Schwindelturm im hyde Park

~Jörn Ebner

Auf den ersten Blick passt der diesjährige Serpentine Pavilion gut in meine Sammlung brauner Bakelit-Objekte. Allerdings besteht er aus dunklen Schichtholzplatten. Spiralenförmig windet sich das Gebilde himmelwärts, eine Form, die auf halber Strecke abgebrochen und als spitzer Hut weitergeführt wird. Eine Rampe mit Blick auf die Parklandschaft verläuft von innen nach außen, bis zu einer Aussichtsplattform mit Blick von oben auf den Innenraum. Vielleicht durch die Kombination von gekrümmtem Dach nahe am Kopf und offenem Raum unten trat bei mir ein überraschendes Schwindelgefühl auf. Das verwundert wenig, da der in Berlin lebende Künstler Olafur Eliasson, der diese Struktur zusammen mit dem norwegischen Architekten Kjetil Thorsen aus dem Architekturbüro Snøhetta entwickelt hat, für seine physisch wirkungsvollen Nachbildungen von Natursituationen, wie das Schwitzen in einem feuchtheißen Raum oder das Blenden der Sonne, bekannt ist. Im Inneren hat das Duo einen multifunktionalen Ort geschaffen, an dem mit einem Café Geld verdient und mit einem von der Galerie kuratierten Programm Kultur vermittelt wird. Kaltes Licht verbreiten kugelförmige Lampen auf Stativen für ein Publikum, das sich auf roten Sitzkugeln und -kissen niederlässt, umgeben von einer polyedrischen Sitzlandschaft, die an die Gesteinsformationen des nordirischen Giant’s Causeway erinnert. Dadurch entsteht ein angenehm offener Raum, dem die dünnen weißen Seile, die an einer Seite den Blick zum Park brechen, eine Art Schutz bieten. Von außen besehen, bewegt sich dieses elegante Gebäude zwischen Gebrauchsdesign und buckminsterfullerscher Tensegrity. Von innen ist es »nur« ein offener Raum – metaphorisch gesehen jedoch ein Gebäude, das die Sicht auf Kultur und Gesellschaft irritiert, aber den Blick auf die Natur schärft: Man schaut ins Haus und schwindelt, man schaut in den Park und behält den klaren Blick.