Zentralbibliothek »Oodi«

Helsinki, Zentralbibliothek »Oodi«

Zum 101. Geburtstag der Republik Finnland hat der Staat mitten im Kulturviertel mit Musikpalast (Marko Kivistö), Finlandia-Halle (Alvar Aalto) und Museum Kiasma (Steven Holl) für 98 Mio. Euro eine neue Bibliothek bauen lassen. Das Gebäude bietet mehr als 17 000 m² Fläche, aber nur 100 000 Bücher. Denn lange Reihen mit Bücherregalen nehmen nur das oberste der drei Geschosse ein. Die Rolle des Neubaus ist als die eines »urbanen Wohnraums« definiert. Ton-Studios, eine Küche, Spiel- und Lese-Areale für Kinder und der »Maker Space« mit 3D-Druckern und ähnlichem Gerät sollen aus »Oodi« (deutsch: Ode) ein »Forum für Gedanken und Werke« machen.

Die Architekten haben dem Oodi mit Schwüngen eine elegante Form gegeben. Die doppelt gekrümmten, mit finnischer Fichte bekleideten Fassaden, wie sie von ALA Architects schon bei deren Gesellenstück, dem Kilden-Theater in Kristiansand, eingesetzt wurden, formen einen riesenhaften Eingangstrichter und darüber einen Balkon, von dem aus die Bürger auf Augenhöhe auf das direkt gegenüber liegende Parlament schauen. Die Geste soll zeigen, dass der Gesellschaft Bildung und Politik gleich wichtig sind. Die dazu nötige Brückenkonstruktion aus Stahl wird nach außen hin verschwiegen. Zwei mächtige Stahl-Träger überspannen eine Strecke von 100 m, um ein stützenfreies Foyer zu ermöglichen. In diesem langen, schmalen Raum liegen nur Auditorium, Café und ein Kino. Im Stockwerk darüber, einem geometrisch heillos verwurstelten Zwischengeschoss in dem das über-komplexe Tragwerk nur halbherzig versteckt wird, liegen Studios, Arbeits- und Seminarräume, in denen man Spielkonsolen, Nähmaschinen, Sportgerät, Laser-Cutter und andere Werkzeuge ausleihen kann. Das oberste Geschoss, die Bibliotheks-Ebene in der Beletage, ist als Bücherlandschaft unter einem leichten, gleißend-weißen »Himmel« gestaltet. Hölzerne Böden kontrastieren mit der gewölbten, wolkigen Putzdecke, die Tageslicht durch runde Oberlichter hereinlässt. Über die niedrigen Regale kann der Blick frei schweifen.

Als »hybride Bibliothek« ist Oodi zwischen Wissensspeicher und digitalem Co-Working Space angesiedelt und tatsächlich ein »Stadthaus für alle Bürger«. Den Charme machen dennoch die schönen Orte aus Büchern, Regalen und Licht aus. Im Google-Zeitalter ist dies die entscheidende Qualität.

~Ulf Meyer

Standort: Töölönlahdenkatu 4, FIN-00100 Helsinki
Architekten: ALA Architects, Helsinki
Bauzeit: September 2015 bis November 2018 (Eröffnung: Dezember 2018)
Baukosten: 98 Mio. Euro

Nachhaltigkeit:
Durch die effiziente Nutzung von Baumaterialien und detaillierten Nachhaltigkeitsanalysen erreicht die Zentralbibliothek den nahezu gleichen Standard wie bei einem Nullenergiehaus.
Auch in den Sanitärräumen legten die Architekten Wert auf langlebige Materialien und wählten Wand-WCs (ME by Starck) und Handwaschbecken (D-Code) von Duravit aus.