Königstochter gesucht

Auf Kreta befand sich einst das Labyrinth des Minotaurus, jener bedauernswerten Gestalt, die ihre Existenz der Täuschung vieler zu

verdanken hatte. Dem König, der den Göttern durch List einen wertvollen Opferstier vorenthalten und an seiner Stelle ein weniger beschauliches Exemplar geopfert hatte, dem Zorn der Götter, die darauf in der Gattin des Königs die Begehrlichkeit für den Stier entzündeten, so dass sie das Ungeheuer gebar, der Kunst eines Baumeister namens Daidalos, welcher das Labyrinth zu errichten hatte. Selbiger, hoch angesehen, hatte einst einen ihm zur Ausbildung anvertrauten Schüler, dessen Begabung er als ihm weit überlegen erkannt hatte, in den Tod gestoßen. Baumeister und Königstochter verhalfen durch einen simplen Faden einem gebeutelten Helden dazu, das Monster gegen den Willen des Königs zu töten. Held und Königstochter flohen darauf zu Wasser – ohne Happy End, der Baumeister wählte mit seinem Sohn den Luftweg, indem sie aus Federn und Wachs Flügel konstruierten. Der Jüngling kam dabei, beseligt von seiner Freiheit, der Sonne zu nahe, das Wachs schmolz und er stürzte in den Tod. So die Kurzform eines Geschehens um Begehrlichkeiten, Listen und Täuschung, Kollegenneid, Macht, Selbstbehauptung – und schnelle Transportwege. Eine Geschichte, in der es hochaktuell und lebensnah keine eindeutigen Helden und Bösewichte gibt und in der keiner ohne moralische Anfechtungen und Fehler davonkommt. In der aber ein »roter Faden« wenigstens einen Ausweg zeigt.

Den sucht man beim Geschehen um »Stuttgart 21« seit Langem vergebens, wobei sich viele Parallelen zur »Heldensage« aufdrängen. Über zehn Jahre hat der Siegerentwurf für den Hauptbahnhof in der Tiefe geruht, eifrig aber still von denen vorangetrieben, die ihn aus höchst unterschiedlichen– aber immer mit sehr persönlichem Vorteilsdenken behafteten – Motiven realisiert sehen wollen. Weitestgehend ignoriert von jenen, die hofften, ihn durch Nichtbeachtung im Labyrinth der Verantwortlichkeiten und wechselnder politischer Koalitionen auf ewig gefangen zu sehen.
Als »Das neue Herz Europas« wurde das Milliardenprojekt, das neben dem Bau eines neuen Durchgangsbahnhofs auch großflächige Tunnelvorhaben umfasst, von Bahn, Land und Stadt vor einigen Monaten im Rahmen einer Werbekampagne propagiert. Als Herztransplantation wird der Abriss weiter Teile des Stuttgarter Bonatzbaues aber längst von vielen Bürgern empfunden. So hat sich die Gegnerschaft gegen das Gesamtprojekt, da die Unterschrift für den Finanzierungsvertrag ansteht, in den letzten Monaten vermehrt wieder zu Wort gemeldet. Auf einer Veranstaltung zum Bonatzbau im Juni hatte Klaus Humpert als Vorsitzender des damaligen Preisgerichtes die Entscheidung desselben unter anderem damit erklärt, dass man sich 1995 weniger für Ingenhoven als für Frei Otto entschieden habe, aus »dessen geistiger Kiste der Entwurf kommt«. Mit ihm im Boot, der über seine Zusammenarbeit mit Fritz Leonhardt mit Paul Bonatz verbunden sei, habe man sich sicher gefühlt, das Bonatzprojekt in respektvoll verwaltende Hände abzugeben. Frei Otto und Ingenhoven sind aber mittlerweile, was das Projekt betrifft, in Gegnerschaft verbunden, da Letzterer Ersteren über die Klippe des Projekts gestürzt hat. Auch Peter Conradi, furioser Gegner des Vorhabens seit Anbeginn, gestand während der Veranstaltung ein, nach einem fulminanten Feldzug gegen die Realisierung über die Dauer der Jahre sich ein wenig in Sicherheit gewiegt zu haben, es werde nie Gestalt annehmen und deshalb nicht kontinuierlich genug weitergekämpft zu haben.
Nun sind die Gegner des Projekts in geschlossener Reihe wieder auf der Bahnhofsvorfläche versammelt. Prominente Vertreter der Stuttgarter Architektenszene und weitere melden sich seit Wochen fast täglich in den Tagesmedien vehement zu Wort und plädieren für den Hauptbahnhoferhalt. Dabei geht es in der Hitze des Gefechtes nicht zimperlich zu. Die Illustrationen zum Entwurf, die seit einiger Zeit im Umlauf sind und nicht von den Gegnern, sondern den Trägern des Vorhabens veröffentlicht wurden, zeigen ein düster-labyrinthisches Bahnhofsschreckensszenario, gegen das das kretische wohl heimelig anmuten würde. Wenn man sich dazu in Erinnerung ruft, wie Bahnchef Mehdorn mit dem Entwurf des Berliner Hauptbahnhofs verfahren ist, weitet sich das Entsetzen. Mehdorn und von Gerkan, der in diesem Prestigebau sicher sein deutsches Alterswerk sah, für das er vehement kämpfte, haben sich mittlerweile geeinigt, zu beiderseitigem Nutzen – und Schaden der Nutzer. Was auf Ingenhoven zukommen mag, wenn Mehdorn eigenmächtig den Rotstift zückt, bleibt zu sehen. Für ein spektakuläres Spätwerk bieten sich einem Architekten seines Kalibers und seiner Generation sicher noch andere Gelegenheiten. Doch er hält unnachgiebig am Projekt fest, distanziert sich von den Illustrationen und bekundet aus dem fernen Düsseldorf Unverständnis für die Haltung der Stuttgarter, denen er nervende Nörgelei vorwirft und die Berechtigung abspricht, sich mit später Einsicht für die Qualitäten des Bahnhofs jetzt zu Wort zu melden, nachdem sie diesen über Jahrzehnte vernachlässigt hätten, woraus er seine Legitimation für den großflächigen Abriss ableitet. Gegen die – noch – geschlossene Phalanx aus Stadt, Land, Bund, Bahn und Architekt scheint kein Ankommen. Dass Politik kein Selbstzweck ist, sondern ihre Legitimation einzig und allein durch die Bürger erhält, ist in diesem Fall wohl nur noch eine Randnotiz wert. Spannend dürfte es in den nächsten Wochen ohnehin werden, nachdem ein ganz aktuelles Gutachten sowohl die Höhe der – ohnehin schon horrenden – Kosten des Gesamtvorhabens als wesentlich zu niedrig kalkuliert infrage stellt als auch den propagierten Nutzen der Maßnahmen in Zweifel zieht. Damit tun sich alte Schlachtfelder neu auf. Was fehlt, ist ein roter Faden aus dem Labyrinth der Eitelkeiten, Machtansprüche und des gefälligen Andienens an die Bahn. Königstochter verzweifelt gesucht.
~Elisabeth Plessen