Umbau der Alten Schule in Winterbach

Hereinspaziert

Mit seiner wechselhaften Nutzungs- und damit An- und Umbaugeschichte steht das Winterbacher Schulhaus gewiss nicht allein. Mit einer neuen Artikulation am Eingang und veränderten Fassadenöffnungen gaben die Architekten dem gesamten Komplex wieder eine stringente Struktur. With its changes of usage and the consequent additions and conversions the Winterbach school house is certainly not unique. With a new „articulation“ at the entrance and alterations in the façade the architects gave the whole complex structural stringency.

Text: Hans-Jürgen Breuning Fotos: Valentin Wormbs

Für die Alte Schule in Winterbach hätte es kaum tragischer beginnen können: Bei Bauarbeiten im Mai 1934 wurde die Statik des vorhandenen Schulhauses so stark untergraben, dass dieses Gebäude während des Unterrichts einstürzte. Eine Gedenktafel im kleinen Foyer erinnert noch heute an das Unglück, bei dem sieben Schüler und ein Lehrer den Tod fanden. Die Alte Schule wurde schließlich in direkter Nachbarschaft zur Unglücksstelle gebaut und steht dort nun seit rund siebzig Jahren – wohl gegründet. Alles geradlinig, streng, ordentlich und aufgeräumt.
Doch schon beim Näherkommen fällt auf, dass sich in der Dorfschule inzwischen einiges verändert hat: Statt der vertrauten Putzfassaden begrüßt im Kindergarten, der von Anfang an zum Schulhaus gehörte, ein kubischer Lärchenholzbau die ankommenden Kinder. Der neue kantige Holzpavillon, den die Architekten vor den Kindergarten stellten, dient als kleiner Empfangs- und Bewegungsraum. Und nicht nur das ist anders: Große, doppelflügelige Türen öffnen sich direkt zum neu gestalteten Freibereich, eine breite Freitreppe lädt zum Spiel im Garten ein. Der neue Zugang, der mit seiner Thermowood-Schalung gleich vorne an der kleinen Natursteinmauer beginnt, wirkt bis in den Straßenraum hinein. Zusammen mit dem in die Straßenflucht gestellten, hölzernen Geräteschuppen bestimmt der Anbau nun das Ankommen der Kinder. Eine zurückgesetzte, kleine Treppe führt nach oben auf das Hochparterre, geradewegs in den Empfangsraum hinein. Mit diesem Niveausprung reagiert der Neubau auf die vorhandenen Höhen der Alten Schule. Wenngleich der Kindergarten durch den Holzpavillon nicht sehr viel an Fläche hinzugewonnen hat, so ist die Veränderung deutlich spürbar. Der kleine Anbau, der sehr stark aus den spezifischen Bedingungen des Ortes entwickelt wurde, hat dem Kindergarten eine neue Sprache gegeben. Die Strenge des Schulhauses, das unbeirrt zur Straße und der nahe gelegenen Dorfkirche hinüberblickt, hat durch den vorgesetzten Holzbau eine merkliche Störung erfahren. Und auch die Freiflächen wurden neu aufgeteilt: Direkt vor dem alten Haupteingang der Schule und seinen symmetrischen Treppenläufen befindet sich heute der Freibereich des Kindergartens.
Damit gelingt den Architekten zwar eine klare Zuordnung des Spielbereichs für den Kindergarten, doch das kleine Uhrtürmchen über dem Schuleingang mahnt nun vergeblich zur Pünktlichkeit – der Haupteingang hat ausgedient. Die Schüler müssen neuerdings hinter ihr Schulhaus laufen, um von dort in die modernisierten Klassenzimmer zu gelangen. Dort angekommen, dürfen sie sich aber über die überzeugend gestalteten Räume freuen. Das vorhandene Fischgratparkett aus Eichenholz wurde durch neue Fensterbretter und Einbaumöbel ergänzt. Farbige Pinnwände in gedecktem Rot, schlanke Leuchtstoffröhren, graue Technikboxen und grüne Flurwände machen deutlich, dass die Alte Schule beachtlich jünger geworden ist. Obwohl sich die vorhandenen Klassenräume immer noch brav entlang des Flures aufreihen, hat sich auch hier etwas verändert: Zuschaltbare Gruppenräume ermöglichen nun räumliche Flexibilität für das Lernen in größeren und kleineren Gruppen.
Beim Blick nach draußen in Richtung des Pausenhofs wird jedoch offensichtlich, dass sich die Alte Schule in schwieriger Nachbarschaft befindet. Der kleine Anbau hinter dem Musikzimmer, worin sich seit den dreißiger Jahren die Schülertoiletten befinden, und die sanierte, pastellblau verputzte Sporthalle prallen recht ungelenk aufeinander. Kräftig blaue Fensterrahmen und ein merklich überinszenierter Halleneingang mit viel Stahl und Glas zeugen von einer wenig sensiblen Modernisierung des betagten Nachbarbaus. Dessen Umgestaltung lag leider nicht in den Händen von Bernd Treide und Jochen Rapp. Dass ihr neuer Kindergartenpavillon und der hölzerne Geräteschuppen dabei die ruhige Straßenseite besetzen und nicht in Konkurrenz zu den anderen Schulbauten an der Hofseite treten müssen, ist wahrlich positiv zu bewerten. Besonders die nahe gelegenen Betonwürfel der Schulerweiterung aus den siebziger Jahren hätten dafür ein seltsames Gegenüber geschaffen.
Mit ihrer strengen Hoffassade wirkt die Alte Schule mit ihrem Kindergarten dagegen als ruhender Pol in diesem aufgeregten Ensemble rund um den Pausenhof. Ihre eloxierten Aluminiumfenster und das helle Grau des Putzes künden von einer zurückhaltenden, von außen beinahe kühlen Sprache. Auch die vier Klassenräume im Obergeschoss, die sich zum Pausenhof orientieren, sind grundsolide ausgestattet. Hier erwartet die Schüler neben den farbigen Pinnwänden ein schlichter Linoleumbelag.
Eigentlich sollte auch der Treppenaufgang etwas großzügiger und attraktiver gestaltet werden, aber dafür blieb durch den Raum für die Kernzeitenbetreuung keine Gelegenheit mehr. So erscheint das Schulhaus auch heute noch ähnlich kompakt und bescheiden wie schon in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.
Das Neue erliegt nicht der Versuchung, das Alte dominieren zu wollen, Geschichte wird nicht zwanghaft geglättet und geschliffen. Das macht dieses Haus mit seinen Ecken und Kanten außergewöhnlich sympathisch. H.-J. B.
Bauherr: Gemeinde Winterbach Architekten: treide rapp architekten pg, Heilbronn Bernd Treide, Jochen Rapp Tragwerksplaner: Böck Hassmann Schmied, Schorndorf