er baut und baut!

~Heike Wefelscheid

Oscar Niemeyer, der Wegbereiter der brasilianischen Moderne, wird am 15. Dezember 100 Jahre alt. Zu einer Ehrenfeier kehrte der Pritzker-Preisträger im August zurück an den Ort, an dem seine Karriere begann. Hier in Belo Horizonte entstanden in den vierziger Jahren seine ersten Werke – so auch die Pampulha-Anlage mit der St.-Franziskus-Kirche, deren geschwungene Formen den Architekten zu Weltruhm führten. Die Stadt widmete ihm daher zum Jubiläum einen Ausstellungsweg, den überdimensionale Skizzen-Skulpturen in den Straßen der Stadt begleiteten.
Dabei konnte jeder Besucher erleben, dass der selbst ernannte Erfinder der freien Kurve nicht immer ein Gegner des rechten Winkels war, auch wenn er immer betont, dass Architektur für ihn zuerst eine sinnliche und expressive Kunst sei und sich deshalb nie in reinem Funktionalismus erschöpfen dürfe. Inmitten der heutigen Hochhauskulisse Belo Horizontes wirken jedoch auch seine rechten Winkel inspirierter und frischer als ihre Nachfolger. Vielleicht fiel die Wahl deshalb wieder auf Niemeyer, als es vor drei Jahren ein neues Regierungszentrum in Belo Horizonte zu entwickeln galt. Es ist sein derzeit größtes Projekt. Die vier Gebäude mit insgesamt 200 000 m² Nutzfläche für 23 000 Beamte sollen das größte Verwaltungszentrum Südamerikas werden.
Niterói nahe Rio de Janeiro bemüht sich derzeit ebenfalls um den berühmten Architekten. Hier entsteht ein Ensemble aus neun Gebäuden entlang einer sieben Kilometer langen Strandpromenade mit Blick auf den Zuckerhut, der sogenannte Niemeyer-Weg. Die Stadt wollte den Erfolg des 1998 eingeweihten Museu de Arte Contemporânea ausbauen und engagierte Niemeyer für weitere Bauten: ein Theater, zwei Gedenkstätten, einen neuen Fähranleger, eine Kirche, ein Filminstitut und den künftigen Sitz der Niemeyer-Stiftung. Doch seit 2000 zieht sich das Projekt aufgrund von Finanzproblemen der einzelnen Bauherren hin. Nur das Teatro Popular sowie das Silveiro-Robert-Denkmal konnten bisher eingeweiht werden. Im Jubiläumsjahr steht nun auch das Gebäude der Niemeyer-Stiftung vor seiner Fertigstellung. Sie soll eine Ausstellung über das Leben und Wirken Niemeyers zeigen und den architektonischen Nachlass verwalten.
Selber spricht Niemeyer noch nicht von Ruhestand und nur wenig von Architektur. Er betrachtet Architektur als Ergänzung wichtigerer Dinge: der Mensch, das Leben, die Freunde, die Familie. So spricht der überzeugte Kommunist lieber von Weltpolitik, von Ungerechtigkeit und von Revolution. Daher zeigen sich auch nicht alle Brasilianer begeistert vom Durchhaltevermögen ihres Stars. Aber Niemeyer ist es gewohnt, mit Kritik umzugehen. Er will noch vieles verändern.