Finanz- und Dienstleistungszentrum der Volksbank

… Gifhorn

Oliver G. Hamm

Wie schon bei der Neuen Mitte Ulm, ist es Stephan Braunfels erneut gelungen, eine kleinteilige Altstadt durch einen im Maßstab angepassten, aber betont modernen Neubau zu vollenden. Das neue Finanz- und Dienstleistungszentrum greift die ursprüngliche Struktur der Gifhorner Altstadtbebauung mit ihren schmalen, tiefen und giebelständigen Fachwerkhäusern auf. Die beiden unterschiedlich hohen und langen Riegel vermitteln zwischen einem blockhaften Nachkriegsbau und einem Stadthaus mit traufständigem Walmdach. Zentraler Dreh- und Angelpunkt des Neubaus ist eine gläserne Rotunde, die als CI-Element des Bauherrn zwingend vorgegeben war. In die beiden sie flankierenden Steildachriegel eingeschnitten, liegt sie genau in der Achse einer historischen Gasse, die – dank 24-Stunden-Öffnung der Rotunde – die Fußgängerzone (Steinweg) mit dem rückwärtigen Garten verbindet (immergrüne Pflanzbeete nach einem Entwurf von Frank Kiesling, Berlin). Da viele Kunden mit dem Auto und somit von der Rückseite kommen, wurde deren Gestaltung die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt wie der eigentlichen Schauseite entlang des Steinwegs: Beide sind von den außergewöhnlich qualitätvoll ausgeführten Sichtbetongiebeln mit bis zum First hochgezogenen Fensterbändern geprägt. Entlang der Längsfassaden, die nahtlos in die Dachflächen übergehen, kommt Farbe ins Spiel: Der Farbton der Fassaden- und Dachplatten ist historischen Dachziegeln nachempfunden. Ein Wechsel von geschlossenen Außenhautsegmenten und jeweils geschosshohen Fensteröffnungen belebt die Längswände ein bisschen zu sehr. Wesentlich bedächtiger geht es im Innern mit seinen wenigen Materialien zu: makellose Sichtbetonwände im Haupttreppenhaus, Fußböden aus Nero Assoluto und anthrazitfarbenem Teppich, Holztüren und -möbel sowie weiß gestrichene Innenwände in den flexibel nutzbaren Büros wie auch im lichtdurchfluteten Besprechungsraum unter dem Dach des kleineren Riegels. Wer immer noch meint, im historischen Kontext dürfe nur »im alten Stil« weitergebaut werden, der sollte sich in Ulm und nunmehr auch in Gifhorn eines Besseren belehren lassen. Durch Verzicht auf jegliches Stilzitat und durch formale Betonung einer minimalistischen Moderne frönt der Neubau einem abstrakten, gemäßigten Expressionismus, der an dieser sensiblen Stelle im Stadtraum den heterogenen baulichen Kontext auf wundersame Weise in der Balance hält.
Standort: Steinweg 49-51, 38518 Gifhorn Architekten: Stephan Braunfels Architekten, Berlin Fertigstellung: Januar 2012