Zur Kritik an der Stuttgarter Stadtbibliothek liefert der Architekt Eun Young Yi die Stichworte selbst

Innere Einkehr im Monolithen

Die archaischen Formen des Entwurfs wirkten im Wettbewerb kraftvoll, leuchteten direkt ein und nährten die Hoffnung, dass man sich an ihnen »reiben« könne. Nach Fertigstellung präsentiert sich der Bau nun mit Räumen in klinischem Weiß, deren Proportion und Ausarbeitung wenig Charme und noch weniger Aufenthaltsqualität entfalten. Die stark von akademischen Überlegungen geprägte Architektur beweist einmal mehr, dass Rationalität beim Gestalten nicht zur Ultima Ratio werden darf.

~Christian Marquart

Die meisten Buchhandelsketten statten ihre Filialen mit mehr oder minder komfortablen, lektürefreundlichen Lese-Lounges aus: Der Kunde wird ausdrücklich zum Schmökern angeregt. Er soll an den gefüllten Regalen und aufgehäuften Neuerscheinungen entlang flanieren, Bücher aufblättern, »hineinlesen« – und natürlich das Bücherkaufhaus nicht nur mit einer hübschen Grußkarte verlassen, sondern auch mit einem Schmöker in der Tüte. Diese kleinen Lese-Landschaften sind meist eine geschickte Mixtur aus Lichtregie und Wellness-Design – Leitmotiv: Lesen ist Lifestyle.
In jener Bibliothek des 21. Jahrhunderts, wie sie eben auf den immer noch wüsten Stadtbrachen des »S21«-Geländes hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof errichtet wurde, sieht die Zukunft des Lesens – und der Leser – ganz anders aus. Spaßvögel sprachen schon vor Monaten von einem »Bücherknast«, weil dieser einsame und folglich recht auffällige Würfel mit seiner unterkomplexen Rasterfassade (deren Sturheit durch das buchstäblich kleinkarierte Gewürfel von Glasbausteinen noch unterstrichen wird) auf den ersten Blick tatsächlich wirken mag wie eine Strafanstalt.
Aber warum Bücherknast? Den Büchern geht es ganz gut in diesem Haus, denn sie kommen dort bestens zur Geltung als muntere farbige Strichbündel in nahezu weißen Regalen, die auf einem fast weißen Boden vor fast weißen Wänden stehen. Die Bücher sind das kostbare, delikate, weil bunte Dekor in einem sterilen, fast durchweg farblos in Grautönen gehaltenen und von Kunstlicht unangenehm hell ausgeleuchteten Ambiente. Die neue Stadtbibliothek der Landeshauptstadt ist kein Bücherknast, eher schon ein Leserknast. Man könnte auch sagen: Kultur wird hier zum klinischen Fall in einer optisch geschlossenen Anstalt. Wer nicht besonders gerne liest – und wir hören immer wieder, das seien v. a. halbwüchsige Knaben aus bildungsfernen und bildungsbürgerlichen Familien –, dem wird es jedenfalls in dieser Bibliothek nicht schmackhafter gemacht. Annähernd heimelige Orte sind hier die Toiletten und mutmaßlich im Sommer die derzeit noch unzugängliche Dachterrasse.
Stuttgarts neue Bibliothek ist entworfen und möbliert für hartgesottene Bibliophile, die sich dort flink und gezielt mit Lesestoff versorgen, um dann schnell in den vertrauten Ohrensessel heimzukehren, mit dem immer noch echten Buch auf den Knien; oder, nicht zu vergessen, für Medienfreaks, die wahlweise wie Galeerensklaven in langen Reihen kleiner (und, Überraschung: bläulich-grauer!) Sitzkojen durch globalisierte Datenozeane rudern sollen, alternativ auch mit 100 hauseigenen WLAN-tauglichen PCs sich irgendwo im Hause, im »Lesesalon« oder in den »Lernateliers«, vielleicht auch im Café oder auf der Dachterrasse zum Studium oder zum digitalen Spiel niederlassen können.
Die verblüffend »unliterarische«, nämlich geringe Aufenthaltsqualität im engeren Umfeld der Bücher wollte der südkoreanische Architekt Eun Young Yi vermutlich durch ein großzügiges Angebot zur Meditation und Konzentration ausgleichen, genau dort, wo in einer Bibliothek Bücher üblicherweise nicht gelesen werden: im würfelförmigen »Herzen« des Hauses, das eigentlich eine Art Foyer und Transitraum ist, platziert im Zentrum einer nach dem Prinzip der Zwiebel geschichteten Raumorganisation. Die Wände dieses Würfels, den der Architekt in großspuriger Diktion als »negativen Monolithen« bezeichnet, sind selbstverständlich auch geweißelt, und von der Malerfirma leider fleckig verpfuscht. Eun Young Yi hat ihn in regelmäßigen Abständen mit Fensterschlitzen im Hochformat versehen. Oben in der Decke, welche gleichzeitig der Boden des darübergesetzten, quadratischen und trichterförmig gestuften Lesesaals ist, fallen durch eine quadratische Öffnung (»Oculus«, der Architekt zitiert hier, um den Level seines Ehrgeizes angemessen zu markieren, das Pantheon in Rom) zu passenden Tageszeiten Reste natürlichen Lichts in diesen Meditationsraum. Sonst tropft dort auch etwas Blaulicht in die Tiefe des Raums, wie übrigens abends der ganze Bau bläulich in den Stadtraum schimmert. Blau, sagen die Farbpsychologen, suggeriert Klugheit und Kompetenz. Aber die gegenwärtig sich überschlagende Blau-Konjunktur in der Architekturinszenierung nervt schon längst und wirkt heute wie billiger Kitsch.
in Geometrie Gedanklich verheddert
Zurück zum »negativen Monolithen«: In der Mitte des Fußbodenquadrats schwappte zur Eröffnung Wasser in einem kleinen quadratischen Becken, allerdings nur, bis sich genug überraschte Besucher nasse Füße geholt hatten. Diese fernöstlich inspirierte Feng-Shui-Gestik kommt beim Publikum sicher ganz gut an, mag sich der Architekt gedacht haben; v. a., weil ein großes, umlaufendes Wasserbecken im Außenbereich des Gebäudes den allfälligen Sparmaßnahmen der Stadt Stuttgart schon recht früh zum Opfer gefallen war – stattdessen pflegt und wässert man eine Rasenfläche.
Viele der hier angesprochenen Eigentümlichkeiten der neuen Bibliothek ließen sich bei Gelegenheit übrigens relativ leicht und ohne größeren Aufwand verändern: Geht es da doch nicht um die strukturelle und im engeren Sinn funktionale Tauglichkeit des Hauses, sondern »nur« um harmlose Fragen der Atmosphäre, der Inszenierung, des Lichts, der Qualität synthetischer Oberflächen. Wirklich ärgerlich aber ist der vulgärphilosophische Schwulst, mit dem der Architekt – übrigens dem Vernehmen nach ehemals Mitarbeiter des verstorbenen Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers – in ungekonnter Diktion das theoretische Rankwerk seines Meisters weiter flicht, um den reichlich schematischen Einsatz weniger geometrischer Primärformen in seiner architektonischen Hardware gedanklich zu verzaubern, zu mystifizieren. Genau das funktioniert hier in keiner Weise. Schon Ungers hatte damit wachsende Probleme.
Der geistige Überbau seines Projekts wächst bei Eun Young Yi schon im Keller empor, dort, wo das »Max-Bense-Forum« auf etwa 300 Veranstaltungsbesucher wartet. Dieses Forum sei ein extrem flacher Raum, schreibt der Architekt zutreffend, »welcher die Thematik ›Morphose des quadratischen Raums‹ vervollständigt«. Wenig später heißt es dann: »Um dieses Extrem zu überspitzen, ist dieser Raum vollkommen in ein dunkles Pastellblau gefärbt.« Tja, wir Bibliotheksbesucher mögen einfach niedrige Decken, die durch ihre farbliche Fassung noch drückender wirken. Ist doch klar!
Indem Eun Young Yi »architektonische Uraussagen« interpretiert, reagiert er nicht nur virtuos auf unser »orientierungsloses Zeitalter«, sondern enthüllt und verbirgt in seinem Bau gleich auch »viele geheime Werte unserer Zivilisation«. Und er präzisiert, diese würden »soweit neutralisiert, bis sie epochenübergreifend einen allgemeinen Wert besitzen und soweit geschliffen, dass nur unser reiner Geist in die Materie projiziert wird«.
Haben wir vorher etwa zu abfällig über die sture Geometrie im Entwurf des Ungers-Jüngers geredet, die der Architekt selbst für elegant hält? »Das quadratische Raster bestimmt die Hauptformen und schafft eine Grundordnung, bei der die Geometrie keineswegs als Eigenzweck überhöht wird. Wo eine Idee im platonischen Sinne zum Ausdruck kommen sollte – nämlich an der äußeren Fassade oder im Herzraum –, dort wurde das geometrische Prinzip konsequent eingesetzt. (…) So ist es alltagstauglich und gleichermaßen architektonisch aussagekräftig.«
Na dann. Die Stuttgarter Agentur »Totems Communication«, die für das Einrichtungskonzept des Hauses verantwortlich zeichnet, hat argumentativ einen Knopf drangemacht mit ihrem Statement in der zur Eröffnung des Hauses gefertigten Broschüre: »Alle Möblierungselemente übernehmen über alle Ebenen die Farbigkeit der architektonischen Oberflächen. Gepolsterte Elemente orientieren sich abgemildert an der Leitfarbe Blau der neuen Stadtbibliothek.« Wie, Farbigkeit? Ach so, fast alles ist weiß, weißgrau, grauweiß; der Rest ist »abgemildertes« Graublau. Resümee: Die Texte des Architekten und der Agentur enthalten schon, eine aufmerksame Lektüre vorausgesetzt, die ganze Architekturkritik. Mal unter uns – so ist es dem Kritiker am liebsten. •
Der Autor ist freier Publizist und Herausgeber der Zeitschrift »Kultur«. Er lebt in Stuttgart.