1 Monat GRATIS testen, danach für nur 6,90€/Monat!
Startseite » Allgemein »

Möbelmesse Mailand 2011

Allgemein
Möbelmesse Mailand 2011

Zum 50. Jubiläum präsentierte sich die Mailänder Möbelmesse selbstbewusst und in Feierlaune. Man gab sich ökologisch korrekt und wartete mit besonders vielen — z. T. durchaus bemerkenswerten und überraschenden — Neuheiten auf. Ein Rundgang mit der db.

Text: Ulrike Kunkel

Vor 50 Jahren mit dem Anliegen gegründet, den Verkauf italienischer Möbel ins Ausland zu steigern, ist der Salone Internazionale del Mobile längst zur bedeutendsten Möbelmesse der Welt und zur wichtigsten Plattform für den internationalen Branchenaustausch geworden. Über die Jahrzehnte, außer in ausgesprochenen Krisenzeiten, fast kontinuierlich gewachsen, wurde aus der ursprünglichen Herbst- eine Frühjahrsmesse, auf der sich in diesem Jahr auf ca. 500 000 m² 2 775 Aussteller (darunter so viele deutsche Firmen wie noch nie) und mehr als 320 000 Besucher tummelten. Nicht mitgezählt die zahlreichen, über die gesamte Stadt verteilten Präsentationen in Showrooms und an anderen (alternativen) Standorten. Seit Mitte der 70er Jahre wird die Mailänder Möbelmesse außerdem abwechselnd von zwei internationalen Sonderschauen begleitet: Die jeweils in geraden Jahren stattfindende Küchenmesse »Eurocucina« und die Leuchten- und Beleuchtungsmesse »Euroluce«. Und auch der Nachwuchs hat seinen festen Platz gefunden: Auf dem »SaloneSatelite« präsentieren sich, nunmehr seit 13 Jahren, inzwischen jährlich mehr als 200 Jungdesigner mit ihren Ideen und konkurrieren um den vom design report in diesem Jahr bereits zum 12. Mal vergebenen design report award.
Nachhaltig sitzen
Nachdem die Jahre 2008 und 2009 eher von allgemeiner Zurückhaltung geprägt waren, wurden die Inszenierungen seit 2010 wieder aufwendiger, die Entwürfe auffälliger, und gab es spätestens 2011 doch wieder das eine oder andere Überraschende, Außergewöhnliche, zuweilen Gewagte oder sogar Richtungsweisende zu entdecken. Ein omnipräsentes Thema, an dem natürlich auch der Salone nicht vorbei kam, ist das Thema Nachhaltigkeit. Muss man bei vielen Herstellern und Designern nach wie vor eher von einer Feigenblatt-Taktik sprechen, präsentierte das Studio Aisslinger in Zusammenarbeit mit BASF einen wirklich überzeugenden Beitrag: Den ersten Monoblock-Stuhl, der überwiegend aus Hanf und Kenaf (einem Malvengewächs) gefertigt wird. Beim »Hemp Chair« [1] werden die Pflanzenfasern verpresst und mittels eines umweltverträglichen Binders mechanisch belastbar gemacht. Das Material, das in der Autoindustrie z. B. bei Tür- innenverkleidungen Verwendung findet, hält mit diesem Entwurf nun auch Einzug in die Möbelindustrie. Ebenfalls vielversprechend – ein Prototyp des Stuhls »Zartan« von Philippe Starck und Eugeni Quitllet für den italienischen Hersteller Magis, dessen Sitzschale aus sogenanntem Flüssigholz ist. Ein Werkstoff, der größtenteils aus Lignin, dem nach Zellulose zweithäufigsten in der Natur vorkommenden Polymer, besteht, und der sich im Spritzguss wie Plastik verarbeiten lässt.
Einen Ausflug in die Automobilindustrie machte auch der deutsche Hersteller Wilkhahn. Wie beim Karosseriebau wird der Sitz- und Rückenrahmen des universell einsetzbaren Stuhls »Chassis« [2] aus dünnem Stahlblech in einem Stück tiefgezogen; ebenso die Anschlussstücke der Stuhlbeine, die anschließend per Roboter mit dem Rahmen und den Beinen aus Rundstahl verschweißt werden. Auf das Gestell wird eine Sitzschale aus durchgefärbtem Polypropylen gespannt, wodurch Gestell und Schale zu einer Einheit verschmelzen. Der filigrane, überaus dezente und dennoch markante Stuhl des Münchner Designers Stefan Dietz wiegt 5,4 kg und ist begrenzt (bis zu vier Stühlen) stapelbar. 2008 hatte ihn Wilkhahn auf der Orgatec zum ersten Mal vorgestellt; der bisher in Schwarz, Weiß und Grau erhältliche Stuhl, wurde in einer Sonderpräsentation in Mailand nun auch in verschiedenen farbigen, textilbezogenen Varianten gezeigt. Das Farb- und Stoffkonzept für die neuen Chassis-Ausführungen entstand in Zusammenarbeit mit der Designerin Farah Ebrahimi, die auch für die hessische Möbelfirma e15 arbeitet.
Wo sind denn hier die Neuheiten?
Auch aus Metall und lediglich aus einem einzigen Stück: Der »Pressed Chair« [3] des Südtiroler Designers Harry Thaler, den Nils Holger Moormann nach Mailand mitbrachte. Der noch nicht ganz serienreife Stuhl wird aus einem Blech gestanzt und erhält durch Verformung und umlaufende, reliefartige Prägungen seine Stabilität. Auf dem Stand des Aschauer Unternehmers fand sich ansonsten noch eine Vielzahl merkwürdiger, verhüllter Objekte unterschiedlicher Größe. Darunter »La Funsl« von Giacomo Luminati, erstmals zu sehen 2018! Moormanns Antwort auf den Neuheiten-Wahn. Die ewig gleiche Frage der hektisch auf den Stand rennenden Besucher nach den Neuheiten hatte er einfach satt …
Recht hat er, ist man geneigt zu sagen. Der italienische Hersteller Moroso dürfte das allerdings anderes sehen. Er kann auf die gierige Frage nach Neuheiten nur müde lächeln und mit einer ausschweifenden Handbewegung über den wie immer großzügigen, wenngleich in diesem Jahr schlichter als sonst gestalteten Stand zeigen. Ein Hingucker hier war auf jeden Fall »Biknit« [4], ein Stuhl und eine Chaiselongue der spanischen Chefdesignerin Patricia Urquiola. Die Sitzflächen bestehen aus überdimensionierten Strickmaschen aus Polypropylen mit einem Kern aus Fossfill-Polyethylen, gespannt über einen Stahlrahmen. Die Basis und gleichzeitig einen gelungenen Kontrast bildet ein kantiges Holzuntergestell. Alle Materialien sind wetterbeständig, so dass sich das Möbel auch für den Einsatz im Freien eignet.
Vielseitig und wandelbar
Ebenfalls wetterfest: der Sessel »Waver« [5] von Konstantin Grcic für Vitra. In seiner – für den Schweizer Möbelhersteller überraschenden Formensprache – lehnt sich der Drehsessel mit Vierbeinfuß an Outdoor-Sportarten wie Windsurfen oder Paragliding an. Wie ein Gleitschirmflieger in seinem Gurt »hängt« der Nutzer – allerdings recht bequem – in einem mit Stoff bespannten Sitz, der vorne an zwei Gurten in den Stahlrohrrahmen eingehängt ist und hinten einfach über denselben gestülpt wird. Der Rahmen ist so geformt, dass er die Flexibilität eines Freischwingers bietet. Mit 987 Euro ist Waver, der ab Herbst 2011 im Handel ist, für einen Gartensessel zwar relativ kostspielig, da er sich aber durchaus auch für den Einsatz im Haus eignet, wird er hier zu einer adäquaten Sessel-Variante.
Vergleichsweise preiswert und dabei mit einer Funktion ausgestattet, die bislang mechanischen Bürostühlen vorbehalten war: »Tip Ton« [6] von BarberOsgerby, ebenfalls für Vitra. Bei diesem robusten, recycelbaren Kunststoffstuhl aus einer einzigen Gussform ist Kippeln erwünscht. Durch die Form der Boden- kufen neigt sich der Stuhl bei einer Bewegung (z. B. in Richtung Tisch) um neun Grad nach vorne; Becken und Rückgrat richten sich auf, die Durchblutung wird verbessert. Tip Ton ist stapelbar und eignet sich für den Einsatz in Schulen, Bibliotheken, Cafeterien, aber auch für den Esstisch daheim.
Auch bei Walter Knoll gab es eine Premiere: Der Hersteller aus Herrenberg präsentierte seine erste Teppichkollektion. Die Teppiche, gefertigt nach traditioneller Handwerkskunst in zertifizierten Manufakturen in Nepal, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Textildesigner Helmut Scheufele. Doch natürlich hatte der weitläufige Messestand noch anderes zu bieten. Unter den neun neuen Produkten und Programmerweiterungen war auch der Schalensessel »Lox« [7] von PearsonLloyd. Ein skulpturaler Drehsessel mit einer eleganten Kunststoffschale in Weiß oder Schwarz mit Rücken- und Sitzpads aus Leder oder Stoff, die sich bei Bedarf auswechseln lassen. Lox ist ein vielseitig einsetzbarer Entwurf für den Objekt- oder Privatbereich, der je nach Farbe und Ausstattung seriös, edel, verspielt oder trendy wirkt und somit einen perfekten Querschnitt durch die diesjährige Bandbreite der Neuheiten auf der Mailänder Möbelmesse darstellt. •
Aktuelles Heft
Anzeige
Anzeige
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
Anzeige