gesellschaft für Projektrealisierung mbH, Stuttgart
    Tragwerks- und Fassadenplanung: Werner Sobek Stuttgart AG, Stuttgart
    Ausstellungsplanung: PROJECTILES, Paris
    Bauphysik-, Bauakustik- und Raumakustikplanung: Müller-BBM, Berlin
    Brandschutzplanung: Hagen Ingenieurgesellschaft für Brandschutz mbh, Essen
    Freiraumgestaltung: Kemming Landschaftsarchitektur, Münster-Roxel; Frank Kiessling landschaftsarchitekten, Berlin (LP 1-4)
    Lichtplanung: Kardorff Ingenieure Lichtplanung GmbH, Berlin
    Küchenplanung: HINSCHE Gastrowelt GmbH, Oldenburg
    Sicherheitsberater: HSC Hollung Security Consult GmbH, Nordstedt
    SiGeKo: Ingenieurbüro für Arbeitssicherheit, Umwelt- und Gesundheitsschutz, Neu Wulmstorf
    BGF: 4 390 m²
    BRI: 21 000 m³
    Fertigstellung: Mai 2022
  • Beteiligte Firmen:
    Leichtbetonfassade: G. Büter Bauunternehmen GmbH, Ringe; BWE Bau Fertigteilwerk GmbH, Lemwerder
    Pfosten-Riegel-Fassade: Schüco International KG, Bielefeld
    Bodenbelag Terrazzo: Estrichverlegung Otto Aman GmbH & Co. KG, Beelen
    Empfangstresen (Corian): SARL Crea Diffusion, Solgne
    Leuchtenhersteller Fassade: 516 Spots als Sonderkonstruktion in der Fassade integriert, einzeln ansteuerbar via DMX, Interferenz Lichtsysteme, Tönisvorst; flächige Anstrahlung mit Strahlern in RGBW-LED-Technik, WE-EF LEUCHTEN GmbH, Bispingen; Downlights am Vordach im Deckenversprung integriert, Iguzzini, Recanati

Nieto Sobejano


Fuensanta Nieto

Architekturstudium an der Universidad Politécnica de  Madrid und Graduate School of Architecture and Planing Columbia University, New York. 1986-91 Chefredaktion der Architekturzeitschrift ARQUITECTURA. Verschiedene Lehraufträge.


Enrique Sobejano

Architekturstudium an der Universidad Politécnica de Madrid und Graduate School of Architecture and Planing Columbia University, New York. 1986-91 Chefredaktion der Architekturzeitschrift ARQUITECTURA. Seit 2008 Professur an der Universität der Künste Berlin. Lehrauftrag an verschiedenen Universitäten.


Robert Uhde

Studium der Kunst und Germanistik in Oldenburg. Erstes Staatsexamen. Ausbildung zum Fachredakteur für Architektur bei der Verlagsgruppe Rudolf Müller in Köln. Seit 1997 freier Autor für Fachzeitschriften und Tageszeitungen. Eigenes Büro in Oldenburg.

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