Wächst Paris über sich hinaus?

~Christian Horn

Paris liegt mit 2,1 Millionen Einwohnern inmitten eines Ballungsraumes von zehn Millionen Menschen. Dieser ist das bedeutendste Wirtschaftszentrum Frankreichs, in welchem sich ein Viertel der Produktionsbetriebe des Landes befindet. Die Hauptstadtregion Ile-de-France mit 11 Millionen Einwohnern hat durch die starke Konzentration nationaler und internationaler Unternehmen einen Anteil von etwa einem Drittel am Bruttoinlandsprodukt des Landes. Sie gehört zu den wohlhabendsten Regionen Europas und liegt inmitten einer der fruchtbarsten Agrarlandschaften.
Doch im Gegensatz zu Hauptstädten wie Berlin, London und Madrid haben sich die Stadtgrenzen von Paris seit 1860 nicht verändert. Die etwa 400 außerhalb der Ringautobahn Périphérique liegenden Gemeinden des Ballungsraums sind selbstständig und zählen nicht zur Stadt Paris. Das Fehlen einer koordinierenden Instanz entwickelt sich mehr und mehr zum Handicap. Paris ist längst vom Umland und der dort vorhandenen Infrastruktur abhängig: Transport, Abwasser, Energie, Wohnraum. All diese Funktionen sind ab den fünfziger Jahren gezielt aus Paris ausgelagert worden, um in der Hauptstadt Platz für hochwertigere Nutzungen zu schaffen. Die in den achtziger und neunziger Jahren vollzogene Dezentraliserung stärkte die einzelnen Gemeinden in ihren Rechten, ohne jedoch eine Instanz für die großräumliche Planung einzusetzen. Dies führt heute zu wachsenden Defiziten im öffentlichen Verkehr, bei der Bereitstellung von Wohnraum und zu einer unkontrollierten Ausbreitung der Banlieue-Städte.
Nach seiner Wahl 2001 führte Bertrand Delanoë, der sozialistische Bürgermeister von Paris, mit der »Conférence métropolitaine« ein regelmäßiges Treffen mit den angrenzenden Gemeinden ein. Dort befürchteten die konservativen Bürgermeister jedoch zunächst einen künftigen Führungsanspruch der Stadt Paris und boykottierten die Versammlungen. Inzwischen hat der französische Präsident Nicolas Sarkozy die koordinierte Entwicklung zur Chefsache erklärt und einen Wettbewerb ausgerufen, in dem Identität, Verwaltung, Mobilität, Wirtschaft und Wohnraum eines zukünftigen »Ballungsraums Paris« aus verschiedenen Blickwinkeln entwickelt werden sollen.
Unter den zehn eingeladenen interdisziplinären Teams aus Stadtplanern, Architekten, Geografen und Künstlern befinden sich Yves Lion, Jean Nouvel, Christian de Portzamparc und Roland Castro, aber auch vier ausländische Büros, wie das Büro LIN aus Berlin. Diese haben jetzt ein halbes Jahr Zeit, sich Gedanken über die Metropole des 21. Jahrhunderts nach Maßgabe des Kyoto-Protokolls zu machen und diese mit Zeichnungen und Modellen auf den Ballungsraum Paris zu übertragen. Eine Ausstellung der Arbeiten ist für Anfang 2009 in der Cité de l’architecture in Paris geplant.
Eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden wird mit darüber entscheiden, ob sich die heutigen Grenzen von Paris verschieben und ob diese Metropolregion durch neue Dynamik ihren Status in Europa hält und ausbaut oder ob sie national und international weiter an Einfluss verliert.