Wärmedämmverbundsystem

und das verlorene Ansehen der Architektur. Von Kerstin Molter und Mark Linnemann. 72 Seiten, 35 farb. Abb., Hardcover, 15,80 Euro. ML Publikationen, Kaiserslautern 2010

~Achim Pilz

Die lesenswerte Polemik der beiden Architekten richtet sich gegen das immer häufiger eingesetzte WDVS. Ironisch bezeichnen sie damit verunstaltete Gebäude als »verfettet«. Mit viel Sachverstand, Bildern und treffenden Zitaten, von Behnisch bis Loos, erklären sie einer solchermaßen unsinnlich gemachten Architektur den Krieg. »Ist das Ornament von Loos das heutige Wärmedämmverbundsystem?«, fragen sie. Ihre Antwort ist Ja – aus ästhetischen, ökonomischen, ökologischen und sozialen Gründen. Als Belege führen sie u. a. das Verhältnis von Bauindustrie und Finanzindustrie an, sowie die Giftigkeit von Polystyrol, der in WDVS am häufigsten eingesetzten Wärmedämmung. Sie appellieren: »Nachhaltig gut ist Architektur aber erst, wenn […] auch die kulturellen und gesellschaftlichen Interessen gewahrt bleiben und auch zur moralischen Verpflichtung werden.« Schließlich fordern sie, »im ununterbrochenen Kreislauf von der Wiege zur Wiege zu bauen. Mit WDVS wird letzteres nie gelingen.«
Knapp erwähnen sie Alternativen, wie hochwärmedämmende, massive Steine oder den Holzständerbau. Am Ende enttäuscht das Büchlein allerdings ein wenig. Durch die Inhaltsangabe hatte man den Eindruck gehabt, dass mehr Lösungen aufgezeigt werden. Tatsächlich erschöpft sich das Ende des Textes in Definitionen zu Konsum- und Nachhaltigkeitskultur. »Nachhaltiger Städtebau wird eine komplett neue Ökonomie der lokalen Grundpolitik bedeuten«, ist der hoffende Schlusssatz eines Abschnitts. Offen bleibt auch, ob sich die Architekten dafür einsetzen, dass die energetischen Anforderungen der EnEV 2012 zurückgeschraubt werden. Zudem sind zwei Grafiken zu retinal, etwa die des »integrierenden Nachhaltigkeits-Dreiecks«. Doch im Ganzen erleichtert die hohe Ästhetisierung den Einstieg in das Thema nicht nur Architekten. Das ist gut, denn zuerst müssen die Bauherren dem Schlussappell der Autoren folgen: »aufhören mit dem Einsatz von WDVS. Jetzt!«