Frankfurter Altstadt: Einer allein an allem schuld?

Die Frankfurter Altstadt hat viele Mütter und Väter

Langfassung:

Für Stephan Trüby ist die Sache klar: Die Initiative eines Rechtsradikalen ist für die 15 Rekonstruktionen verantwortlich, die in der Bankenstadt im September 2018 ihrer Bestimmung übergeben werden.

~Ein Widerspruch von Enrico Santifaller.

Jetzt wissen wir es. Die Wurzel alles Frankfurter-Butzenhäuschen-Übels ist ein windiger Rechtsradikaler, ein »Anti-Antifa-Akademiker«, der zu allem auch noch in Offenbach, Frankfurts ärmerer Nachbarstadt, geboren ist. Claus Wolfschlag mit Namen, Verfasser eines Aufsatzes mit dem Titel »Heimat bauen«, der 1995 in der Neonazi-Postille »Opposition in Deutschland« erschien, in der er einträchtig mit Holocaust-Leugnern und Ex-NPDlern die sattsam bekannten fremdenfeindlichen Parolen verbreitete. Und schrieb: »Wer von Volk und Heimat reden will, kann von der Architektur (in und mit welcher das Volk ja schließlich lebt) nicht schweigen«. Dieser Wolfschlag habe zehn Jahre später als Fraktionsmitarbeiter der rechtspopulistischen »Bürger für Frankfurt« (BFF) einen Antrag verfasst, in der die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt gefordert wurde. Ein Antrag, der, so das BFF-Eigenlob, erst diese Debatte in Gang gebracht und ermöglicht hatte, im September dieses Jahres die neue Frankfurter Altstadt zu eröffnen.

Veröffentlicht hat diese – sehr einseitige und nicht zu Ende recherchierte – Sicht der Dinge Stephan Trüby, seit kurzem Leiter des Instituts Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen an der Uni Stuttgart, in einem Artikel mit dem Titel »Wir haben das Haus am rechten Fleck« in der Sonntags-FAZ vom 8. April dieses Jahres.

Einer an allem schuld?

Während sich in den sozialen Medien die Kommentare überschlagen, und die Einen es schon immer wussten, fühlen sich die Anderen »gedisst«: Konservative werden unterschiedslos mit Neonazis in dieselbe trübbraune Sauce geworfen.
Nun kann man die neue Altstadt der Bankenmetropole mit gutem Recht kritisieren, den 15 rekonstruierten Häusern und den 20 »an der Geschichte orientierten« Neubauten die Vorspiegelung einer falschen historischen Kontinuität vorwerfen, wie das der Autor dieser Zeilen stets getan hat, wie das auch die Altstadtfreunde – zumindest die, die an historischer Sorgfalt interessiert sind – tun. Doch sollte man das nach eingehender und differenzierter Sichtung der Vorgänge im Jahre 2005 machen. Und v. a. nicht der Wählergruppierung BFF auf den Leim zu gehen, deren stets durch ausländerfeindliche Parolen auffallender Gründer Wolfgang Hübner 1999 auch mal gemeinsame Sache mit dem Ex-RAF-Mitglied und heutigen Rechtsextremisten Horst Mahler machte.
Dass auch die anderen Parteien, CDU und SPD voran, sich nun brüsten, die eigentlichen Urheber der Altstadt zu sein, macht die Sache nicht besser.

Die Frankfurter Rekonstruktionsdebatte ist bei Weitem vielfältiger, als Trüby das in seinem professoralen Furor wahrhaben will. Sie ist verworrener, unübersichtlicher, auch verklausulierter, ist von kommunalpolitischen Winkelzügen überlagert, hat viel mehr Player und Akteure mit jeweils ihren eigenen Motiven und hat, wie das so üblich ist, auch ein paar äußerst dubiose Figuren. Etwa den selbsternannten »PR-Guru« und früheren CDU-Wahlkämpfer Jürgen Aha, der laut Presseberichten eine ganze Reihe von Vorstrafen auf dem Kerbholz hat, der das »AltstadtForum« gründete und derzeit für die Wiedererrichtung des 1902 gebauten, im Krieg zerstörten Frankfurter Schauspiels kämpft.
Und: Diese Debatte hat historische Wurzeln. Das ganze 20. Jahrhundert, ja eigentlich schon seit 1880 wurde um die Frankfurter Altstadt gerungen, gestritten, sich die Köpfe heißgeredet – und Fakten wurden geschaffen. Während dieser bald 140 Jahre ist Stück für Stück Frankfurter Altstadt verloren gegangen, lange vor den verheerenden Bombennächten am 18. und 22. März 1944 – auch unter tätiger Mithilfe der Altstadtfreunde.
Angebote, wie etwa die vom ehemaligen Ernst-May-Mitarbeiter Werner Hebebrand, die einen Dritten Weg suchten und 1946 eine moderne Bebauung über den erhalten gebliebenen Erdgeschossen – und somit der Straßenzeilen – vorschlugen, zerschellten zwischen beiden Extremen eines radikalen Neubeginns und eines traditionsreichen Wiederaufbaus. Selbst der Nazi-Vorwurf ist nicht neu, sondern wird sich seit 1945 von beiden Seiten wechselseitig gemacht.

Sicher ist, dass das Altstadt-Herz bei den konservativen Kreisen der Frankfurter besonders laut schlug und immer noch schlägt (die im Übrigen keine Scheu hatten, zusammen mit der SPD unter anderem das Westend der Immobilienbranche zu vermachen). Aber ebenso sicher ist, dass die bis in die 70er Jahre mit absoluter Mehrheit regierende SPD immer mal wieder – in Hoffnung auf ein paar Wählerstimmen – Offerten machte, die eigene planungspolitische Modernität zu korrigieren.
Es war der SPD-Oberbürgermeister Rudi Arndt, der die Idee der Ostzeile am Römerberg lancierte. Und eben nicht sein christdemokratischer Nachfolger Walter Wallmann (inklusive seines persönlichen Referenten Alexander Gauland, den jetzigen AfD-Chef), der – ebenso wie beim Wiederaufbau der Alten Oper, den ebenfalls Arndt anregte, nachdem er sie kurz vor noch sprengen wollte – nur die Lorbeeren erntete. (Seltsam, dass Trüby wie Wolfschlag die Ostzeile Wallmann zurechnen.)

Das ungeliebte Technische Rathaus

Und die Debatte ist nicht vollständig, wenn man sich nicht die Entstehungsgeschichte des Technischen Rathauses in Erinnerung ruft, das Trüby bezeichnenderweise nur im Nebensatz erwähnt. Auf dem geschichtsträchtigen Areal zwischen Römer und Dom, dem Kernstück der Altstadt, das die Stadtplanung erstmal ausgespart ließ, wurde 1963 ein prominent besetzter Wettbewerb ausgelobt (Teilnehmer: u.a. May, Gropius, Jacobsen, Scharoun, der den 3. Platz belegte), der eine ganze Reihe von Kultureinrichtungen, ein Hotel und ein Gebäude für die technischen Ämter forderte. Das junge Frankfurter Büro Bartsch-Thürwächter-Weber gewann mit einem strukturalistischen Gebäudeteppich, der sogar den Altstadtfreunden gefiel – weil er sich »in das Stadtbild harmonisch ein[füge]« und »nirgends die wenigen erhaltenen historischen Bauten ringsum« gefährde. Doch weil sich der Raumbedarf der Ämter fast verdoppelte, wucherte der Bau – mit Placet des Stadtparlaments, aber ohne Kultureinrichtungen und ohne Hotel – zu einem alle Maßstäbe sprengenden brutalistischen Klotz, dessen Umrisslinien mit Luftballons bestimmt wurden. Ebenso wie die ersten Bankenhochhäuser wurde das 1972 fertiggestellte Technische Rathaus zu dem Symbol »Krankfurts«, gegen das die Altstadtfreunde Sturm liefen und Alternativplanungen einbrachten. Zur selben Zeit zettelte gar nicht weit davon entfernt die »Putztruppe« mit dem nachmaligen Außenminister Joschka Fischer gemeinsam mit der Aktionsgemeinschaft Westend, an deren Spitze mit Odina Bott ein SPD-Mitglied stand, den »Frankfurter Häuserkampf« an, den Soziologen heute als Anfänge einer zweiten Heimatschutzbewegung ansehen.

Als der Häuserkampf schon längst abflaute, befeuerte das Technische Rathaus weiter die Emotionen. Und es wurde nicht besser, als der grüne Stadtkämmerer Tom Koenigs, einst im Umfeld der Putztruppe, später »beraten« von der Deutschen Bank, das Gebäude 1994 für zwölf Jahre in dem damals modischen Sale-and-lease-back-Verfahren an die Deutsche-Bank-Tochter DIL verkaufte.
»Das Ding am liebsten sprengen« wollte pünktlich zur Oberbürgermeisterwahl 2001 der SPD-Kandidat Achim Vandreike. Das OB-Amt verblieb bei der CDU-Frau Petra Roth, die noch 2004 für einen Umbau plädierte, doch das Stadtparlament folgte Vandreike und beschloss im Frühjahr 2005 das noch im DIL-Besitz befindliche Gebäude abzureißen. Stattdessen sollte ein städtebaulicher Wettbewerb »dem Ort und dem historischen Umfeld gemäß« Vorschläge für eine kleinteilige Bebauung sammeln und den historischen Krönungsweg – die deutschen Könige mit Gefolge wandelten auf ihm nach zeremonieller Wahl im Dom zum feierlichen Mahl im Römer – wiederherstellen.
Man hatte Erwartungen geweckt, die der am 17. September 2005 gekürte Siegerentwurf von KSP Engel + Zimmermann bei Weitem nicht erfüllte. (Hartnäckige Gerüchte halten sich, dass Roth und ihr CDU-Parteifreund und Planungsdezernent Edwin Schwarz die Jury auf den KSP-Entwurf einschworen, zumal schon ein Investor bereitstand.) Als die bemerkenswert mediokren Fassadenansichten veröffentlicht wurden, brach ein Sturm der Entrüstung los. Anders als der mit dem zweiten Platz ausgezeichnete Entwurf von Jourdan Müller PAS, der u.a. mit einer vielwinkeligen Dachlandschaft dem Ort Tribut zollte, sollte in der historischen Mitte Frankfurts die »Bausünde« Technisches Rathaus durch das übliche triste Würfelhusten der Immobilienbranche ersetzt werden. Dem in der Stadt ohnehin schon viel zu viel Raum eingeräumt wird.
Obwohl Schwarz alsbald versicherte »So wird der Entwurf nicht gebaut«, und KSP kurz darauf eine Satteldach-Variante des Sieger-Entwurfs veröffentlichte, entfachte sich eine politische Dynamik, die in Frankfurt, das inzwischen auf seine Hochhäuser stolz war, Erinnerungen an die 70er Jahre weckte.

Wellen geschlagen

Während Roth und Planungsdezernent Schwarz zuerst noch an dem KSP-Entwurf festhielten, überboten sich Parteien und Bürgerinitiativen mit Alternativvorschlägen. Die ersten Rekonstruktionsvorschläge diskutierte bereits im November 2004 das Web-Forum des Vereins »Stadtbild Deutschland«, dessen Vorstände sich immer mal wieder als AfD-Verteidiger und Gender-Kritiker im Internet tummeln. Davon unabhängig brachte zur selben Zeit auf einer Rhein-Main-Konferenz der Jungen Union der Offenbacher Bauingenieursstudent Dominik Mangelmann, der sich für historische Fachwerkkonstruktionen in all ihren Details begeisterte, ebenfalls erste Rekonstruktionsvorschläge ein (Mangelmann wie Stadtbild Deutschland erwähnt Trüby übrigens nicht.). Die Junge Union Frankfurt-Süd machte sich dessen Vorschläge zueigen, scheiterte aber zunächst bei der eigenen CDU-Fraktion. Der am 21. August 2005 im Stadtparlament vorgebrachte Antrag der Ein-Mann-Fraktion der BFF, einige historisch besonders wertvolle Gebäude »stilecht« zu rekonstruieren, wurde vom damals regierenden Viererbündnis aus CDU, SDP, Grünen und FDP abgelehnt. Auch wenn Mangelmann schon einige Tage vorher seine nun sehr ausgearbeiteten Rekonstruktionsvorschläge den Fraktionsvorständen dieser Parteien erläuterte, worauf die Christdemokraten abwartend, die Sozialdemokraten dagegen begeistert reagierten.
Der SPD-Unterbezirksvorsitzende Franz Frey propagierte kurz darauf ein »Recht auf Fachwerk«, während sein Fraktionschef im Römer, Klaus Oesterling, zwei Wochen nach Veröffentlichung des KSP-Entwurfs mit einem Bürgerentscheid pro Rekonstruktion drohte. Erst diese Warnung und die Angst vor einer politischen Niederlage brachte Roth und Schwarz zum Umdenken. Nach einer Planungswerkstatt, der Einsetzung eines Sonderausschusses, endlosen Diskussionen und einer weiteren Kommunalwahl beschlossen 2007 CDU, Grüne, FDP und BFF eine Rekonstruktion von mindestens sechs, wenn möglich sieben historischen Häuschen. Die SPD stimmte dagegen, sie wollte noch mehr Rekonstruktionen. (Die acht weiteren Rekonstruktionen kamen durch Privatinitiative zustande.)

Die neue Altstadt Frankfurts hat viele Mütter und Väter, einem allein die Verantwortung zuzuschreiben, wäre nicht nur historisch unredlich, sondern verkennt auch die Stimmung innerhalb der Bürger und ihrer politischen Vertreter. Ideen brauchen stets einen gesellschaftlichen Resonanzboden um umgesetzt zu werden. Die Stimmung unter den Frankfurtern war in den Jahren zwischen 2004 und 07 weit entfernt von allem Geschichtsrevisionismus. Es ging zunächst darum, in der historischen Mitte der Stadt nach dem Abriss eines alten maßstabslosen Klotzes den Bau eines maßstabslosen neuen zu verhindern; ein schlichtes Misstrauensvotum gegen eine mediokre Architektur, der selbst auf historisch sensiblem Boden entweder die Courage oder die Expertise oder beides fehlt, um Interessen der Immobilienbranche wenigstens einigermaßen stadtverträglich einzubinden.
Hätte das politisch dienstbare Preisgericht den Vorschlag von Jourdan Müller PAS, der weitaus sensibler auf Geschichte und Kontext reagierte, mit dem ersten Platz ausgezeichnet, wäre möglicherweise dem ganzen gut 200 Mio. Euro teuren Altstadt-Projekt die Diskussionsgrundlage entzogen worden.
Im Verlauf von wenigen Monaten entwickelte sich jedoch eine Dynamik, in der die Vorstellung, nahe der höchsten Wolkenkratzer Kontinentaleuropas eine »alte« und »gemütliche« Stadt neu zu bauen, plötzlich konsensfähig wurde. Wolfschlag ist nicht der alleinige Urheber der Frankfurter Rekonstruktionsfantasien.

Man mag das nostalgisch, man mag das banal, angesichts des sonst in Frankfurt völlig ungebremst wirkenden Immobilienkommerzes kann man das auch eskapistisch nennen – zumal ein solcher mit Steuergeldern bezahlter Eskapismus billiger kommt und politisch ungefährlicher ist, als etwa substanzielle Änderungen im Bodenrecht zu erwirken –, aber mit dem »Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten«, wie es nun in einem Aufruf von Arch+ heißt, hatte der Frankfurter Beschluss, zwei Handvoll Butzenhäuschen »neu zu schöpfen«, nichts zu tun.

 
 
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