der fall grassi – grenzen der rekonstruktion

Der mittlerweile 17 Jahre andauernde Rechtsstreit über die Teilrekonstruktion des Römischen Theaters von Sagunto durch Giorgio Grassi und dem ortsansässigen

Architekten Manuel Portaceli von 1993 ist einer jener Fälle, in denen es nur Verlierer geben kann. Das Theater in den Hängen oberhalb der Stadt in der Küstenprovinz Valencia stammt aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. In ihrer von der Provinzregierung in Auftrag gegebenen Rekonstruktion hatten die Architekten die ausgewaschenen Steinstufen des Zuschauerhalbrunds – der cavea – mit Marmor überdeckt und die scanea – den Bühnenraum – wiederaufgebaut. Dieser in Ziegel ausgeführte Bau orientierte sich an archäologischen Mutmaßungen über das ursprüngliche Erscheinungsbild und fügte Fundstücke von Säulen und Friesen mit ein.

Schon 1990, noch vor dessen Fertigstellung, hatte Juan Marco Molines von der Volkspartei, die damals noch die Oppositionsbank des Regionalparlaments drückte, aus rein politischem Kalkül die Gerichte gegen dieses Vorhaben bemüht.
Im Jahr 1993 entschied das Gericht der Provinz Valencia, der »Neubau« stelle eine Verletzung des spanisches Gesetzes von 1985 zum Schutz des historischen Erbes dar, das die Rekonstruktion von denkmalgeschützten Bauwerken verbietet; es sein denn, sie diene dem Erhalt und der Stand- sicherheit. Gegen einen zweiten Richterspruch aus dem Jahr 2003, wonach der Eingriff rückgängig gemacht werden müsse, legte die Stadt Sagunto vor dem Tribunal Supremo, dem höchsten spanischen Gerichtshof, Einspruch ein. Dieser jedoch bestätigte im Januar dieses Jahres die Entscheidung von 2003 und setzte zudem eine Frist von 18 Monaten, innerhalb dieser der Rückbau zu erfolgen habe. Dabei stützte sich der Richterspruch auf Studien, die einen solchen ohne Gefährdung des Denkmals für durchführbar halten.
Während nun das Ultimatum läuft, mehrt sich der Widerstand der Bürger und so hat die Regionalregierung von Valencia, die sich mittlerweile fest in den Händen der Volkspartei befindet, eine schnelle Kehrtwende vollzogen. Deren Kulturbeauftragter Trinidad Miró spricht sich mittlerweile für eine Aussetzung des Urteils aus und stützt sich dabei auf den Bericht einer Sonderkommission, die zu dem Schluss kommt, dass eine solche Maßnahme auch den Originalbestand gefährden würde. Genau das Gegenteil dessen, was dieselben Verantwortlichen während der Gerichtsverhandlung ins Feld geführt hatten. Es gäbe außerdem seit 2005 ein neues regionales Denkmalschutzgesetz, welches Rekonstruktionen – und damit auch Grassis Werk – zulasse. Und auch die örtliche Architekturschule unterstützt den Erhalt.
Im Rückblick muss man sich heute über die Dummheit der damals Verantwortlichen wundern, die den Entwurf von Portaceli und Grassi befürworteten. Rückhalt und Unterstützung finden die Architekten in den Medien, die den Kritikern der Entscheidung vorhalten, »romantische Ruinen« einer intakten kulturellen Einrichtung vorzuziehen – eine Argumentation, die verdeutlicht, dass die Verteidiger das Theater eher als ein Gut betrachten, das es auszubeuten gilt, als es als ein wertvolles und erhaltenswertes Zeugnis der Vergangenheit zu sehen.
Die Architekten hatten – sehr einfallsreich und überzeugend – ihren Eingriff 1993 als eine Wiederherstellung nicht des Theaters selbst, sondern seiner ursprünglichen Raumkonzeption und -qualität dargestellt. Der Bezug zwischen Bühne (cavea) und Zuschauerhalbrund (scanea) sei, so ihre Argumentation, durch vorhergegangene, eher an griechischen Konzeptionen orientierten Rekonstruktionen verunklart worden. Sie rechtfertigten ihr Vorgehen außerdem mit dem Hinweis darauf, dass mehr als achtzig Prozent der zum damaligen Zeitpunkt existenten Baumasse bereits das Ergebnis früherer Rekonstruktionen seien. Ihre im postmodernen Enthusiasmus für das Mystisch-Klassische verwurzelte Argumentation scheint schwerer gewogen zu haben als der Respekt vor der fragilen Einheit der Ruinen.
In einem an historischem Erbe so reichen Land wie Spanien ist die Adaption von bauhistorischen Denkmälern jeder Art für neue Nutzungen und Bestimmungen eine häufige und akzeptierte Praxis, zu der durchaus auch markant-eigenständige Anbauten gehören – solange sie sich als solche zu erkennen geben und Respekt vor der Bausubs-tanz zeigen. Und in der Mehrzahl solcher Projekte haben spanische Architekten große Sensibilität und Respekt vor den ihnen anvertrauten Denkmälern gezeigt. Man denke nur an Rafael Moneos kürzlich vollendete Erweiterung des Prado in Madrid, bei der er die Ruinen eines Klosters aus dem 17. Jahrhundert einbezog. Aber Grassi und Portaceli taten damals eindeutig des Guten zu viel in ihrem Bestreben, das reiche Erbe der Vergangenheit wiederzubeleben.
Trotzdem, der endgültige Richterspruch in diesem vertrackten Rechtsstreit ist eine kontraproduktive Überreaktion. Grassis und Portacelis Eingriff ist seit Langem nicht nur Bestandteil der geschichtlichen Umformung des Theaters, sondern auch Teil der Geschichte der zeitgenössischen Architektur geworden. Es wird Zeit, daraus die Lehren zu ziehen und sich anderem zu widmen.
~David Cohn
Aus dem Englischen von Elisabeth Plessen
Der Autor studierte Architektur an der Columbia University und lebt als Freier Journalist in Madrid und New York.
Eine Stellungnahme von Giorgio Grassi ist in der Bauwelt 21/08 nachzulesen.