New York (USA)

Hunters Point Library

~Claudia Steinberg

Sogar von Manhattan aus, über den East River hinweg behauptet sich die neue Bibliothek als exzentrischer Blickfang: Ebenso wie die elegante Kalligrafie der ikonischen Pepsi-Lichtreklame gleich nebenan triumphiert der kleine, silbrig leuchtende Klotz mit den amorphen Fensteröffnungen über die Phalanx banaler Hochhäuser am Ufer von Long Island City in Queens. Mit seiner Grundfläche von kaum mehr als 2 000 m² und einer Höhe von nur 25 m wirkt der in matter Aluminiumfarbe gestrichene Betonbau kompakt, doch erlaubt die tragende Fassade ein labyrinthisches, von Holls Helden Piranesi inspiriertes Interieur aus Rampen und Zick-Zack-Treppen, die über fünf Etagen hinweg zur Dachterrasse mit ihrer spektakulären Aussicht auf die Skyline drängen. Mit der vertikalen Orientierung der Räume hat der New Yorker Architekt die introvertierte Ordnung einer traditionellen Bücherei zugunsten einer offenen, fließenden und kommunikativen Institution gekippt. Die visuelle und funktionale Dynamik der Diagonalen legt ein stöberndes, surfendes Modell des Lesens und Lernens nahe, das im Nebeneinander von digitalen Studienarealen und den entlang der Treppen gestaffelten Bücherregalen seinen zeitgemäßen Ausdruck findet. Das Konzept gleitender Übergänge manifestiert sich nicht zuletzt dort, wo Wand und Boden oder Decke nicht im rechten Winkel aufeinandertreffen, sondern die Bambustäfelung als sanfte Kurve ausläuft. Zugleich sind aber Balkone, Emporen und Vorsprünge zu kubistischen Kompositionen inszeniert, die mit den organischen Linien kontrastieren.

Was dem Gebäude an der Uferpromenade jedoch seine Signatur verleiht, sind die wie Schriftzeichen eines fremden Alphabets in die Längsseiten der Fassade geschnitzten Fensteröffnungen: Von außen legen die beinahe freihändig und auch ein wenig spielerisch anmutenden Einschnitte fragmentierte Blicke auf die Treppen und damit auf das rege Innenleben der Hunters Point Library frei. Umgekehrt bescheren sie den Besuchern fantastisch gerahmte Panoramen der City. Nach neun Jahren und einer städtischen Investition von 41,5 Mio. USD hat Holl der brandneuen Nachbarschaft einen luftigen Tempel des Wissens geliefert – mit einer gravierenden Unterlassung: für Gehbehinderte ist hier kaum Platz, und sie haben ihre Klage eingereicht.

Standort: 4740 Center Blvd, 11109 Long Island City
Architekten:
Steven Holl Architects, New York (USA)
Bauzeit:
Mai 2015 bis September 2019