[1] Arno Lederer (links) ist der Meinung, dass Wettbewerbe generell keine Garanten für Exzellenz sind
Ein Gespräch mit Arno Lederer zur Wettbewerbskultur

Sachlich, fachlich, schiedlich, friedlich?

Die aktuellen Beispiele entgleister Großprojekte machen deutlich, dass Fehleranalysen, wenn sie überhaupt angestellt werden, oft so fehlerbehaftet sind wie ihr Gegenstand selbst. Man sucht zunächst die Schuldigen – und wenn man sie gefunden glaubt, erübrigen sich scheinbar weitere Fragen nach strukturellen Fehlerquellen, wie sie etwa in der Sphäre von Politik und Verwaltung zu suchen wären. Christian Marquart geht nochmals einen Schritt zurück und befragt den Stuttgarter Architekten, Hochschullehrer und oftmaligen Jury-Vorsitzenden in Wettbewerbsverfahren Arno Lederer nach der Logik der Entscheidungsfindung in einer Jury, den Stärken und Schwächen von Architektur- und Städtebauwettbewerben und deren Rahmenbedingungen.

Interview: Christian Marquart

Christian Marquart: Herr Professor Lederer, warum lassen sich gerade Architekten in Konfliktfällen so leicht zu Sündenböcken machen?
Arno Lederer: In der Tat wird den Architekten fast regelmäßig die Verantwortung für Planungsfehler und Kostensteigerungen im Bauwesen zugeschoben. Dabei entstehen die Probleme oft anderswo – auf der Bauherrenseite, im Management, in der Vergabepraxis – induziert auch durch Entscheidungen politischer bzw. wirtschaftlicher Natur. Es sind jedoch Bauherren, vielmehr deren Vertreter (die eigentlichen Bauherren gibt es ja nicht mehr), die für die Anpassung ihrer Projekte an veränderte Zeitumstände sorgen müssen; manche wollen es einfacher und delegieren die Verantwortung lieber rückwirkend an die Architekten.
Zudem mangelt es an gegenseitiger Solidarität. Allein hier in Stuttgart arbeiten mehr Architekten als z. B. in ganz Frankreich zusammengenommen; die Konkurrenz ist also enorm.
Was können Architektenwettbewerbe, was nicht?
Ein bekanntes Szenario: Statt des preisgekrönten Entwurfs wird etwas anderes realisiert. Längst nicht jeder Gewinner eines Wettbewerbs kommt zum Zug; ich wundere mich, dass unsere Kammern nicht mehr dagegen tun. Der neue Berliner Flughafen wurde mit nachgeschobenen wirtschaftlichen Argumenten in ein Kaufhaus mit Reisekofferverteilung verwandelt. Statt dies zu unterstützen, hätte die Politik solche kostspieligen Änderungswünsche frühzeitig stoppen müssen. Generell sind Wettbewerbe keine Garanten für Exzellenz; oft fallen nicht nur die schwächsten, sondern auch die stärksten Arbeiten durch. Aber Wettbewerbe liefern konsensfähige Ergebnisse. Das Verfahren begünstigt Kompromisse, da im Preisgericht demokratisch abgestimmt wird.
Viele größere Wettbewerbe werden von der Öffentlichen Hand ausgelobt. »Autoren« dieser Ausschreibungen sind kommunale und staatliche Verwaltungen; der Ablauf der Verfahren ist streng geregelt. Kann das die Kreativität der Planer und Architekten beflügeln?
Viel hängt davon ab, wie offen ein Programm formuliert wird. In den Ausschreibungsunterlagen eines Wettbewerbs, wie später in den Berichten der Vorprüfer, gewinnen Quantitäten schnell ein größeres Gewicht als Qualitäten. Überfrachtete Raumprogramme werden unnötig detailliert aufgeschlüsselt; Kosten werden dafür auf fragwürdigster Grundlage viel zu früh berechnet. Die Nutzerseite bestellt Flächen, in den eingereichten Entwürfen sind sie präzise nachzuweisen. Planverfasser, die sich aus konzeptuellen Erwägungen über Vorgaben hinwegsetzen, riskieren, dass ihre Wettbewerbsbeiträge allein schon deshalb disqualifiziert werden, um später Einsprüche gescheiterter Teilnehmer zu verhindern. Als Vorsitzender einer Jury gelang es mir mal, zwei um fünf Minuten »verspätet« eingereichte Beiträge in den Wettbewerb zurückzuholen: mit der Frage an die Vorprüfer, ob denn die verwendeten Zeitmesser geeicht seien.
Originelle Sonderankäufe haben in Wettbewerben dann wohl keine Chance mehr. Wenn man aber Entwurfsaufgaben »offen« formuliert – ist das nicht auch eine Einladung an Bauherren, später Konzepte und Programme immer wieder nach Belieben zu ändern?
Das liegt bekanntlich ohnehin im Ermessen der Entscheider auf der Seite der Bauherrenschaft. Deren Persönlichkeit und Kompetenz, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Gesprächsbereitschaft spielen dabei eine große Rolle.
… und auch schon zuvor die jeweilige Persönlichkeit der Preisrichter.
Wettbewerbe werden im Wesentlichen von zwei Seiten beeinflusst – von den Auslobern und von den Architekten in der Jury. In ehrgeizigen Kommunalverwaltungen fahnden souveräne Baudezernenten und kluge Amtsleiter vorzugsweise nach neugierigen und diskursfreudigen Juroren. Weniger Ambitionierte suchen lieber in ihrem engeren Umkreis nach Preisrichtern, die Konflikten gern aus dem Weg gehen. Oft ist dann auch Architektur nicht das zentrale Thema des Wettbewerbs – es muss nur gerade mal einer angesetzt werden, weil die Öffentliche Hand plant und bestimmte Bausummen überschritten werden. Aber es gibt doch Kommunen mit einer ausgeprägten Planungs-, Wettbewerbs- und Baukultur – und mit Persönlichkeiten an der Spitze, die Visionen haben, Qualitätsbewusstsein und eine räumliche Vorstellung davon, wie ihre Stadt aussehen soll.
Fallen Ihnen da ein paar Namen und Orte ein?
Ulm zum Beispiel und sein Baubürgermeister Alexander Wetzig. Münchens Baureferat, lange geprägt von Christiane Thalgott, jetzt von Elisabeth Merk. Hamburg mit dem Oberbaudirektor Jörn Walter. Vor Jahren Eichstätt, mit seinem Diözesanbaumeister Schattner. Carl Fingerhuth und Basel. Oder der seinerzeit umstrittene Hans Stimmann, erst in Lübeck, dann in Berlin, heute Honorarprofessor in Dortmund.
Früher war es üblich, an die Spitze einer Bauverwaltung Architekten oder Stadtplaner zu stellen. Heute findet man dort Juristen, nicht immer, aber immer öfter. Macht das einen Unterschied?
Zwischen dem, was man fachlich kann, und dem, was man erreichen will, gibt es natürlich Zusammenhänge bzw. Wechselwirkungen. Juristen denken analytisch, ihr Urteilsvermögen ist geschult an Fakten, am Vorfindlichen. Architekten denken anders, eher in die Zukunft hinein. Sie verstehen Architektur als räumliche Projektionen individueller oder gemeinschaftlicher Lebenspläne; als Vorstellung, wie die Welt beschaffen sein sollte. Denken Sie an Stadtbauräte wie Ernst May in Frankfurt oder Fritz Schumacher in Hamburg! Die wollten mit Architektur auch soziale Probleme lösen. Was das Planen und Bauen heute betrifft, müssen wir einen Verlust der sozialen Komponente in der Architektur beklagen. Unsere Gesellschaft ist keine kreative und elastische mehr, sie verwaltet nur noch.
Eine Jury setzt sich zusammen aus Sachpreisrichtern, die – z. B. als Lokalpolitiker – nicht unbedingt vertraut sind mit Fragen der Architektur und des Städtebaus, und aus Fachpreisrichtern, die im Preisgericht gern mit Expertenwissen auftrumpfen. Vorsichtig formuliert: Es gibt Verständnis- und Verständigungsprobleme. Wie lassen die sich auflösen?
Nicht jeder gute Architekt ist auch ein guter Juror. Rasches Auffassungsvermögen und die Fähigkeit, sich in fremde planerische Konzepte hineinzudenken, sie richtig zu »lesen«, ist auch unter Fachpreisrichtern ungleich verteilt. Ein anderes Problem sind z. B. Politiker in der Jury, die sich als Laien der Architektur viel zu schnell ein fertiges Bild machen – von einem Projekt, das noch weit davon entfernt ist, ein »Produkt« zu sein. Nicht immer kommt das Wesentliche eines Entwurfs in den Debatten des Preisgerichts zur Sprache, schon gar nicht die kulturelle Dimension des Bauens. Deshalb ist es wichtig, dass der Fachpreisrichter seinen Wissensvorsprung in Sachen Architektur nutzt, um dem Kollegen Sachpreisrichter Entwurfskonzepte wenn nötig zu erklären: Die Experten haben die Bringschuld, Verständnisprobleme abzutragen. Umso wichtiger ist eine sorgfältige Auswahl der Fachpreisrichter unter dem Aspekt ihrer kommunikativen Kompetenz. Diese Qualifikation wird von vielen nicht gesehen – aber vielleicht ist sie manchmal auch gar nicht so erwünscht? (lacht)
Sind Sachpreisrichter in größeren Städten, in denen mehr Wettbewerbe stattfinden, fachlich besser gerüstet als in kleineren Orten?
Nein. Unter Sachpreisrichtern fallen häufig Sätze wie »Gefällt mir nicht« oder »Ich würde das anders machen«. Aber eine Jury soll entscheiden, nicht entwerfen. Oft ist von Geschmack die Rede – als habe Architektur allein mit Form und Ästhetik zu tun. Natürlich spielen Kosten eine Rolle, Funktionen, Belichtung, Materialien, Techniken etc. Formprozesse ergeben sich aus der Überlagerung all dieser Aspekte; das müssen die Debatten im Preisgericht, das muss nicht zuletzt der oder die Vorsitzende der Jury allen Kollegen deutlich machen.
Was wäre das fundamentale Kriterium architektonischer und städtebaulicher Qualität, auf das sich Laien im Preisgericht sofort einlassen können?
Gute Architektur fängt damit an, in eine bestehende bauliche Struktur – sagen wir: ein Ensemble von Häusern – einen neuen Genossen aufzunehmen. Nach diesem Prinzip kann man schon in einem ersten Rundgang alle eingereichten Entwürfe recht einvernehmlich vorsortieren: Die einen bringen ihr »Ich«, die anderen ein »Wir« zum Ausdruck. So gelangen Sach- und Fachpreisrichter gemeinsam von einer Ebene des Urteilens zur nächsten.
Ist das »Format« Wettbewerb, das ohne Pläne nicht auskommt, in seinem Abstraktionsgrad denn überhaupt voraussetzungslos zu kommunizieren? Schaffen computergestützte Darstellungen baulicher Entwürfe per Simulation vielleicht eine neue Diskussionsebene, auf der sich Experten und Laien leichter verständigen, besser zu einem gemeinsamen Urteil finden können?
Diese neuen Bildmedien sind das Verflixteste überhaupt. Sie wirken realer als die Wirklichkeit, zeigen naturalistische Details eines Konzepts, über die weder nachgedacht noch entschieden wurde. Anhand von Grundrissen und Schnitten lassen sich die Funktionen und das Gefüge eines Hauses, seine Konstruktion und seine Raumzuordnungen viel präziser darstellen. Planskizzen sind gewissermaßen Gebrauchsanweisungen, um zum vertieften Verständnis eines Gebäudeentwurfs zu kommen. Raffiniert gemachte, verführerische Bilder geben kaum Auskunft über die Qualitäten eines Entwurfs; sie verdecken sie eher. 3D-Simulationen im Preisgericht würden funktionieren wie Werbeclips: »Das will ich haben, jetzt sofort!« Aber geht es im Wettbewerb nicht um ganz andere Dinge?
Herr Lederer, vielen Dank für das Gespräch und Ihre Zeit.
  • Das Interview führte Christian Marquart am 25. Mai 2013 in Stuttgart. Der Autor ist freier Publizist und Herausgeber der Zeitschrift »Kultur«; des Weiteren Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Er lebt in Stuttgart.
  • Arno Lederer, Jahrgang 1947, betreibt seit 1979 ein eigenes Büro in Stuttgart (seit 1992 Lederer Ragnarsdóttir Oei), lehrt dort an der Universität und ist als Gestaltungsbeirat in Frankfurt a. M. tätig wie auch als Juror in zahlreichen Preisgerichten.
»Unsere Gesellschaft ist keine kreative und elastische mehr, sie verwaltet nur noch.«