Erinnerungen an Ettore Sottsass

Mit Ettore Sottsass, der am Silvestermorgen im Alter von 90 Jahren in Mailand verstarb, verliert die internationale Designwelt eine ihrer charakteristischen Figuren. Alexander von Vegesack, seit 1989 Gründungsdirektor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, erinnert sich an den großen Italiener.

~Alexander von Vegesack

Ich habe Ettore Sottsass erst relativ spät in den achtziger Jahren kennengelernt. Damals zählte er durch seine Arbeit mit der Designergruppe Memphis, die er 1981 gegründet hatte, zu den Stars der Postmoderne und zu den bestimmenden Figuren der internationalen Designszene. Rein ästhetisch betrachtet, hatte ich damals einige Vorbehalte gegenüber dieser Designbewegung. Als konsequente, radikale Reaktion auf ein langweilig und doktrinär gewordenes Form-follows-function-Design aber entwickelte Memphis eine große Überzeugungskraft. Übrigens ist es aus der heutigen Perspektive noch viel deutlicher, dass Sottsass zusammen mit Alessandro Mendini zu den besten, unkonventionellsten und innovativsten Köpfen der Postmoderne zählte. Was nicht zuletzt deshalb bemerkenswert erscheint, weil Sottsass bereits in dieser Zeit ein Mann im Rentenalter war. Das konnte man freilich nur seinem Gesicht ansehen. Seine Arbeiten, seine Gedanken und seine gesamte Erscheinung waren hingegen von einer Frische, wie ich sie selten erlebt habe.
Während meiner Tätigkeit am Vitra Design Museum hat sich zweimal eine engere Zusammenarbeit mit Sottsass ergeben. Zum einen in den Jahren 1991–93 in Vorbereitung der Ausstellung »Citizen Office. Ideen und Notizen zu einer neuen Bürowelt«. Zum anderen durch die von ihm eindrücklich inszenierte Ausstellung »Cartier Design«, die wir 2002 in unserer Berliner Dependance gezeigt haben. Besonders die der Vorbereitung dieses Projektes dienenden Treffen in Mailand sind mir lebhaft in Erinnerung. Man traf sich morgens um zehn Uhr in seinem Büro und hat dann zwei Stunden lang sehr konzentriert gearbeitet. Ziemlich pünktlich um zwölf unterbrach Sottsass die Sitzung und nahm uns mit zum »Pranzo« in sein Lieblingsrestaurant »Torre di Pisa«, dessen Wirt – wie fast alle Milanesen – ein großer Fußballfan war. Und mit der gleichen Intensität und Freundlichkeit, mit der er eben noch mit uns über das gemeinsame Ausstellungsprojekt gesprochen hatte, ließ er sich nach dem Essen auf eine schier endlose Fußball-Fachsimpelei mit dem Wirt ein. Die anschließenden Nachmittagsstunden waren dann für die Freundin reserviert – ein offenes Geheimnis dass sich Sottsass den Frauen mit derselben kompromisslosen Leidenschaft widmete wie seiner künstlerischen Tätigkeit – und erst gegen fünf Uhr konnten wir ihn zu einer zweiten Besprechung treffen. Diese an sich alltägliche und eher belanglos erscheinende Geschichte ist insofern interessant, als sie die mediterrane Lebensart und die zutiefst menschliche Persönlichkeit von Sottsass illustriert, ohne deren Kenntnis sein sehr subjektives und stark bio- grafisch gefärbtes Werk kaum verständlich erscheint.
Bei der Anfang der Neunziger realisierten Ausstellung Citizen Office, an der wir außer mit Sottsass mit den Designern Andrea Branzi und Michele de Lucchi arbeiteten, ging es um Vorschläge für die zeitgemäße Organisation und Gestaltung von Büroarbeitsplätzen. Ausgangspunkt für unsere Überlegungen war die Suche nach humanen Alternativen zum seinerzeit vorherrschenden hierarchisch-uniformen Bürostil. Bei Sottsass reichte die Beschäftigung mit der Bürowelt bis in die späten fünfziger Jahre zurück, als er die Zusammenarbeit mit der Firma Olivetti begann. Mit dem Gehäuse für »Elea 9003« gestaltete er 1958 den ersten Großrechner der Firma. In den sechziger Jahren folgten eine Reihe von wegweisenden Büro- und Schreibmaschinen, etwa die berühmte rote »Valentine«, in den frühen siebziger Jahren dann eine Büromöbel-Linie. Obwohl Sottsass also von allen Teilnehmern in unseren Diskussionsrunden über die größte Erfahrung auf diesem Gebiet verfügte und obwohl er mit Abstand der Älteste war, kamen gerade von ihm die provokantesten Fragen, war gerade bei ihm der Drang, andere Lösungen zu finden am stärksten entwickelt. Das hinterließ bei uns allen einen tiefen Eindruck und damals habe ich auch verstanden, weshalb es Sottsass immer wieder gelang, eine Gruppe von hoch motivierten, jungen und talentierten Gestaltern um sich zu versammeln. Sein Büro, aus dem Leute wie etwa Johanna Grawunder, Matteo Thun, James Irvine oder Marco Zanini hervorgingen, ist jahrzehntelang nachgerade eine Art Eliteschule des italienischen Designs und der italienischen Architektur gewesen.
In Sottsass Arbeit spiegelt sich die, nicht zuletzt von scharfen Brüchen gekennzeichnete De- signentwicklung des 20. Jahrhunderts wider. Die wesentliche Quelle seiner Innovationskraft war sein durch die Erfahrung des Faschismus und des Weltkriegs geprägtes tiefes Misstrauen gegenüber allen Doktrinen, gegenüber allgemein gültigen Gesetzen und vermeintlich absoluten Lösungen. Hinzu kamen eine angeborene, bis zuletzt ungebrochene kulturelle Neugier und ein unbändiger Drang, gestalterisches Neuland zu betreten. In seinem kreativen Schaffen hat Sottsass keinerlei Grenzen akzeptiert – weder formale, noch solche des Genres. Er hat als als Architekt und klassischer Industriedesigner gearbeitet, Möbel und Interieurs entworfen, ist mit kunsthandwerklichen Arbeiten hervorgetreten – seine Keramiken und Glasobjekte gehören zum Schönsten was er geschaffen hat –, widmete sich der Fotografie ebenso wie der bildenden Kunst und fiel sogar als Schriftsteller auf. Auch wenn viele seiner revolutionären Entwürfe heute ihre einstige Brisanz verloren haben, der pluralistische Ansatz der Postmoderne, der in seinen Arbeiten schon früh angelegt ist und den Sottsass wie kein Zweiter verkörperte, ist heute immer noch aktuell.
In den letzten Jahren hat sich Sottsass, der wie fast alle italienischen Designer von Haus aus Architekt war, verstärkt architektonischen Projekten gewidmet. Leider kenne ich seine Bauten – es handelt sich dabei vorwiegend um private Wohnhäuser – nicht aus erster Hand. Soweit es sich aber von den Abbildungen her beurteilen lässt, sind diese Häuser nicht weniger unkonventionell als die anderen Arbeiten des Meisters. Ich denke sie stimmen für den Architekten und sie stimmen für seine Bauherren – und das ist ja die Hauptsache. Ansonsten stehen sie wohl etwas quer in der Zeit und man wird kaum behaupten können, dass sie den internationalen Architekturdiskurs in gleicher Weise bestimmen und beeinflussen wie seine früheren Arbeiten für Olivetti oder seine legendären Memphis-Entwürfe. Aber vielleicht ist er mit seinen Bauten auch nur wieder einmal seiner Zeit weit voraus – überraschen würde es mich nicht.
Der Autor ist seit 1989 Gründungsdirektor des Vitra Design Museums. Zuvor richtete er unter anderem das Thonet Museum in Boppard am Rhein ein und organisierte Ausstellungen für das Centre Georges Pompidou, das Musée d’ Orsay und die American Federation of Arts.