zurück und vor

~Roman Hillmann

Im Januar und Februar berieten an der ETH Zürich 37 Referenten auf zwei Tagungen über zwei schwierige Themen: Rekonstruktionen wurden unter dem Stichwort »Das Prinzip Rekonstruktion« und die Architektur von 1960–80 unter dem Titel »Boomjahre« behandelt. Uta Hassler von der ETH als Mitorganisatorin der Tagungen begriff in ihren Beiträgen beide Themen bereits als Teil der Geschichte: Rekonstruktionen werden nach einer Generation zu integrierten Bestandteilen des Stadtgefüges, gar zu Denkmalen. Aktuelle Rekonstruktionsprojekte aber sind keine Geschichte. Daher streitet man sich leidenschaftlich; nur die Bauten der Boomjahre wurden inzwischen allesamt historisch. Welche aber sind bedeutend und schützenswert? Die Tagung »Boomjahre« analysierte für diese Frage die Konzeptionen damaliger Projekte. Die Referenten verfielen einmal nicht in die übliche geringschätzige Art über Nachkriegsmoderne zu sprechen, die dann letztlich jede ambitionierte Planung trifft. Dies tat wohl.
Klaus Jan Philipp, Professor an der HafenUniversität Hamburg, erkannte den negativen Zungenschlag als eine verhängnisvolle Gewohnheit seit dem Europäischen Denkmalschutzjahr 1975: Damals wurde die Architektur der Gründerjahre zum Lieblingskind, die Nachkriegsarchitektur schlagartig zum Stiefkind. Der Genfer Universitätsprofessor Dario Gamboni verfolgte die explosiven Auswirkungen: Die medienwirksam inszenierten und schadenfroh kommentierten Sprengungen von Massenbauten würden die Identität und das Lebensgefühl von Menschen vernichten, die in ähnlichen Bauten wohnen oder arbeiten. Laurent Stalder, Assistenzprofessor an der ETH, zeigte daher am Begriff »Cluster Buildings« die Ernsthaftigkeit der Planer in den Boomjahren. Auf die vielfältigen Ansprüche an Architektur und Stadt reagierten sie mit einem Konzept, das auf eine organische Integration abzielte: Die Einheiten, »Cluster«, schaffen örtlich, sozial und funktionell verbindende Ordnungsmuster. Sogar historische Strukturen erkannte man bereits als eine Größe und band sie ein. Derart wohlwollende Historisierung ist der richtige Weg, zu der die unaufgeregte Benennung von Mängeln und Irrtümern gehört. Denn gute Beispiele zu erhalten, fällt schon wegen der schlechten Position im Portfolio der Immobilienwirtschaft schwer.
Die Tagungen verbanden den Rückblick auf die zupackenden und zuversichtlichen Boomjahre mit dem Blickwinkel einer Gegenwart, die im Spiegel der Referate zögerlich im Formulieren ihrer Identität erschien. Da in der Nachkriegsmoderne viel Neues gewagt wurde, wünschten sich manche Referenten alte handwerkliche und künstlerische Traditionen auf dem Feld der Rekonstruktion zurück. Andere Referenten demonstrierten an historischen Beispielen, dass Rückgriffe auf die Vergangenheit vor 1900 immer Teile eines Werkes waren, das im Ganzen den Formwillen der jeweiligen Gegenwart umsetzt. Ob man nun aber bereits Verlorenes rekonstruiert oder erhaltene Baudenkmale der Boomjahre preisgibt, es handelt sich um Entscheidungen gegen das Erinnern von Geschichte.