»Lesezeichen und Stadtregal Salbke« in Magdeburg

Zimmer mit Zeichen

»Wie ein Spielzeug, von dem man noch nicht weiß, was man alles damit machen kann« – äußern sich die Bürger im Magdeburger Stadtteil Salbke über ihre erfrischend pfiffige Außenraumgestaltung inklusive einer Freiluftbibliothek als Dependance zur »Festbibliothek«. Die Aussage passt zu der experimentellen Stadtmöblierung, die viele Funktionen aufzunehmen vermag und bei deren Gestaltung die Bürger in hohem Maße mit einbezogen wurden. Ein vielversprechendes, wegweisendes Projekt mit ungewöhnlichen Materialien und Kontrasten.

  • Architekten: KARO Architekten
    Tragwerksplanung: Michael Kurt, Leipzig
  • Kritik: Christine Fritzenwallner
    Fotos: Anja Schlamann
Zugegeben: Von einer Freiluftbibliothek zu sprechen, scheint übertrieben. Zumindest weckt der Begriff Assoziationen, die sich sowohl im Magdeburger Stadtteil Salbke als auch aufgrund des (qualitativen) Bücherangebots wohl kaum halten lassen. Geisterstadtartig wirkt die Umgebung um das als »Lesezeichen für Salbke« bezeichnete Projekt, das aber tatsächlich ein Signet ist. Zeichenhaft ist die Außenraumgestaltung allein schon aufgrund der großen Raumstruktur, die zum Blickfang wird: ungewöhnlich, irritierend, neugierig machend, wohltuend unkonventionell und radikal – gerade an diesem Ort, der Zeiten jahrelangen Einwohnerrückgangs hinter sich hat. Das Projekt ist also auch ein Zeichen der Hoffnung, ein Versuch des Zusammenhalts, ein Symbol für Vertrauen in das Engagement der Bürger und für sinnstiftende und gelungene Bürgerbeteiligungen. Als neues »Village Icon«, so die Architekten, soll es den Aufbruch des Stadtteils nach Jahren starker demografischer Schrumpfung signalisieren. Um die hohe Symbolkraft zu verstehen, lohnt ein Blick in die Entstehungsgeschichte.
Zeiten des Umschwungs – Zeichen des Aufschwungs?
Salbke bis Mitte der 70er Jahre: Eine Stadtteil-Bibliothek von Magdeburg steht auf dem Grundstück zwischen der Straße Alt Salbke und Blumen-berger Straße, sie brennt um 1980 aus, fünf Jahre später wird der Bau ab-gerissen. Salbke bis Anfang der 90er Jahre: Noch reihen sich viele kleine Geschäfte wie etwa eine Bäckerei und Fleischerei, ein Café, Foto- und Lebensmittelladen entlang der Straße. Salbke zehn Jahre später: Leerstand ringsum, gespenstische Öde, Bretterverschläge, leere Schaufenster. Parallel zum Einwohnerrückgang haben auch die Geschäfte dicht gemacht. Doch dann beschäftigen sich die Büros »Architektur+Netzwerk« aus Magdeburg und KARO (Kommunikation, Architektur, Raumordnung) im Rahmen eines ursprünglich geplanten IBA-Projekts, das die Neugestaltung diverser Brachflächen vorsah, mit dem Grundstück und dem Ort. KARO, ein vor elf Jahren in Leipzig aus zwei Architekten und einem Maschinenbauer/Innenarchitekten entstandenes Team, ist gleichzeitig Gründungsmitglied von »L21« – einer Gruppe von (Leipziger) Architekten, die sich mit urbanen Transformationsprozessen befasst. Man ahnt also schon: Frischer Wind kam auf. Zur Elbe hin war ein »Wasserzeichen« erdacht, in der Ortsmitte von Salbke ein »Lesezeichen«. Aus dem IBA-Projekt wurde nichts, wohl aber aus der Idee, das Lesezeichen an die Stelle der abgebrannten Bibliothek zu setzen.
Geglücktes Brainstorming
Eine Ausschreibung des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung zur Suche nach Modellvorhaben führte dazu, dass die Abteilung Experimenteller Städte- und Wohnungsbau das Projekt mit seiner finanziellen Unterstützung überhaupt erst möglich machte. Und um, so Stefan Rettich von KARO, von Anfang an bei den Einwohnern Signale zu setzen, dass wirklich die ernsthafte Absicht bestand, etwas zu bewegen, wurde ein Workshop ins Leben gerufen. Die Vorschläge bei der Ideensammlung gingen bis hin zu übereinandergestapelten Telefonzellen, in denen man bei Regen sitzen und lesen könne. Und führten zu einem »grünen Wohnzimmer«, das geschützt vor Straßenlärm eine Ruhezone im Stadtteil bieten soll. Ein aus dem Workshop hervorgegangenes Team – u. a. mit Mitgliedern des Bürgervereins, Musikern aus einem Jugendclub, der Grundschul-Direktorin und dem Pfarrer – war schließlich erheblich in den Planungsprozess integriert. Zunächst entstand 2005 eine eintägige Installation mit gestapelten Bierkästen, die das spätere Volumen bereits andeutete.
Hortenkacheln mit Zulassung im Einzelfall
Erst vier Jahre danach, im Juni 2009, war Einweihung des neuen Stadtmöbels mit einer zur Hauptstraße hin eigentümlichen Fassade. Wer eine der historischen Horten-Warenhausfassaden aus den 60er Jahren kennt, fühlt sich gleich erinnert: Das prägnante Erscheinungsbild stammt tatsächlich aus sogenannten Hortenkacheln – jenen Fassadenelementen aus Aluminium (selten auch aus Keramik-Formteilen), die, zahlreich aneinander gereiht, noch heute in ihrer modernistischen Ornamentik rund 300 Kaufhausfassaden zieren. Aus solch einer, genauer von einem 2007 in Hamm abgerissenen Bauwerk, stammen auch die hier verwendeten Recyclingmaterialien. Für sie lag allerdings keine Bauteilzertifizierung vor. Die daher notwendige Materialprüfung ergab, dass die Alu-Formteile mitsamt ihrer Unterkonstruktion und ohne weitere Verstärkungen eingebaut werden konnten. Nur mussten sie aufgrund von Auskreidungen entlackt und mit einer neuen Pulverbeschichtung versehen werden. Die alte Fassade ist nun an Fuß- und Kopfpunkt über Stahllaschen an ihrem neuen Stahltragwerk befestigt, die den kleinen Platz zur Hauptstraße hin L-förmig abschottet.
Bemerkenswert offen
Nach außen sind in die Kachelfassade Schaukästen für Vereinsinformationen integriert. Zum Platz hin mit seiner Sitzinsel, der Rasenfläche und den zwei noch kleinen Bäumchen (schmalblättrige »Raywood«-Eschen) ist das Erscheinungsbild der Fassade mit vertikalen Lärchenholzlatten hingegen »weich«. An dieser Seite umfasst das Stadtmöbel eine 30 m lange Sitzbank und eine kleine Bühne, die für diverse Veranstaltungen genutzt werden kann. Gleichzeitig beherbergt der Wandaufbau zwei »Leseinseln« mit je einer Öffnung aus grün gefärbtem Verbundsicherheitsglas und 13 unverschlossene gläserne Büchervitrinen in einem Aluminiumrahmen, deren Inhalts sich jeder Besucher bedienen kann – ohne Bibliothekar, ohne Leihnummer, ohne Leihfrist – Vertrauensbasis. Gesammelt hat der Bürgerverein inzwischen ohnehin so viele Bücher, dass man nicht mal unbedingt aufs Zurückbringen angewiesen ist.
Doch den immensen Wohnungsleerstand zumindest entlang der Hauptverkehrsstraße und Trambahnstrecke spürt man spätestens bei Anbruch der Dunkelheit. (Zu) wenige Lichter dringen aus den umliegenden Häusern, und als hätte das Lesezeichen ebenso »aufgegeben«, wird es bei Dunkelheit in seiner ursprünglich geplanten Art nur noch bei besonderen Anlässen beleuchtet. Der Grund dafür ist allerdings ein einfacher: Obwohl das derzeit energieeffizienteste Leuchtmittel eingesetzt wurde – LEDs, die das Bauwerk von innen heraus zum Leuchten bringen sowie Bewegungsmelder, die verschiedene Lichtszenen abspielen –, verbraucht der zugehörige Industrierechner zur Steuerung unverhältnismäßig viel Strom – und dessen Kosten trägt laut Nutzungsvereinbarung mit der Stadt der Bürgerverein. So hat man sich kurz vor Weihnachten zumindest für nachträglich installierte Lichterketten als Grundbeleuchtung des großen »Ls« (in der Queransicht) entschieden, die nicht mit dem Steuerungsrechner verbunden sind.
Ein weiterer Wermutstropfen ist der südliche Bereich des Platzes. Ein geplanter Baumhain wurde aufgrund von Kostensteigerungen um etwa 25 000 Euro (v. a. wegen des erhöhten Stahlpreises) und den daher in anderen Bereichen notwendigen Kosteneinsparungen nicht realisiert. Die Süd-West-Seite fällt so gestalterisch etwas ab, zwei Glascontainer bilden das optische Ende. Dem Gesamtkonzept aber schadet das nicht.
Bühne frei!
Zumal der neue Außenraum gut ankommt: »Vorher war hier nichts, nur Gestrüpp«, konstatiert eine Einwohnerin, »die haben sich schon was einfallen lassen!« Und fügt hinzu, dass das »Lesezeichen« dennoch überwiegend von Jugendlichen genutzt wird. Lesen könne sie schließlich auch zuhause auf dem Hof. Man mag ihr unvermittelt Recht geben, schließlich kann man sich tatsächlich ruhigere Orte zur Lektüre vorstellen. Die Art der aktuellen Nutzung verraten die ersten Kritzeleien auf den Holz- und Glasflächen und herumliegende Kekse einschließlich einer noch nicht leeren Verpackung – in einer der Büchervitrinen, wohlbemerkt. »Das hier überhaupt noch Bücher stehen!«, erstaunt eine Besucherin, die die neue Ortsmitte zum ersten Mal sieht. Doch bislang gab es erst einen »richtigen« Vandalismusschaden vergangenen Dezember, der eine demolierte, inzwischen aber schon wieder neue Glasscheibe bedingte.
Einer weiteren »Inbesitznahme«, zumindest durch ungewollte Graffitis, wurde bereits vorgebeugt: Die Sockelbereiche des Stadtmöbels aus Stahlbeton-Fertigteilen durften Sprayer selbst gestalten – eine, wie sich bei immer mehr Projekten zeigt, wirkungsvolle Maßnahme. Dafür wurde ein Wettbewerb unter allen Jugendlichen aus Magdeburg veranstaltet, die ihre »tag«-Entwürfe – einzige Vorgabe: in weiß, schwarz und chrom – einreichen konnten.
Das Gelingen und Bestehen des Experiments »Lesezeichen und Stadtregal« wird sich erst nach Jahren abzeichnen. Aber schon jetzt ist klar: Eine derart ambitionierte Idee ist mit Wunschdenken verbunden. Und wenn auch mehr Grünanlage und Platzgestaltung als ernsthafte Büchereinutzung, ist es neben der Signalwirkung ein famoses Angebot an die Bürger, schließlich steht die Bühne jedem offen – auch der Stadt Magdeburg, die sie laut Bürgerverein bislang noch nicht zu Nutzen versteht. Für den Stadtteil Salbke zeigt sich aber bereits der Nutzen über das zuvor Beschriebene hinausgehend: die Aufwertung des Viertels, die den Immobilien ringsum wieder etwas mehr Attraktivität verleihen und zu Sanierungen führen könnten. •
  • Bauherr: Landeshauptstadt Magdeburg
    Projektpartner: Bürgerverein Salbke, Fermersleben, Westerhüsen e.V.
    Fördermittelgeber: Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung/Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Abteilung ExWoSt (Experimenteller Städte- und Wohnungsbau). ExWoSt-Forschungsfeld »familien- und altengerechte Stadtquartiere«.
    Architekten: KARO*, Antje Heuer, Stefan Rettich, Bert Hafermalz, Leipzig; Architektur+Netzwerk, Sabine Eling-Saalmann, Magdeburg
    Mitarbeiter: Christian Burkhardt, Gregor Schneider, Mandy Neuenfeld
    Tragwerksplanung: Michael Kurt, Leipzig
    Lichtkonzept: Jürgen Meier, architektur&medien, Leipzig
    Beratung: Ruth Gierhake, Köln
    Grundstücksfläche: 488 m2, Freianlage: 328 m2
    BGF Stadtregal + Bühne : 160 m2
    Baukosten: 325 000 Euro (brutto)
    Bauzeit: November 2008 bis Juni 2009
  • Beteiligte Firmen: Holzlattung: Sibirische Lärche, Tischlerei Göbel, Kabelsketal/ Osmünde, www.zimmerei-goebel.de Verglasung VSG: Deutsche Glas Chemnitz mit Farbfolie, Vanceva, Solutia Europe S.A.,N.V., Louvain-La-Neuve/Belgien, www.zimmerei-goebel.de LED-Lichtketten, Typ IColor Flex SLX: Color Kinetics, Royal Philips Electronics, Amsterdam, www.zimmerei-goebel.de; Außenleuchten, Typ Enterio: Trilux, Arnsberg, www.zimmerei-goebel.de