Olafur Eliassons neues Hauptquartier für »Kirk Kapital«

Baut mehr Kunstwerke!

Eine Wasserburg steht im Hafen der jütländischen Stadt Vejle – so scheint es von der Stadt her, eine Art Donjon, mit Zugbrücke zur Kaimauer. Das Gebäude macht neugierig, zieht Spaziergänger magisch an, je näher man kommt, desto mehr. Von welchem zeitgenössischen Gebäude ließe sich Ähnliches sagen?

Das neue Verwaltungsgebäude von Olafur Eliasson für die dänische Investmentfirma »Kirk Kapital« ist ein Wahrzeichen im Sinne Aldo Rossis »Architektur der Stadt«, das im neuen Hafenviertel eine wichtige städtebauliche Funktion erfüllt. Es ist kein öffentliches Gebäude, aber man kann das offene EG betreten, wie eine Stadtloggia der Renaissance, ein Architekturerlebnis!

Nicht, dass das angrenzende neue Wohnquartier uninteressant wäre, im Gegenteil, es zeigt Gesicht, hat abwechslungsreiche Baukörper und Fassaden, hat das Zeug dazu, »gebaute Heimat« zu werden. Die neue Hauptverwaltung von Kirk Kapital aber setzt einen Akzent, markiert den öffentlichen Ort am Kai, auf dem temporäre Nutzungen ihren Platz finden.

Das Haus ist ein Glücksfall, weil es seine Signifikanz einer autonomen künstlerischen Setzung verdankt. Olafur Eliasson, der dänische Künstler isländischer Herkunft, erforscht seit Langem geometrische Körper, deren Genesis und Interaktionen. So auch bei diesem Gebäude, wo Zylinder auf bestimmte Weise von anderen Zylindern durchdrungen werden, wodurch die ovalen und parabolischen Schnittlinien entstehen.

»Wo hier denn die Form der Funktion folge«, werden gestrenge Architekten fragen, und sie haben Recht. Am Anfang war die formale Idee, dann wurde die Funktion »eingefüllt«. Doch anschließend folgten funktionsbedingt pragmatische Modifikationen des reinen geometrischen Prinzips, sodass die (zugegeben recht elitäre) Nutzung letztlich keinen Einschränkungen unterliegt – und im Gegenteil, von Atmosphäre, Raumqualität und den inszenierten Ausblicken profitiert. Alles gut also? In der Tat. Auch wenn überzeugte Modernisten, Funktionalisten und Sozialromantiker aufheulen mögen. Es ist kein ökonomisches Gebäude, zweifellos, und es ist für Menschen gebaut, die mit viel Geld umgehen, doch es ist auch ein subtiles Gesamtkunstwerk.

Signifikante Architektur zu entwerfen, ist heute, angesichts technisch fast uneingeschränkter Möglichkeiten, auf Fingerspitzengefühl angewiesen. »Stararchitekten« wie Frank O. Gehry, Daniel Libeskind oder Wolf Prix haben es nur manchmal und Jürgen Mayer H., der einzige in Deutschland, der exaltierte Formen als Gebäude liefert, auch nur selten. Deutschland hat eine eher lustfeindliche Architekturszene, die als modisch empfundene Eskapaden nicht akzeptiert. Und so sind es rationalistisch orientierte Baukünstler wie David Chipperfield, denen es hier und da gelingt, Wahrzeichen zu bauen, die aus der Stadtarchitektur positiv herausstechen.

Doch wir brauchen diese Wahrzeichen, in den neuen Wohngebieten z. B., die meist an uninspirierter und uninteressierter Gleichförmigkeit den Siedlungen der 60er und 70er Jahre gleichkommen. Wir brauchen die Stadtbaukunst, die abwechslungsreiche, einzigartige Situationen und Räume schafft, die manche als altväterlich verpönen, und wir brauchen dazu die Akzente, die Blickpunkte, die nicht nur so entstehen, dass zwischen Sechsgeschossern mal eben ein doppelt so hoher Wohnturm aufragt.

Blickpunkte wie Max Dudlers Backsteinturm der AOK in Bremerhaven, das Historische Museum in Frankfurt von LRO, die Bremer Landesbank von Caruso St. John oder, in kleinerem Maßstab, der Supermarkt aktiv & irma von neun grad architektur in Oldenburg. Allesamt Backsteinbauten übrigens, denn der Ziegel als kleinstes Modul evoziert offenbar ein ganz anderes Denken, das Präzision und Dekorfreude, Signifikanz und Anpassung an den Kontext zusammenbringt.

Es geht um eine Architektur, die eine bestimmte Form der Wiedererkennung ermöglicht, eine des »einprägsamen Orts« (Charles Moore), wie dies etwa die Bauten von Erich Mendelsohn erreichen. Der begnadete »expressive Funktionalist« hat durch und durch moderne, dabei funktionalistische, aber mit Eleganz und Materialbewusstsein ausgestattete Architektur geschaffen, die Bedeutungsbewusstsein besitzt. Es gehe um Wahrzeichen als Agglomerationskerne mit Schönheit und künstlerischem Wert, die im Spannungsverhältnis zu den übrigen Quartieren der Stadt stehen, die prozesshaft wachsen und ständigem Wandel unterzogen sind, so Aldo Rossi.

Sieht man Vittorio Magnago Lampugnanis Handbuch »Manuale zum Städtebau« durch, wird deutlich, dass die Ausrichtung von Straßen- und Quartiersentwürfen auf zeichenhafte, öffentliche Gebäude hin immer ein gängiger stadtgestalterischer Topos gewesen ist. Diese Akzente, Merkzeichen, Wahrzeichen, wie immer man sie nennen will, angemessen privilegiert (bau)künstlerisch zu gestalten, ist eine wichtige Aufgabe der Architekten (und der Bauherren), der sie sich nicht durch unengagierte, routinierte Erledigung und kostenminimierte 08/15-Rasterfassadenlösungen entledigen sollten.

~Falk Jaeger

{Der Autor lebt als Publizist und freier Architekturkritiker in Berlin.



Fjordenhus, Vejle (DK) (Olafur Eliasson, Sebastian Behmann) »