Im offenen Austausch

Im offenen Austausch

Forschung, Lehre und Innovation brauchen Freiraum. Und das nicht nur im Kopf, um dort neue Denkprozesse in Bewegung zu setzen, sondern auch in der Architektur von Forschungs- und Lehrgebäuden. Planer stehen dann immer wieder vor der Herausforderung, flexible Nutzungen, individuelle Bauherrenwünsche und technische Anforderungen zu vereinen. BIM kann sie dabei unterstützen.

Text: Tim Westphal; Abb.: AllesWirdGut; Foto: Hertha Hurnaus

Das Electronic Based Systems Center (EBS) auf dem Campus der TU Graz, für das im Januar der Grundstein gelegt wurde, ist eins jener Projekte, das diesem Anspruch an Architekturqualität gerecht werden soll. AllesWirdGut Architektur aus Wien planen das Projekt in einer Arbeitsgemeinschaft mit den Ingenieurbüros FCP Fritsch und Chiari & Partner sowie mit den Elektro- bzw. Haustechnikplanern Kubik Project bzw. Gawaplan, alle ebenfalls aus Wien. Die Offenheit unter den Projektpartnern und eine relativ überschaubare Größe von ca. 5 400 m2 BGF machten das EBS für AllesWirdGut zum Pilotprojekt für eine umfassende BIM-Planung.

Open BIM: »Jeder weiss immer Bescheid«

Der Einsatz der digitalen Planungsmethode BIM, die zahlreiche Vorteile im Planungs-, aber auch im Bau- und Betriebsprozess bedeuten kann, war beim EBS keineswegs vorgeschrieben. Der Bauträger, die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), forderte eine konventionelle und nicht zwingend 3D-orientierte Bauplanung. Die BIM-Implementierung in der österreichischen Baubranche ist dem Stand in Deutschland vergleichbar. Dabei wird in Österreich aufmerksam verfolgt, was sich hierzulande entwickelt, und findet auch dort Anwendung. Warum sich AllesWirdGut zum Einsatz von BIM entschlossen, erläutert Agron Deralla, BIM-Manager bei AWG: »Wir wollten alle Fachplaner intensiv einbinden. Deshalb sind wir das Projekt konsequent als Open-BIM-Projekt angegangen.« Das erstreckt sich nicht nur auf offene Schnittstellen, sondern auch auf die Organisation des Datenaustauschs: Von wem kommen die Daten mit welchem Informationsgehalt und in welcher Tiefe? Wie müssen sie aufbereitet sein? Wann und in welcher Form bereinigt man gemeinsam die Kollisionen in den verschiedenen Planungen der Partner? Usw.

Der Datentransfer innerhalb des BIM-Teams erfolgte über das IFC-Format [1] zum Austausch von Modelldaten und das BCF-Format [2], u. a. für die Kommentierung von Datenqualitäten und Kollisionspunkten im digitalen Modell. Diese Herangehensweise setzt voraus, dass ein offener Datenaustausch, aber auch eine offene Kommunikation über Problempunkte und Aufgabenstellungen bei den Projektbeteiligten gepflegt wird. Beim EBS in Graz traf AllesWirdGut auf einen BIM-offenen TGA-Planer und einen an der Planungsmethode BIM interessierten Statiker. Agron Deralla: »Wir generieren die Modelle für die Übergabe an die Fachplaner als IFC-Datei direkt aus unserer BIM-Software Archicad heraus. Von Anfang an arbeiteten wir mit kurzen Intervallen für den Datenaustausch und konnten die Datentransparenz und die Kommunikation spürbar verbessern: Jeder wusste immer und umfassend über den Projektstand Bescheid. Das hat uns im Projektverlauf geholfen und die Ausführungsplanung erleichtert.«

»Ist das Projekt baubar?«

Dass eine dreidimensionale und weiterführend eine modellbasierte Planung v. a. bei komplexen Gebäudegeometrien Vorteile bietet, ist unbestritten. Bei einem weiteren laufenden Projekt, der Perlach Plaza in München, setzt AllesWirdGut ebenfalls auf die BIM-Planungsmethode. »Es ist notwendig, wenn wir die Planung in der gewünschten Qualität und Tiefe realisieren möchten. Hinzu kommt die Größe des Projekts mit über 55 000 m2 BGF«, so Agron Deralla. In Perlach nutzt der Bauherr das digitale Modell der Architekten für die Kostenschätzung und Teile der Ausschreibung. Doch unabhängig davon können Deralla und seine Kollegen von ihrem BIM-Planungsmodell auch ableiten, in welchen Bereichen das Gebäude bereits gut funktioniert und wo optimiert werden kann: »Das 3D-Modell unterstützt die Planungsprozesse: Wir sehen, ob es baubar ist«, formuliert es der BIM-Manager.

Vorbereitung und spätere Nutzung

Die Übergabe von BIM-Planungsdaten nach Fertigstellung fordern Bauherren, Eigentümer oder Immobilienbetreiber noch viel zu selten. Dabei lassen sich die wertvollen Informationen aus einer BIM-Planung v. a. im späteren Gebäudebetrieb bestens nutzen. Wohlgemerkt nur, wenn die Qualität der Daten, ihr Detaillierungsgrad und der gewünschte Nutzen für das Facility Management im Vorfeld definiert und über die gesamte Planungs- und Bauphase eingehalten wurden. Darüber hinaus ist die Grundlage einer jeden umfänglichen BIM-Planung die Erarbeitung der Auftraggeber-Informationsanforderungen AIA [3] und noch vor Projektstart ein BIM-Abwicklungsplan BAP [4]. An dieser Stelle kommen BIM-Koordinator und BIM-Manager ins Spiel. Der BIM-Koordinator entwickelt aus den AIA den BAP, der auch Teil der Projektverträge wird und damit rechtsverbindlich für alle Projektbeteiligten ist. Außerdem koordiniert er den Planungsprozess und prüft die Einhaltung des BAP. Ein BIM-Manager kann sowohl auf Bauherrenseite sitzen und mit ihm die AIA erarbeiten als auch auf Seite des Architektur- oder Fachplanerbüros. Dort ist er u. a. für die bürointerne Umsetzung des BAP zuständig.

Arbeitsweisen und Rollenverteilung

Die Rolle des BIM-Spezialisten Agron Deralla bei AllesWirdGut kann, abhängig vom Projekt, die des BIM-Managers und/oder des BIM-Koordinators sein. Seine Aufgabe als BIM-Manager besteht darin, die Modellierungsrichtlinien zu definieren. Er legt die Struktur zur Benennung von modellbasierten Bauteilen, Zeichenrichtlinien, Austauschstandards für den IFC- und BCF-Austausch über Archicad und andere Programme (spezielle Planungssoftware der Fachplaner, Modelviewer oder Modelchecker) fest. Er beschreibt die Detailtiefe der Planung und definiert die Intervalle für den Informationsaustausch mit den Planungspartnern sowie die Ansprechpartner im Projekt. In der technischen Umsetzung nutzt AllesWirdGut eine in Archicad erstellte »Teamwork«-Datei, die in der »Graphisoft BIMcloud« liegt. In dieser sind die Modellierungsrichtlinien hinterlegt, und es wird beispielhaft gezeigt, wie die Struktur aussehen soll. Alle Mitarbeiter haben darauf Zugriff. Jedes Architekturbüro und jeder Fachplaner haben dabei stets ihre eigenen Regeln und Richtlinien, mit denen sie arbeiten. Daher ist es eminent wichtig, im BAP festzulegen, wie der übergreifende Datenaustausch erfolgt und welchen Informationsgehalt jeder Planungspartner bei der Modellübergabe abliefert.

Das Arbeitsspektrum Agron Derallas ähnelt dem eines Projektleiters, ist aber umfassender und weitreichender. U. a. liegt die Prüfung und Koordinierung der Fachmodelle, die er von den Fachplanern zur Verfügung gestellt bekommt, ebenfalls in seiner Hand. Dies sind Anforderungen, die in den Aufgabenbereich eines BIM-Koordinators fallen. In der aktuellen Situation, in der die digitalen Planungsmethoden in den Büros erst allmählich Einzug halten, ist eine Abgrenzung zwischen BIM-Manager und BIM-Koordinator allerdings nur auf dem Papier existent. Wer sich ernsthaft mit BIM auseinandersetzt, stellt fest, dass er seine Fähigkeiten auf Bereiche ausdehnt, die sowohl übergreifende Koordinierung als auch projektbezogenes BIM-Management betreffen. Und selbst die Definition BIM-Manager oder BIM-Koordinator ist nicht eindeutig: Verschiedene Quellen umreißen Einsatz- und Arbeitsbereiche sowie notwendige Fähigkeiten unterschiedlich.

Das Arbeiten verändert sich

Die Neuerungen, die mit der Etablierung von BIM im Architekturbüro einhergehen, sind unübersehbar. Neben veränderten Arbeitsprozessen, der umfassenden Schulung der Mitarbeiter für den effizienten Einsatz der Planungsmethode und der Schaffung neuer Berufsbilder wie dem des BIM-Managers ist es v. a. die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die wichtiger wird. Architekten, Fachplaner und Bauunternehmer rücken enger zusammen und müssen offen und lösungsorientiert miteinander kommunizieren, um ihr Projekt gemeinsam voranzubringen. Diese Offenheit und die damit verbundene Ehrlichkeit im Umgang miteinander sind neu. In den vergangenen Jahrzehnten sind sich – v. a. in Deutschland – Architekten, Fachplaner, Bauunternehmen und Handwerker im Bauprojekt zurückhaltend oder sogar misstrauisch gegenübergetreten. Kostendruck und die Angst vor Vertragsstrafen bei Planungs- und Baufehlern waren zwei der Gründe. Eine BIM-Planung ist jedoch nur möglich, wenn Transparenz in der Zusammenarbeit der Projektpartner, Datentransparenz und Datenintegrität [5] gewährleistet sind.

[1] IFC: Kurz für Industry Foundation Classes. Das IFC-Format ist ein Standarddatenformat, das den Austausch von Informationen in einem Datenmodell ermöglicht, und zwar möglichst ohne Datenverlust. IFC-Dateien enthalten sowohl Geometriedaten als auch wichtige Bauteilinformationen.
[2] BCF: Offenes Standarddatenformat, um Kollisionen und Überschneidungen im Modell exakt anzuzeigen, zu markieren, zu kommentieren und für die Bearbeitung auszutauschen
[3] AIA: Auftraggeber-Informationsanforderung. In ihr sind die Bauherrenanforderungen, die Abläufe und die projektspezifische IT-Infrastruktur beschrieben. Die AIA wird auch als BIM-Lastenheft bezeichnet und ist die Basis für den BAP, das BIM-Pflichtenheft.
[4] BAP: Der BIM-Abwicklungsplan (BAP) ist ein Richtliniendokument, das Vertragsbestandteil ist. Er legt die Zusammenarbeit zwischen den Planern fest, die Organisationsstruktur und die Verantwortlichkeiten im Projekt. Darüber hinaus definiert er die Informations- und Detailtiefe und deren notwendige Qualität.
[5] Datentransparenz und Datenintegrität: Datentransparenz soll möglichst durch einen übergreifenden Austausch im offenen IFC-Format erreicht werden. Unter Datenintegrität ist zu verstehen, dass sich abgeschlossene Planungen auch in Zukunft problemlos in die Planungssoftware einlesen, auswerten und bearbeiten lassen.


Tim Westphal

Architekturstudium an der FH Wismar. Planertätigkeit in Architektur- und Ingenieurbüros. 2003-16 Redakteur bei DETAIL. Lehraufträge zu Baukultur und Architekturvermittlung. Seit 2016 eigene Kommunikationsagentur, seit 2017 Partner der ARGE Kommunikation | Eva Herrmann – Bettina Sigmund – Tim Westphal.