Gute Architektur als solides Fundament

Wie die Zeche Zollverein der Musealisierung entgeht

30 Jahre nach der Schließung von Zeche und Kokerei nimmt das Leben auf dem Zollverein-Gelände in Essen erneut Fahrt auf. Ziel ist neben der weiteren touristischen Erschließung auch die Ansiedlung von Kreativwirtschaft und Bildungseinrichtungen, schließlich die Verzahnung mit den umliegenden Quartieren.

~Gudrun Escher

Zollverein ist eine Welt für sich. Im Unterschied zu früher aber keine »verbotene Stadt« mehr, kein abgezäuntes Industrieareal, zugänglich nur für die bis zu 6 000 Arbeiter, sondern eine offene Stadt, die jedes Jahr 1,5 Mio. Besucher anzieht. Mit 100 ha ist Zollverein größer als die Essener Innenstadt. 70 % der Fläche sind kontrolliert zugewachsen zum »Zollverein Park«, wo in einem neuen Großstadtdschungel nach den Plänen von Agence Ter Wildnis auf Denkmal trifft. Auf knapp der Hälfte der Parkfläche wird die Natur sich selbst überlassen. An der früheren Abraumhalde sagen Kreuzkröte und Tausendgüldenkraut sich Gute Nacht und können von Freizeitwanderern auf 3,5 km Zechenrundweg bewundert werden. Das übrige Gelände wird von 96 Gebäuden und über 200 technischen Anlagen besetzt, die das Welterbe Zollverein ausmachen, untereinander verbunden über 2,7 km Bandbrücken und 13,2 km Rohrleitungen.

Weil Zollverein so groß ist, teilt man es ein in Zollverein Schacht XII, der mit dem Doppelbockfördergerüst zum Markenzeichen der Metropole Ruhr und zum Signal für gelungenen Strukturwandel avanciert ist, in Zollverein 1/2/8, was die älteren, seit 1851 abgeteuften Schachtanlagen bezeichnet, und die erst 1961 in Betrieb genommene und 1993 stillgelegte Kokerei. Schacht XII wurde 1928-32 von den Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer als technisch-funktionale Einheit rational bis in die Details der Leuchten und Schalteinrichtungen mit weitgehend automatisierten Abläufen durchgeplant.

Das ermöglichte eine vierfach höhere Kohlefördermenge als in jeder anderen Zeche der damaligen Zeit. Deshalb wurde sie auch als letzte der 291 Zechen, die es einstmals in Essen gab, geschlossen. Als zum Jahresende 1986 die letzte Schicht einfuhr, waren die obertägigen Anlagen bereits als Baudenkmal eingetragen. Das hieß Erhaltung der Bauten und technischen Anlagen und nicht, wie in den Betriebsverträgen der Ruhrkohle bis heute verankert, Rückbau und Bodensanierung. Wie zögerlich diese neue Sichtweise auf Betriebsstätten, die bis dahin für ebenso harte wie einträgliche Arbeit standen, in der Bevölkerung aufgenommen wurde, lässt sich vielleicht daran ablesen, dass sich der Essener »Stadtteil VI« erst vor vier Jahren in »Zollverein« umbenannt hat. Jetzt identifiziert man sich mit dem Erbe, das die UNESCO Ende 2001 gleichzeitig mit der Völklinger Hütte im Saarland auf die Welterbe-Liste gesetzt hat.

Für die 1989 gestartete IBA Emscherpark, die sich als »Werkstatt für den Umbau einer alten Industrieregion« verstand, war Zollverein ein zentrales Projekt, beginnend mit Schacht XII. Hier zog die Bauhütte Zollverein ein, über mehrere Zwischenstationen gefolgt von der Stiftung Zollverein als zentraler Verwaltungseinheit. Norman Foster wandelte das Kesselhaus zum heutigen Red Dot Design-Museum um (unter Eliminierung des markanten Schornsteins und innerer Einbauten), Nebengebäude wurden für Büros, Design-Werkstätten und einen Veranstaltungssaal eingerichtet, das Restaurant Casino Zollverein ist bis heute eine der ersten Adressen im Revier. Dauerhaften Ruhm erwarben sich dabei die Essener Architekten Böll und Krabel mit behutsamen Eingriffen in den Bestand gemäß dem von Rem Koolhaas aufgestellten Masterplan nach dem Credo »Erhalt durch Umnutzung«. In derselben Phase etablierte sich das PACT (Performing Arts Choreographisches Zentrum NRW Tanzlandschaft Ruhr) auf Schacht 1/2/8. Mit der Eintragung als Welterbe war diese erste Phase weitgehend abgeschlossen. Der nächste Schritt betraf die Umwandlung der Kohlewäsche auf Schacht XII für das Ruhrmuseum und die Einrichtung eines »Denkmalpfads« durch die Gebäude, um den Weg der Kohle für Besucher erlebbar zu machen. Die Aufstockung um einen Glaspavillon und das Andocken der längsten Rolltreppe der Welt als Hauptzugang führten zu Irritationen mit dem Welterbekomitee, schließlich aber doch zum Konsens, vollends besiegelt bei Eröffnung des Museums 2010 anlässlich des Kulturhauptstadtjahrs in Essen und dem Ruhrgebiet.

Ausbau, Anbindung, Weiterentwicklung

Standen in diesen ersten Phasen der Erhalt der Gebäude und Anlagen an erster Stelle, begann die nächste mit einem Paukenschlag: dem Neubau des Kubus von SANAA (Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa) auf freiem Grundstück an der Einfahrt zum Gelände. Obgleich wegen fehlender Raumabtrennungen für den ursprünglichen Zweck als Schulungszentrum denkbar ungeeignet, lag es nicht an der Architektur, dass die dort vorgesehene neue Design School Zollverein nicht reüssierte und schließlich aufgegeben wurde. Vielmehr ist das finanzielle Scheitern und ein zu wenig griffiges Konzept zu beklagen. Heute gehört das Sanaa-Gebäude als Tagungshaus zur Folkwang Universität der Künste, die pünktlich zum Wintersemester einen weiteren Neubau auf dem Campus Nord von Schacht 1/2/8 eröffnet hat. Geplant von MGF Architekten, Stuttgart, entstanden dort in vier Quadern mit Innenhöfen rund 19 000 m² Fläche für 550 Studierende des Fachbereichs Gestaltung.

Von außen ganz unspektakulär, dient sich dieser Bau innen den disparaten Nutzungen effizient an und lässt gleichzeitig Raum für Begegnung und Austausch. Gestaltungsmotive wie abgestufte Geschossbänder oder die Haupttreppe in Kastenform nehmen Bezug zum Baubestand ringsum, der in Blickbeziehungen nach allen Seiten präsent ist. Die Universität ist hier Mieter in einem von der »Zollverein Entwicklungsgesellschaft« errichteten Bau im Eigentum der RAG Stiftung. Weitere Neubauten sollen folgen, darunter in Kürze ein Hotel. Mit der Ansiedlung der Folkwang Universität, deren Hauptsitz sich in Essen-Kettwig befindet, hat die »Design-Stadt Zollverein« Fahrt aufgenommen.

Partner im Joint Venture der 2014 gebildeten Entwicklungsgesellschaft ist die RAG Montan Immobilien. Sie residiert seit 2012 in einem ziegelbekleideten Neubau auf dem Gelände der Kokerei mit der Adresse »Welterbe 1« (Bahl Architekten, Hagen). Neue Nachbarn werden ab Jahresende die RAG GmbH und die Muttergesellschaft RAG Stiftung. Deren Neubau soll so innovativ werden, wie es einst Schacht XII der Zeche war. Deshalb entsteht hier als Signal für den Abschied von fossiler Energie das erste Gebäude in Deutschland, das nach dem Kreislaufprinzip von Cradle to Cradle nach Entwurf von kadawittfeld architektur geplant und errichtet wird. Sinnfälliges Zeichen ist der Dachgarten auf dem Winkelgebäude, der die drei Geschosse in die Zollverein-Landschaft einbettet. Das erforderliche Parkhaus wird in eine gegenüber vorhandene riesige Betonwanne versenkt, um Blickbeziehungen und den Gesamteindruck des Welterbes nicht zu stören.

Ob die im Welterbestatus geforderten Standards auch eingehalten werden, überprüft ICOMOS in regelmäßigen Abständen, denn neben umfangreichen Konservierungsmaßnahmen (Aufwand p. a. 7-10 Mio. Euro, auf zehn Jahre gesichert) bilden die Neubauten nur einen kleinen Teil der Transformationen. So wurde auf der Kokerei das Kammgebäude in Abschnitten durch planinghaus architekten, Darmstadt, denkmalgerecht umgebaut und ist, wie fast alle anderen nutzbaren Bestandsgebäude, voll vermietet, u. a. an eine Manufaktur für rein biologische Handseifen. Das Salzlager, das auch die Großinstallation »The Palace of Projects« von Ilya und Emilia Kabakov beherbergt, wird als Schaulager für das Ruhrmuseum hergerichtet, und die Sauger- und Kompressorenhalle mutierte dank der Arbeit von HWR Ramsfjell Architekten, Dortmund, zur – privat finanzierten – »Grand Hall Zollverein« als Messe- und Festhalle der besonderen Art. Blickfang ist hier die Tafelbild-Wand von Klaus Armbruster »Die Städte sind für euch gebaut«.

Ganz in diesem Sinne versteht sich die Stiftung Zollverein als den Menschen heute und in Zukunft verpflichtet. Nachbar neben dem als Verwaltungssitz renovierten ehemaligen Direktionsgebäude der Zeche (Baujahr 1906, erst privatisiert und dann nach Leerstand zurückgekauft) ist ein Kindergarten und gegenüber baut der Kinderschutzbund ein neues Familienzentrum. Das und die Hochschule werden helfen, den Solitär »Zollverein« mit den umgebenden Stadtteilen zu versöhnen. Nicht ohne Rückschläge und Hürden in der Vergangenheit, ist Zollverein heute städtebaulich, architektonisch, funktional und sozial als ein kohärentes Ganzes zu verstehen. Dennoch bleibt es keine leichte Aufgabe, die Potenzialflächen für weitere Neubauten und Umnutzungen im Bestand inhaltlich und formal entsprechend den engen Maßgaben des Welterbestatus zu erschließen.

Die im Masterplan formulierten Leitmotive »Geschichte – Design – Kunst« sollen auch in Zukunft gelten und durch Erhalt des Denkmalbestands, Vermittlung und touristische Erschließung sowie gewerbliche Nutzung und Bildung den Ausbau des Geländes zu einer nach-industriellen Design-Stadt Zollverein befördern.

Die Autorin ist freie Publizistin für Architektur, Denkmalpflege und Immobilienwirtschaft.

Plan: Stiftung Zollverein