Gedenken im Belvedere?

~Ira Mazzoni

Ein Dokumentationszentrum ist keine Gedenkstätte. Es ist kein Denk- und kein Mahnmal. Auch kein Museum. Und doch verdankt sich ein NS-Dokumentationszentrum dem Gedenken an die Opfer des Terrorregimes. Immer soll ein solches Dokumentationszentrum zum Nach-Denken anregen. Es soll Erinnerungen wach halten und bei Nachgeborenen ein historisches Bewusstsein wecken. Es soll aufklären, mahnen und warnen. Ein Dokumentationszentrum hat nicht nur Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft kritisch zu reflektieren.
»Wehret den Anfängen!« Das könnte das Thema des in München geplanten NS-Dokumentationszentrums sein. München war die »Hauptstadt der Bewegung«, die Stadt, in der die NSDAP und Adolf Hitler Unterstützung fanden und Macht gewannen. Mit dem Kauf des klassizistischen Palais Barlow an der Brienner Straße, 1930 und dem Umbau zur Parteizentrale demonstrierten die Nazis ihren Aufstieg. Nach der Machtergreifung eignete sie sich das Villenviertel rund um den Karolinenplatz systematisch an. Abrisse schafften Platz für Repräsentationsbauten. Anstelle des Hauses Pringsheim wurde nach Plänen von Paul Ludwig Troost die Parteiverwaltung errichtet, die mit dem sogenannten Führerbau auf der gegenüberliegenden Straßenseite korrespondierte. Zwei »Ehrentempel« für die »Blutzeugen« des 1923 gescheiterten Hitler-Putsches übernahmen Portalfunktion für den Königsplatz, der zum Forum für Aufmärsche wurde. Während die Repräsentationsbauten seit Kriegsende von verschiedenen Kultureinrichtungen genutzt werden, ist Gras über das 1947 abgerissene »Braune Haus« (Palais Barlow) und die gesprengten Ehrentempel gewachsen.
Gegen das Verdrängen und Vergessen fordern Initiativkreise seit bald zwei Jahrzehnten ein angemessenes Dokumentationszentrum möglichst am Ort des Braunen Hauses. Der Freistaat Bayern als Grundstückseigentümer widersetzte sich dem Ansinnen lange. Zum Stadtjubiläum 2008 konnte endlich ein Architekturwettbewerb ausgelobt werden. Staat und Bund werden sich mit je 9,4 Mio. Euro an den auf 30 Mio. veranschlagten Baukosten beteiligen.
Welche architektonische Form soll einem solchen Denk- und Lernort gegeben werden? Der von der Stadt München ausgelobte Realisierungswettbewerb wurde Anfang März entschieden. Nach Beurteilung von 48 eingereichten, überraschend gleichförmigen und unspektakulären Arbeiten, entschied sich das Preisgericht unter Vorsitz von Peter Kulka mehrheitlich für den Entwurf des Berliner Büros Georg Scheel Wetzel Architekten mit Weidinger Landschaftsarchitekten. Ein weißer Betonwürfel soll mit einer Kantenlänge von 22 Metern den Führerbau überragen. »Selbstbewusste« »Zeichenhaftigkeit« attestiert die Jury dem Siegerentwurf. Der hermetische Würfel, dessen zweigeschossige Fensteröffnungen mit Betonlamellen optisch geschlossen werden, stehe im starken Kontrast zur Umgebung, heißt es wohlwollend im Protokoll. Zwar haben würfelförmige Bauten in Form von klassizistischen Villen im Viertel eine gewisse Tradition, aber die Größe des geplanten Baukörpers zielt doch auf ein Monument. Ein Beton-Hochhaus von 22 Metern provoziert. »Das ist schon sehr hoch«, gibt Iris Lauterbach zu bedenken, die im Zentralinstitut für Kunstgeschichte mit der Aufarbeitung der Quartiers-Vergangenheit betraut ist. »Der Neubau wird die Augen, die sich an Grün gewöhnt hatten, massiv irritieren – das soll er auch.« Trotzdem, so die zurückhaltende Kunsthistorikerin, müsse man prüfen, wie sich das Dokumentationszentrum auf das Ensemble von Königsplatz und Karolinenplatz auswirkt. Schon werden Stimmen aus dem Stadtbezirk laut, die dem politisch gelobten »großen Wurf« eine fatale formale Nähe zu den von den Nazis gebauten Hochbunkern unterstellen. Und die Betonlamellen? German Bestelmeyer hat das Gliederungselement beim Ausbau des Deutschen Museums in den dreißiger Jahren umfassend eingesetzt. Aber sind sie damit ein für allemal tabu? Bei einer vom Initiativkreis initiierten sonntäglichen Debatte am 22. März in der Pinakothek der Moderne wurde deutlich, dass trotz aller Einwände dem Projekt viel Sympathie entgegengebracht wird. Es wurde auch deutlich, dass die Architekten, werden sie mit der Realisierung beauftragt, viel nacharbeiten müssen. Typisch münchnerisch regten Teilnehmer der Sonntagsrunde schon eine Aussichtsterrasse auf dem Würfel an. Aber passt ein Belvedere, wie er für Lusthäuser üblich war, auf ein Dokumentationszentrum, das der Aufklärung dienen soll? Mit dem Aufsatz ginge auch die gewollte Geometrie verloren. Mit einer Café-Terrasse im Vorhof im Schatten des Ehrentempel-Biotops könnte die Idyllisierung weiterentwickelt werden. Es herrscht Klärungsbedarf: Wie abstrakt, wie hermetisch, wie verstörend muss der Bau werden, um Denk-Mal zu sein? Wie weit muss er sich öffnen, um Aufklärungsarbeit leisten zu können?