Donau City Wien

An der schönen blauen Donau

Die 3500 Bewohner der Donau City haben sich bereits eingelebt, und auch als Bürostandort ist das Hochhausviertel mit seinen 4500 Arbeitsplätzen mittlerweile etabliert. Dennoch ist der siebzehn Hektar große Stadtteil – errichtet auf der Überplattung der Donauuferautobahn sowie einem inzwischen sanierten Deponiegelände – nach wie vor eine Baustelle. Ausgerechnet der attraktive Südteil des Areals, unmittelbar an der Donau, wird bis heute von der rohen Grundplatte aus Beton sowie monströsen Baugruben bestimmt. Daneben wächst gerade der Tech Gate Tower aus dem Boden. Der 75 Meter hohe Turm von Wilhelm Holzbauer soll die Torsituation am Eingang zur Donau City komplettieren.

Am anderen Ende der »Platte«, wie der gesamte Stadtteil salopp genannt wird, steht gleich neben dem Mischek Tower (mit 110 Metern Österreichs höchstes Wohnhaus) der knapp 90 Meter hohe Saturn Tower kurz vor seiner Fertigstellung. Dem wuchtigen Glasbau ist kaum anzusehen, dass er aus dem Büro eines renommierten österreichischen Architekten stammt. Ungeachtet dessen wurde das gesamte Objekt schon vor Bezug verkauft – wie so viele Bürotürme der letzten Jahre auch an große deutsche Immobilienfonds, deren enormer Investitionshunger den Wiener Hochhausboom spürbar forciert hat.
Die Verantwortung für das Werden der Donau City liegt bei der anfänglich stadteigenen und heute vollständig privatisierten Wiener Entwicklungsgesellschaft für den Donauraum (WED), die für alle Projekte auf der »Platte« zumindest in der Konzeptionsphase zuständig ist, meist jedoch auch deren Errichtung und Verwertung übernimmt. Für den Vorstandsdirektor der WED, Thomas Jakoubek, tut der halbfertige Charakter des Stadtteils den zahlreichen Standortvorteilen keinen Abbruch. In der Donau City, so Jakoubek, fänden internationale Konzerne die weltweit gewohnten Standards vor – was in Wien nicht selbstverständlich sei. Diese Einschätzung wird durch die Büroleerstandszahlen durchaus untermauert: Während die Türme der Donau City als voll verwertet gelten, stehen wienweit 20 Prozent der in den letzten zehn Jahren errichteten Büroflächen leer – was auch international einen sehr hohen Wert darstellt. Dabei weisen die Türme auf der »Platte« mit etwa 15 Euro pro Quadratmeter die höchsten Büromieten außerhalb des 1. Bezirks auf. So sieht der WED-Direktor seine Aufgabe, eine zweite City zu entwickeln, zumindest hinsichtlich der erreichten Business-Funktion durchaus erfüllt.
Eine ursprünglich erhoffte Zentrumsfunktion für die beiden boomenden Stadterweiterungsbezirke nördlich der Donau mit insgesamt 280000 Einwohnern wird die Donau City aber wohl ebenso wenig erlangen wie das urbane Flair innerstädtischer Bezirke. Zum einen führen die Verkehrsströme aus den weitläufigen Wohngebieten von Floridsdorf und Donaustadt mehrheitlich an der Donau City vorbei. Zum anderen fehlt dem insulären Standort – begrenzt von der Donau, dem weitläufigen Donaupark, dem Wiener UNO-Hauptquartier sowie einer vierspurigen Ausfallstraße – ein unmittelbares Hinterland. Und schließlich ist die Bewohnerzahl auf der »Platte« selbst viel zu gering, um mehr als eine Mindestversorgung durch Handel, Dienstleistungen und Gastronomie herzustellen.
Dem widerspricht Eva Prochazka, die für die Donau City zuständige Planerin im Wiener Rathaus: »Im Endausbau wird der heute erst zu 60 Prozent realisierte Stadtteil ein deutlich anderes Gesicht aufweisen. Eine geplante Universitätsfakultät sowie Kulturstätten werden ein neues Publikum hierher bringen, wodurch weitere Lokale und Geschäfte entstehen.« Allerdings klafft am vorgesehenen Universitätsstandort, direkt neben dem Andromeda Tower, schon seit Jahren ein riesiges Loch, dessen Verbauung nach wie vor an der fehlenden Bundesfinanzierung scheitert. Wie lange die Baugrube im Herzen der Donau City noch als Parkplatzprovisorium dienen wird, ist keineswegs abzusehen. Bezüglich angestrebter Kultureinrichtungen stellt sich die Frage, was denn Wien an bedeutenden Kulturbauten derzeit noch braucht.
Die mangelnde Urbanität führt Architekt Adolf Krischanitz vor allem auf die städtebauliche Entwicklung zurück. Gemeinsam mit Heinz Neumann hat Krischanitz 1992 den ersten Masterplan für die Donau City verfasst und darin eine komplexe und dennoch sehr viel klarere Struktur vorgeschlagen als die seit 1995 realisierten Bauten heute erahnen lassen. Auf Basis von 32 x 32 Meter großen Grundstücken bot das Konzept ein modulartiges Bebauungssystem an, das trotz Flexibilität eine Gesamtordnung erzeugt hätte – etwa eine gestaffelte Höhenentwicklung von der Donau zur UNO-City. Krischanitz schwebte eine dreidimensionale, üppig durchgrünte Stadt mit zwei Bezugsebenen vor, wobei sich die untere Ebene nicht nur auf die Bewältigung des Autoverkehrs beschränkt hätte (was heute hingegen der Fall ist). Die obere, den Fußgängern vorbehaltene Ebene hätte nicht aus einer monolithischen Platte, sondern aus einem Netzwerk von Stegen, Brücken und platzartigen Erweiterungen bestanden.
Um ein solches Konzept umzusetzen, bedarf es, laut Krischanitz, allerdings eines starken Gestaltungsbeirats oder zumindest einer kreativ-koordinierenden Stelle, die alle Beteiligten von der Idee überzeugt. Dann hätte man hier auf höchstem Niveau »Stadt spielen« können, hadert der Autor des Masterplans. »Stattdessen wurden die städtebaulichen Überlegungen aus wirtschaftlicher Panik partikulären Interessen geopfert – mit dem Erfolg, dass wir heute ein beziehungsloses Nebeneinander von monofunktionalen Hochhäusern haben, uninteressante, windexponierte öffentliche Räume im Inneren sowie unbewältigte Situationen an den Rändern und Übergängen. Damit stellt die Donau City mit Sicherheit keinen urbanistischen Fortschritt dar.«
Der öffentliche Raum verkommt so mangels verbindlicher Gesamtkonzepte mehr und mehr zur ungeplanten Restfläche – rings um autistische Solitärbauten auf jeweils unterschiedlichen Niveaus. Da aber der wirtschaftliche Erfolg der bisherigen Entwicklungsstrategie vermeintlich Recht zu geben scheint, sind stärkere Auflagen für die städtebauliche Qualität auch künftig unwahrscheinlich. »Der Flächenwidmungs- und Bebauungsplan für die Donau City wurde hinsichtlich seiner räumlichen Vorgaben bewusst offen gehalten«, erklärt Eva Prochazka von der Wiener Stadtplanung. »Wir wollten die Kreativität der Architekten hier nicht zu sehr einschränken.« Statt Baufluchtlinien und Bauklassen regelt die festgesetzte Kubatur das Maß der Bebauung. Flexibilität soll auch den neuen Bebauungsplan auszeichnen, der derzeit auf Basis des zweiten Masterplans erarbeitet wird, welcher von Dominique Perrault stammt.
Das Siegerprojekt aus dem internationalen Wettbewerb des Jahres 2002 widmet sich nicht nur dem Endausbau der Donau City sondern auch dessen Umfeld: So soll der Terrassenbereich zur Donau hin endlich in Form gebracht werden – durch eine urbane Gestaltung mit Freizeit-, Kultur- und Veranstaltungsbauten, mit großzügigen Treppen und einer Uferpromenade. Mit den angrenzenden Bereichen wiederum – etwa dem UNO-Hauptquartier – soll das Hochhausviertel künftig deutlich besser verknüpft sein. In der Donau City selbst sieht Perraults Masterplan im Wesentlichen noch drei Hochhäuser als alles überstrahlende Wahrzeichen des modernen Wien vor.
Proteste von Mietern und Eigentümern bestehender niedrigerer Türme gegen eine Entwertung ihrer Büros durch höhere Neubauten befürchtet WED-Direktor Jakoubek nicht. Denn die weitere Verdichtung bringe den heutigen Büroinhabern auch Vorteile wie etwa den Zuwachs an Nahversorgung – die freie Aussicht sei eben nicht alles. Jakoubek verhehlt gar nicht, dass es durchaus Strategie war, relativ niedrig zu beginnen und immer höher zu werden: »Hätten wir mit den höchsten Türmen begonnen, ließen sich spätere niedrigere Türme kaum vermarkten. So sehen wir die bestehenden Hochhäuser auch als attraktiven Rahmen für die Highlights, die jetzt noch kommen.«
Im Endausbau werden in der Donau City bis zu 12000 Menschen Beschäftigung finden, unverändert bleibt die Zahl der Bewohner – und dazukommen sollen noch Studenten, Kulturkonsumenten und Hotelgäste. Aber auch dann sei es laut Friedrich Achleitner noch zu früh, über Scheitern oder Gelingen dieses gänzlich neuen Stadtteils zu urteilen. Denn, so der Architekturtheoretiker, »eine römische Planstadt hat rund 300 Jahre zur Entwicklung gebraucht – wir blicken jetzt erst auf zehn Jahre Donau City zurück. Allerdings gibt es hier zugegebener Maßen nur mehr wenig Spielraum für die nächsten 290 Jahre …«. Reinhard Seiß
Der Autor ist Raumplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien