Chandigarh ehrt Le Corbusier

~Bärbel Högner

Über fünfzehn Jahre hinweg reiste Le Corbusier zweimal im Jahr für einen Monat nach Indien, um im Auftrag der Regierung des Bundesstaates Punjab den Bau der neuen Hauptstadt zu betreuen. Nun eröffnete Chandigarh pünktlich zum 121. Geburtstag des Meisters im Oktober das Le Corbusier Centre am einstigen Ort seines Wirkens – dem Old Architects´ Office.
Der flache, lang gestreckte Bau war eines der ersten Gebäude der Planstadt. Hier arbeitete von 1951 bis 1965 das erste Architekten- und Ingenieurteam unter der Leitung von Le Corbusiers Cousin Pierre Jeanneret. »Von hier aus entstand die ganze Stadt«, erzählt M. N. Sharma, der nach Le Corbusiers und Jeannerets Tod als erster Inder das verantwortungsvolle Amt des Chefarchitekten übernahm. »Der Schweiß tropfte auf die Pläne, die Papiere wellten sich in der Regenzeit. Wir zeichneten den ganzen Tag und diskutierten am Abend noch weiter. Besonders wenn Corbu kam, war es ein 24-Stunden-Job.«
Mit dem Ende der Ära von Le Corbusier und Jeanneret mussten die Architekten diesen zentralen Ort verlassen, denn Chandigarh erhielt 1966 den Status eines Neu-Delhi direkt unterstellten Stadtstaates. Seither waren die Planer in der städtischen Verwaltung untergebracht und folgten routinemäßig den gestalterischen Richtlinien Le Corbusiers. Sogar Privatleute ließen ihre Häuser nach diesen Vorgaben bauen. Dank dieser »Tradition« dürfte Chandigarh die weltweit größte Umsetzung von Prinzipien der Moderne sein. In den letzten Jahren wuchs vor Ort das Bewusstsein für die einzigartige Gestaltung von Indiens jüngster Stadt, weil Le Corbusiers Werk länderübergreifend als Weltkulturerbe vorgeschlagen wurde. Mit dem Old Architects´ Office bekannten sich die Stadtoberhäupter erstmals zum Erhalt eines »alten« Gebäudes.
Die Broschüre für Besucher verweist auf die markanten Merkmale des lokalen Designs, die Jeanneret mit dem Bau des Büros erproben konnte. Die finanziell prekäre Lage im postkolonialen Indien wie auch das extreme Klima des Punjab hatten die Architekten nach einfachen Lösungen mit bescheidenen Mitteln suchen lassen. Typisch für den »Chandigarh Style« sind nicht nur gerade Linien und kubische Formen, sondern vor allem deren Ausführung mit unverputzten Ziegeln und in sichtbar belassenem Beton. Der Versuch, auf natürliche Weise der heißen Jahreszeit entgegenzuwirken, zeigt sich auch in den Details des Gebäudes: Ein wellenförmiges Dach auf Pilotis sorgt für einen luftigen Eingangsbereich, massive Sonnenblenden zieren die südliche Front des Hauses, Bespannungen aus Jute finden sich an den Innentüren.
Die Ausstellung in den originalgetreu instandgesetzten Räumen bietet einen historischen Abriss zur Entstehung Chandigarhs und zur Beauftragung von Le Corbusier. Reproduzierte Korrespondenzen und Fotografien, Kartenmaterial und Modelle, sogar Möbelentwürfe zeichnen ein vielschichtiges Bild der Aktivitäten des Old Architects´ Office wie auch der kurzen Stadtgeschichte. Dabei waren den Kuratoren Hinweise auf die schon Jahrtausende währende Besiedlung der Region ebenso wichtig wie eine Vitrine mit Chandigarh- und Le-Corbusier-Souvenirs, z. B. Wandteller. Langfristig will das Museum jedoch auch seinem Anspruch als Forschungszentrum gerecht werden.
Die Restaurierung des über Jahre hinweg leer stehenden Gebäudes markiert einen Wendepunkt in der Stadtgeschichte. Wenngleich die Bedeutung der alten Arbeitsstätte leider nicht dargestellt ist und Erläuterungen zur lokalspezifischen Architektur fehlen, lohnt sich ein Besuch. Das Le Corbusier Centre vermittelt die Ehrfurcht für die Planungen des Architekten und verweist gleichzeitig auf die Problematik im Umgang mit seinem Erbe: Einerseits gilt es, seinem Regelwerk zu folgen, um den Charakter der Stadt zu erhalten. Andererseits werden die Richtlinien in der prosperierenden Planstadt angesichts einer zunehmenden Bevölkerung zur Bürde. Und so steht – während man den Meister in einem neuen Museum ehrt – zugleich der erste Abriss eines Wahrzeichens bevor: Der Busbahnhof, einst von Le Corbusier zugänglich für alle im Herzen der Stadt platziert, wird an den Stadtrand verlegt. An seiner Stelle wird im Stil der »aktuellen Moderne« eine Shopping-Mall mit Multiplexkino aus Glas und Stahl entstehen.