Ideell überragt Daniel Libeskinds 192 m hoher Wohnturm »Złota 44« mit seinen 287 Luxus-Apartments das sozialistische Erbe. Der Kultur- und Wissenschaftspalast von 1955 (Arch.: Lew Rudnew) bleibt aber mit seinen 231 m bis auf Weiteres das höchste Gebäude des Landes
Foto: Piotr Krajewski, Warschau
Eine kurze Einführung

Zeitgenössische polnische Architektur

In der Reihe unserer beliebten Länderhefte richten wir diesmal den Blick auf eine – zu Unrecht! – wenig bekannte Architekturszene; sie braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Von »Ostalgie« kann auf gestalterischer Ebene keine Rede sein, und selbst wenn im Wohnungsbau Tendenzen zum Rückzug ins Private sichtbar werden, so gibt es in Polen in den Bereichen Kultur und Wissenschaften doch umso mehr zu entdecken. ~ge

~Aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau

Text: Ewa P. Porębska
Dass die polnische Architektur im letzten Jahrzehnt eine ganze Reihe von Erfolgen eingeheimst hat – darunter solch renommierte Auszeichnungen wie den EU Mies van der Rohe Award 2015 für die Philharmonie in Sczeczin (Stettin) (s. db 9/2015, S. 70) oder die Engere Wahl im European Prize for Urban Public Space für das Centrum Dialogu Przełomy (s. S. 35) – ist kein Zufall. Nach Jahren der Stagnation tritt die polnische Architektur nun markant auf der architektonischen Landkarte Europas, vielleicht sogar der Welt, in Erscheinung. Aber warum so spät – erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts?
Zweifellos verkörpert Architektur die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Situation eines Landes: Polen existierte vom Ende des 18. Jahrhunderts an bis zum Ende des Ersten Weltkriegs schlicht nicht als Staat, sondern war zwischen Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt. Als Polen 1918 wieder unabhängig wurde, setzte mit kräftiger Unterstützung des Staats ein großer Bauboom ein – in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen fanden über 300 Architekturwettbewerbe statt; der neue Hafen in Gdynia (Gdingen) war der modernste rund um die Ostsee und einer der größten in Europa; zahlreiche neue Theater- und Museumsbauten zeichneten sich durch ihren großen Maßstab aus, etwa das prestigeträchtige Nationalmuseum in Warschau, dessen Architektur akademischen Konstruktivismus und klassische Tradition vereint.
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs beendete diese Ära; in den folgenden sechs Jahren starben mehr als 16 % der polnischen Bevölkerung; als eine unter vielen zerstörten Städten traf es Warschau am härtesten – die Hauptstadt wurde praktisch ausradiert. Der Wiederaufbau der Altstadt in der Nachkriegszeit wurde zum Inbegriff der historischen Rekonstruktion polnischer Schule.
Der Welt außerhalb Polens blieb die Architektur der Volksrepublik aus politischen Gründen größtenteils unbekannt, ausgenommen vielleicht einige Beispiele aus der Periode des sozialistischen Realismus, etwa der Kulturpalast in Warschau (das sowjetische Machtsymbol im Herzen der unterworfenen polnischen Hauptstadt) oder die neu gegründete Industriestadt Nowa Huta bei Krakau (nach den Regeln sozialistischer Stadtplanung gebaut).
Dennoch entstanden auch einige exzellente Gebäude, so etwa der Wohnungsbau am Plac Grunwaldzki in Breslau, 1967-75 errichtet und von Le Corbusier inspiriert. Neuerdings werden diese Bauten wiederentdeckt, saniert und ins öffentliche Bewusstsein gerückt, beispielsweise verschiedene Bahnhofsgebäude in Warschau (s. db 4/2014, S. 12-14).
Die Wende im Jahr 1989 brachte viele politische Veränderungen, bis hin zum Beitritt Polens zur Europäischen Union, in dessen Folge europäische Gelder auch für Bauaufgaben zur Verfügung standen. In nur wenigen Jahren sind über 100 neue Museen entstanden, große Bereiche einzelner Städte wurden revitalisiert, postindustrielle Flächen saniert und umgenutzt – ein Trend, den die »Kulturzone« von Kattowitz eindrucksvoll illustriert: Auf einer ehemaligen Kohlenzeche mitten im Stadtzentrum entstanden ein Kongresszentrum (s. S. 26), der neue Sitz des Sinfonieorchesters des Polnischen Radios und das neue Schlesische Museum (s. S. 40) –Kostenpunkt für den neuen Bezirk samt Wiederaufbau des Straßennetzes: rund 250 Mio. Euro.
Das große Spektrum der Bautätigkeit ähnelt dem der Zwischenkriegszeit – die wiedergefundene Freiheit, begleitet von günstigen Umständen und Finanzierungskonditionen, fördern die Entwicklung neuer Architektur.
Die Autorin ist Chefredakteurin der polnischen Architekturfachzeitschrift Architektura Murator. Sie engagiert sich für die Anerkennung polnischer Architektur ab 1989 und erhielt dafür bereits das Ritterkreuz der zweithöchsten zivilen Auszeichnung in Polen, des Ordens Polonia Restituta.