ANGIOLO MAZZONI

Architekt der italienischen Moderne. Von Katrin Albrecht. 400 S., 49 farbige und 329 S/W-Abb., Hardcover, 89 Euro, Reimer Verlag, Berlin 2016

~ Hartmut Möller

Angiolo Mazzoni dürfte vermutlich selbst unter Berufskollegen keine besondere Bekanntheit genießen. Der 1894 geborene Bolognese studiert Bauingenieurwesen und Architektur in seinem Geburtsort und Rom, wird 1921 Angestellter bei der Italienischen Eisenbahn und übernimmt während des aufkommenden Faschismus’ drei Jahre später eine Leitungsfunktion im neu gegründeten Ministerium für Kommunikation. Hier ist er zuständig für Infrastrukturbauten; vor allem Bahnhöfe und Postgebäude, ferner Eisenbahnerhäuser, Verwaltungsbauten und Industrieanlagen stammen aus seiner Feder. Nach dem Krieg emigriert der treue Regimeanhänger nach Kolumbien und nimmt eine Professur an der Universität in Bogotá an. Als Mazzoni 1963 in seine Heimat zurückkehrt, ist er (nicht zuletzt wegen seiner politischen Gesinnung) beinahe aus der Geschichte getilgt. In jüngerer Zeit jedoch wird dem 1979 Verstorbenen eine erhöhte Aufmerksamkeit zu Teil. Immerhin zeugt, neben Häusern von beispielsweise Giuseppe Terragni oder Luigi Moretti, auch sein gebautes Erbe davon, dass die faschistische Architektur südlich der Alpen einen gänzlich anderen Ausdruck fand, als ihr deutsches Pendant. Eindeutig zu definieren indes ist das umfangreiche Oeuvre des Staatsdieners nicht – vielmehr scheint es zwischen Monumentalismus, Arts and Crafts, Futurismus, Rationalismus bis hin zum Konstruktivismus zu changieren. Und selbst wenn seine kurvigen Wände nicht der rasanten Dynamik eines Erich Mendelsohn standhalten können, so zeigen weit auskragende, geschwungene Dächer, großzügige Fassadenöffnungen und gewölbte Glasecken doch eindeutig in Richtung Moderne. Katrin Albrecht durchleuchtet diesen interessanten Charakter in ihrer belangreichen Publikation en Détail. Aufschlussreiche Texte, wunderbare Fotos, Pläne und Skizzen erläutern Entwürfe und Arbeitsweisen der umstrittenen Persönlichkeit. Neben seinem architektonischen und städtebaulichen Werk gibt die Autorin aber vor allem Auskunft über dessen kulturpolitische Rahmenbedingungen und gewährt Einsicht in die Struktur des Herrschaftssystems jener Zeit. Im letzten Viertel finden sich übrigens nicht ohne Grund vor allem Anmerkungen zu unzähligen Fußnoten und eine umfassende Bibliografie: die bemerkenswerte Arbeit wurde 2014 an der ETH Zürich als Dissertation angenommen.