Adolf Hitlers Geburtshaus soll Polizeistation werden

Verdrängte Geschichte

Derzeit purzeln die Denkmale von den Sockeln wie die Blätter im Herbst von den Bäumen. Da fügt es sich nahtlos, dass bei Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn (A) die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus getilgt werden soll. So zumindest die Intention eines Wettbewerbs, den das österreichische Innenministerium ausgelobt hat. Gewinner sind die Vorarlberger Marte.Marte, die in Berlin derzeit das »Dokumentationszentrum Vertreibung, Flucht, Versöhnung« am Anhalter Bahnhof realisieren (s. db 10/2020, »Neu in …«). Sie möchten die Zeit bis ins Jahr 1750 zurückdrehen, »lange bevor Hitler geboren wurde«. »Störende Veränderungen«, zumal aus der Zeit des Nationalsozialismus, sollen verschwinden. Künftig soll das Haus von zwei Giebeln bekrönt werden, um ebenso heimelig auszusehen wie seine malerische Umgebung. Ergänzt um einen zurückhaltend modernen Anbau, soll es künftig als Polizeistation dienen. Immerhin konnte sich der österreichische Innenminister Wolfgang Sobottka nicht durchsetzen. Er hatte 2016 gefordert, das Haus gleich ganz abzureißen. Dennoch bleibt die österreichische Geschichtsklitterung im Stil einer antiken »damnatio memoriae« ein Skandal. Geschichte ändert sich nicht, indem man versucht, sich ihrer krampfhaft zu entledigen oder sie umzuschreiben. Das haben auch die Berliner Springer Architekten erkannt. Gemeinsam mit Kabe Architekten aus Wien schlugen sie im Wettbewerb vor, die Hülle des Hauses mit Bauschutt und Erde zu verfüllen und anschließend mit Bäumen zu bepflanzen, da die Bindung an Hitler eben nicht aufzulösen sei. Dafür wurde ihnen immerhin ein Sonderpreis zuerkannt.

~Jürgen Tietz