3 Lampugnanis Masterplan: Das Areal wird in einzelne Baufelder zerlegt, die von Nord nach Süd verlaufende Hauptachse wird an drei Stellen platzartig erweitert (zum Forum, zum Green und der Piazetta)
4 Als erstes Projekt wurde der Innenhof des Hauptgebäudes neu gestaltet
5 Der Entwurf von Peter Märkli für ein Bürogebäude mit Besucherzentrum. Der Bau wurde 2004 begonnen und soll 2006 fertig gestellt sein
6 Adolf Krischanitz` Entwurf für ein Laborgebäude. Der Bau soll noch in diesem Jahr fertig gestellt werden
7 Der Entwurf für das dem Diener & Diener-Riegel gegenüberliegende Bürogebäude
8 Die Straßen werden nach berühmten Persönlichkeiten aus der Medizin, der Pharmazie oder Göttern der Heilkunde benannt
9 Die Passage verbindet den Mitarbeiterparkplatz mit dem Novartis-Gelände, sie vermittelt zwischen Innen und Außen
10, 11, 12 Die Anlieferung der fünf je 5 Meter hohen und 15 Meter langen Stahlelemente, aus denen sich die Skulptur von Richard Serra zusammensetzt
13 Der Vorgängerbau: das ehemalige Mitarbeiterparkhaus
Umstrukturierung des Novartis-Areals in Basel

Stadt in der Stadt

Das 20 Hektar große Baseler Werksareal ist Hauptsitz des internationalen Chemiekonzerns Novartis AG. Im Stadtquartier St. Johann an der Grenze zum französischen Huningue gelegen, tritt das Firmenareal mit der umliegenden Stadt in keinerlei Dialog. Lediglich Mitarbeiter haben Zugang, das städtische Leben muss weitgehend um das Gelände herum organisiert werden. Daran wird auch die 2002 begonnene Umstrukturierung zum »Campus des Wissens« nur wenig ändern. The 20 hectare industrial area of St Johann in Basle is the head- quarters of the international pharmaceuticals concern Novartis AG. There is no exchange between the town quarter of St Johann, on the border to the French town of Huningue, and the company area. Merely employees can enter here, whilst the surrounding town has, to a great extent, to be organized round about it. The situation will not be altered by the restructuring of the works grounds, begun in 2002, to become a “Campus of Knowledge“.

Text: Ulrike Kunkel

Fotos: Christian Richters, Roland Schär, Jonas Jäggy
Das ehemalige Sandoz-Areal im Norden von Großbasel ist seit der Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz zur Novartis AG 1996 der Hauptsitz des weltweit agierenden Pharmakonzerns. Ursprünglich städtische Randlage, ist die Stadt inzwischen längst an das Areal herangerückt. Diagonal wird das Grundstück von der Hüningerstraße, die zum Grenzübergang nach Frankreich führt, durchschnitten. Ab 2007 soll die derzeit im Bau befindliche Nordtangente – eine 3,5 Kilometer lange, unterirdisch geführte Stadtautobahn – das Grundstück sowie das gesamte Quartier St. Johann verkehrstechnisch entlasten.
Für die städtebauliche und architektonische Umstrukturierung des Werksgeländes – auf dem neben Büro- und Verwaltungsbauten auch Forschungs- und vereinzelt Produktionsstätten angesiedelt sind – zum »Campus des Wissens«, hat Vittorio Magnago Lampugnani 2002 einen Masterplan erstellt, der seither Schritt für Schritt umgesetzt wird. Novartis verwandelt seinen Hauptsitz in Basel vom Industrieareal zum Wissenschaftsstandort, wobei bereits der Name eine wichtige Aussage über das Vorhaben treffen soll. Denn bei »Campus« denkt niemand mehr an Produktionsstätten einer Chemiefabrik, automatisch gehen die Gedanken in Richtung Universitätscampus, Lehre, Forschung und Denkfabrik.
Masterplan Wichtige Konzeptidee von Lampugnanis Masterplan ist der Stadtraumgedanke. Lampugnani kreiert eine »europäische Stadt«, bestehend aus Versatzstücken gewachsener Städte. Die neue »Novartis-Stadt« ist klar gegliedert, die von Süd-Osten nach Nord-Westen verlaufende Fabrikstraße (am Süd-Ende soll der zukünftige Haupteingang liegen) wird als Rückgrat des Areals ausgebildet. An ihr liegen drei Freiräume – »Forum«, »Green« (Stadtpark) und »Piazetta« – als Plätze der Begegnung und des Austauschs sowie Läden, Cafés und Restaurants in den Erdgeschosszonen der Gebäude. »Wir lehnen es ab, historische Architektur zu imitieren, versuchen aber, von ihr zu lernen. Die neue Fabrikstraße soll insofern eine moderne Version der Rue de Rivoli in Paris werden, als sie von ihr die Typologie der asymmetrischen, auf der einen Seite von Arkadenbauten und auf der anderen von Parkanlagen gesäumten Straße übernimmt. Das Forum darf man sich als belebten, vornehm monumentalen Repräsentationsplatz, das Green wie die Grünanlage einer Universität, die Piazetta wie eine kleine südländische Piazza vorstellen«, erläutert Lampugnani die Sprache seines Masterplans.
Im Wesentlichen wird die Stadt also in ihre traditionellen Bestandteile Gasse und Platz zerlegt und auf einem rechtwinkligen Raster ausgerichtet. Das Raster definiert einzelne Baufelder, die für jeweils ein Gebäude bestimmt sind; die Planungen orientieren sich somit nicht an der Blockrandbebauung des 19. Jahrhunderts. Doch trotz der historischen Vorbilder bleibt Lampugnanis Stadt in ihrem Erscheinungsbild nüchtern und rational. Seine Vorschläge zeigen abermals, dass die Stadt für ihn steinern und typologisiert, eher monumental als kleinteilig ist. Seine Entwürfe sind allerdings nur als »Platzhalter« für einzelne Architekturen zu verstehen, letztendlich wird jedes Gebäude von einem anderen Architekten gebaut werden.
Durchaus bemerkenswert ist der ganzheitliche Planungsanspruch den Novartis mit dem Projekt »Campus des Wissens« von Anfang an verfolgte. So wurden neben Überlegungen zu Städtebau und Architektur auch Lichtplanung, Grünflächenplanung, die künstlerische Gestaltung des Areals sowie das grafische Erscheinungsbild bereits in die Masterplanungen mit einbezogen.
Für die Grünflächengestaltung zeichnet der amerikanische Landschaftsplaner Peter Walker verantwortlich. Zentrale Bedeutung misst er den Flächen zu, die direkt in der »Stadt« liegen; so zum Beispiel dem »Green« hinter dem Hauptgebäude oder der Baumreihe entlang der Fabrikstraße, die zwischen dem zentralen Eingangstor im Süden und der Fußgängerunterführung zum Mitarbeiterparkplatz im Norden eine verbindende Achse spannen soll. Aber auch dem Birkenwäldchen im Hof des Hauptgebäudes von 1939 – einer der wenigen Bauten, die erhalten bleiben werden – kommt eine wichtige Rolle zu. Am Rhein ist eine Promenade vorgesehen, ein öffentlicher Streifen entlang des ansonsten unzugänglichen Bezirks. Großzügig beziehen die Planungen auch Flächen mit ein, die nicht Novartis, sondern (noch) dem Kanton gehören, so zum Beispiel den Industriehafen St. Johann. Konsequenterweise verhandelte Novartis seit längerem mit der Stadt, um die betreffenden Flächen am Rheinufer zu erwerben. Und obwohl Novartis` Ideen den Vorstellungen der Stadt, den Hafen St. Johann zu einem Mischgebiet (Wohnen und Arbeiten) zu entwickeln, entgegenstehen, ist man sich zugunsten von Novartis nun einig geworden.
Realisierung Relativ kurz getaktet, soll in jedem Jahr mindestens ein Projekt ausgeführt werden, wobei die Umsetzung der Frei- flächenplanungen am Anfang der Umstrukturierung steht. Durch industrielle Nutzung geprägt, war das Areal zum überwiegenden Teil asphaltiert und mit einem ausgedehnten Schienennetz bedeckt, nur wenige Bäume und Grünflächen lockerten das Gelände auf oder boten Aufenthaltsqualität für die Mitarbeiter. Als erstes Vorhaben zur Beseitigung dieses Mankos ist der Innenhof des Hauptgebäudes 2003 neu gestaltet worden. Von den Fluren sowie von etlichen Büros aus blicken die Mitarbeiter nun auf ein Birkenwäldchen mit innen liegender Wasserfläche.
Der im Februar dieses Jahres verstorbene Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann war innerhalb des Planungsteams für die künstlerische Ausstattung des Geländes zuständig. Eine seiner spektakulärsten Ideen für den Campus konnte im Mai 2004 bereits eingeweiht werden: die bislang größte im Freien stehende Stahlskulptur »Dirk`s Pod« von Richard Serra. Dort, wo das Novartis-Gelände aufhört und Frankreich beginnt, bildet sie einen markanten Endpunkt der Fabrikstraße. Unmittelbar dahinter verschwinden die Mitarbeiter seit August 2004 in einer Passage, die sie auf der anderen Seite auf dem Parkplatz (im Nachbarland Frankreich) wieder entlässt. In der Unterführung erhält man eine erste Kostprobe des Lichtkonzeptes für den Campus von Andreas Schulz. Im Weiteren sollen unter anderem Zusammenhänge in der Wegeführung durch wiederkehrende Leuchten und Lichtintensitäten deutlich gemacht werden. Damit der Campus ein charakteristisches Gesamtbild erhält und klar zu definieren ist, wurde der Brite Alan Fletcher als Spezialist für Corporate Design hinzugezogen. Seine Entwürfe für ein Leitsystem, für Straßenschilder, Werbeflächen aber auch Pflasterung und Stadtmobiliar werden parallel zu den Baumaßnahmen umgesetzt.
Sehr bald nachdem der Masterplan vorlag, wurde mit den Ausschreibungen für die einzelnen Baufelder begonnen. Die bisherigen Entscheidungen erfolgten jeweils nach Auslobung eines beschränkten Wettbewerbs. Seit Juni 2005 ist nun das erste Gebäude fertig gestellt, ein Verwaltungsgebäude am südwestlichen Rand des Areals vom Basler Büro Diener & Diener. Zurzeit sind bereits drei weitere Gebäude der Architekten Adolf Krischanitz (Österreich), Peter Märkli (Schweiz) sowie des Büros Sanaa (Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, Japan) im Entstehen.
Wird der Masterplan konsequent umgesetzt und unter anderem der Haupteingang in den Süd-Westen verlegt, befindet sich der Bau von Diener & Diener in überaus exponierter Lage sowohl innerhalb des Geländes als auch zur Stadt. Der schlanke, mit verschiedenfarbigen Glasschuppen bedeckte Riegel wird dann, zusammen mit dem gegenüberliegenden Bürogebäude des Architektenduos Sanaa, eine Art großes Eingangstor zum Campus bilden. Die hochkomplexe Glasfassade des »Forum-3-Gebäudes« entwarf und installierte der Schweizer Maler Helmut Federle gemeinsam mit dem österreichischen Architekten Gerold Wiederin. Die Außenfassade besteht aus 1200 asymmetrisch an vertikalen Stangen montierten Glastafeln. Hinter der gläsernen Hülle befinden sich tiefe Loggien mit Außenklima, die als Aufenthaltsbereiche gedacht sind. Die insgesamt fünf Geschosse hängen an zwei Erschließungskernen; die Büroetagen sind außerdem durch eine oval gewendelte Treppe aus Nussbaumholz miteinander verbunden. An der Südseite haben Vogt Landschaftsarchitekten über vier Geschosse einen urwaldähnlichen Garten gestaltet.
Dass der Auftaktbau auf dem neuen Novartis-Campus von einer derartigen Leichtigkeit und Transparenz ist, überrascht nach den von Lampugnani formulierten Vorstellungen der steinernen Stadt. Der Maßgabe von Arkaden in den Erdgeschosszonen wurde hingegen, zumindest an den Hauptachsen, entsprochen. Diener & Diener setzten sie in Form einer eleganten Auskragung über die gesamte Gebäudelänge zum Campusplatz (dem Forum) hin um. Die Idee der »Novartis-Stadt des Wissens« kommt in Lampugnanis Planungen klar zum Ausdruck; doch kann diese Stadt in der Stadt, die in erster Linie der unternehmerischen Selbstdarstellung nach innen und nach außen dient, überhaupt funktionieren? Kann sich das erhoffte städtische Leben in dieser künstlichen Stadt, die vor der gewachsenen, die sie umgibt, geschützt wird, entwickeln? Erschwerend kommt die auf dreißig Jahre angesetzte Realisierungszeit hinzu; über die Jahrzehnte werden sich die Zuständigkeiten im Konzern mehrfach ändern, so dass es nicht einfach sein wird, eine Planungskontinuität zu gewährleisten.
Für Basel und für Novartis wäre es zweifelsohne wünschenswert, dass die Städte nicht nur nebeneinander, sondern miteinander funktionierten; dem geplanten Besucherzentrum auf dem Gelände sowie den umliegenden Grünflächen könnte bei der Vernetzung eine wichtige Aufgabe zukommen. U. K.
Bauherr: Novartis Steering Committee: Daniel Vasella, Martin Batzer, Martin Kieser, Vittorio Magnago Lampugnani, Andree Putman, Jörg Reinhardt, Wolfdietrich Schutz, Peter Walker, Marco Serra Core Projekt Team: Wolfdietrich Schutz, Martin Batzer, Felix Räber, Michael Plüss, Albert Buchnüller, Robert Ettlin, Christian Eugster, Martin Kieser, Markus Oser, Jörg Schwarzburg, Frank Bitterlin, Eddi Brander, Bernhard Frey Jaeggi, Anderas Fürst, Gabi Keuerleber, Reto Naef, Rene Rebmann, Marco Serra, Elke Albrecht, Patrick Burgherr, Oliver Kuonen, Hans Locher Masterplan: Studio di Architettura, Milano. Vittorio Magnago Lampugnani Landschaftsarchitektur: Peter Walker & Partners, California Beleuchtungskonzept: Licht Kunst Licht, Andreas Schulz, Bonn und Berlin Künstlerischer Berater: Harald Szeemann (†), Agentur für geistige Gastarbeit, Tegna Identity: Alan Fletcher, London Dokumentation: Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, Abteilung Visuelle Kommunikation, Michael Renner Gesamtfläche: ca. 20 ha Realisierungszeit: ca. drei Jahrzehnte Bürogebäude Bauherr: Novartis Pharma AG Architekten: Diener & Diener Architekten mit Helmut Federle und Gerold Wiederin Generalplaner: Diener & Diener Architekten, Basel Bauleitung: Büro für Bauökonomie AG, Luzern Bauingenieur: Ernst Basler & Partner AG, Zürich Fassadenplaner: Emmer Pfenninger Partner AG, Münchenstein Elektroplanung: Sytek AG, Binningen Planung Pflanzenraumsteuerung: Gebrüder Gysi AG, Baar Arbeitsplatzgestaltung: Sevil Peach Gence Associates, London Landschaftsarchitektur: Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich Kunstlichtplanung: Licht Kunst Licht GmbH, Bonn und Berlin Tageslichtplanung: Institut für Tageslichtplanung, Stuttgart Bauphysik und Akustik: Ehrsam & Partner, Pratteln Gebäudegrundfläche: 1215 m2 Bruttogeschossfläche: 8848 m² Gebäudevolumen: 52788 m3 Bauzeit: Oktober 2003 – Mai 2005