Neu in Barcelona (E)

Katalanische Wirtschaftskammer

~Markus Jakob

Viele Barcelonesen hatten zu dieser Ecke der Stadt eine sentimentale Beziehung: Hier befand sich innerhalb einer alten Industriestruktur ein kleiner Rummelplatz – sein Karussell war stadtbekannt. Dem trägt der Neubau im Eingangsbereich mit Druckmotiven auf den Gläsern Rechnung, deren Vokabular der Wirtschaftswissenschaft entliehen ist aber zugleich die Pferdchen des alten Karussells diskret nachbildet. Ähnlich gestaltet sind die Sonnenschutzaufdrucke der OG-Verglasungen; Texte wurden zu dekorativen Streifen zusammengebunden.
Das Grundstück misst schmale 380 m², das ebenso unterkühlt wie edelmütig auftretende Gebäude nimmt sich davon 32 m platzseits und gerade einmal 10,5 m in der Tiefe. Im Innern finden sich subtile Details wie z. B. die seitlich zwischen den Gebäudestützen eingelassenen Sitznischen des Auditoriums im 1. UG, deren modisch abgeschrägte Holzvertäfelung den Blick aufs Podium erweitert. Kaum prägnanter hätte die Trennung zwischen den Schulungsräumen und dem davon durch hölzerne, in den Pausen weit zu öffnende Zwischenwände getrennten Vestibül ausfallen können. Mit dieser längsseitigen Zweiteilung wurden auf allen sechs Geschossen sich wiederholende Räume geschaffen: Balkons eigentlich – wenn auch hinter einer doppelten, das Klima kontrollierenden Glasfassade –, die zum Platz, quasi als dessen vertikale Verlängerung, eine symbiotische Beziehung aufnehmen. Ein Vergleich mit den Terrassen japanischer Tempel erscheint nicht abwegig. Japanische Einflüsse, etwa die in Tatami-Manier ausgelegten Bodenbeläge, werden weder verleugnet noch hochgespielt. Indem das Gebäude trotz der beengten Verhältnisse von den rückseitig angrenzenden Bauten etwa einen Meter Abstand nimmt, wird es beidseitig belüftet und belichtet.
Von außen präsentiert es sich als von Vertikalen geprägter Abschluss des Platzes, wobei jeweils zwei Geschosse zusammengefasst sind; seitlich gibt es sich bis auf einen verglasten Streifen hermetisch. Innen verleiht ihm neben Glas und Aluminium v. a. Holz sein Gepräge. Erstaunlich ist, auf wie einfache Weise – übrigens durchweg mit marktgängigen Materialien und Objekten ausgestattet – ein solches Kleinod ein anderes, dem viele Barcelonesen nachtrauerten, würdig ersetzen kann.
Standort: Plaça de Galla Placídia 32, 08006 Barcelona Architekten: Roldán + Berengué, arqts., Barcelona Bauzeit: Januar 2011 bis April 2013