Kontextuelle Moderne

Wohnquartier »Alte Feuerwache« in Kiel

Eine Wohnhausgruppe im Kieler Zentrum mit modernistischer Klinkerarchitektur und einem kontrapunktischen Stahlhaus weckt mit ihren Staffelungen und Gassen Erinnerungen an die verlorene Altstadt. Dichte und Durchlässigkeit sind gut austariert, doch lässt die fast ausschließliche Belegung des EGs mit Wohnungen umtriebige Urbanität nicht zu.

Architekten: LRW Architekten und Stadtplaner Loosen,
Rüschoff + Winkler; Böge Lindner K2 Architekten
Tragwerksplanung: Planungsgruppe dbd, Dröge Baade Drescher

Kritik: Ulrich Höhns
Fotos: Dorfmüller Klier; Ralf Buscher

Die Neubauten entstanden auf einer gut 6 ha großen Freifläche am Nordrand der Kieler Altstadt-Insel. Hier befand sich einmal die namensgebende, im Krieg zerstörte Feuerwache. Das Gelände wurde seither nicht wieder bebaut, sondern als Parkplatz genutzt. Ein Bebauungsplan existierte nicht. Zastrow + Zastrow Architekten und Stadtplaner aus Kiel gewannen in einem von der Landeshauptstadt Kiel ausgeschriebenen zweistufigen städtebaulichen Wettbewerbsverfahren den 1. Preis. Die räumliche Qualität ihrer Arbeit überzeugte und wurde zur Grundlage für weitere qualifizierende Hochbauverfahren. Zwar wurde die von ihnen angestrebte Dichte der Struktur nicht vollends erreicht, und auch der Grad der Perforierung bleibt hinter dem ursprünglich vorgesehenen zurück. Bestand hatte jedoch eine zentrale, das Quartier prägende »Gasse«, die zwischen den Häusern verläuft, abknickt, den Raum definiert und wechselnde Perspektiven auf den Turm der nahen Kirche im Süden und den Park im Norden bietet. Die Hamburger Architekten LRW Architekten und Stadtplaner sowie Böge Lindner K2 Architekten wurden nach weiteren qualifizierenden Hochbauverfahren das Team, das die in sieben Baufelder aufgeteilte Aufgabe mit unterschiedlichen, aber – mit einer Ausnahme – miteinander verwandten Häusern übernahm. Böge Lindner K2 Architekten zeichnen mit den Feldern 1 und 4 für ein fünfgeschossiges Wohnhaus im Norden sowie für ein dreigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus im Süden verantwortlich. Fassade und Satteldach des Letzteren bekleideten sie vollständig mit Cortenstahl. Die übrigen Felder des Wohnquartiers mit einem kurzen, drei Stadthäuser zählenden Block sowie zwei größeren, L-förmigen Anlagen mit jeweils drei weiteren dreigeschossigen Stadthäusern – daneben auch Eigentumswohnungen und Studentenapartments in höheren Bauten – entwarfen LRW Architekten. Die Grundrisse sind, den Haustypen variierend angepasst, klar strukturiert. Abgesehen von den Studentenapartments ist ein Durchwohnen, wo immer es die Gebäudegeometrie zulässt, möglich.

Die Häuser fügen sich als eine vielfältig miteinander verzahnte Gruppe unterschiedlich großer, plastisch und abwechslungsreich gegliederter Baukörper zu einem eigenständigen Ensemble zusammen. In ihrer Mitte verläuft die schmale, Fußgängern vorbehaltene Gasse.

Altstadt-Insel

Die städtebauliche Figur und Dichte dieser Anlage bezieht sich auf ihr heterogenes Umfeld. Am Jensendamm im Norden am Altstandrand – benannt nach Herbert Jensen, dem städtebaulichen »Vater« des Neuen Kiel – bildet sie eine bis zu sechs Geschosse hohe – bis auf den sich verjüngenden Durchschlupf der Gasse geschlossene – höhengestaffelte Raumkante aus. Der neu geschaffene Block-Innenbereich weist Häuser mit drei bis maximal fünf Geschossen auf. Sämtliche Fassaden werden durch Vor- und Rücksprünge, Loggien, Balkone, variierende Höhenstaffelungen und die durch Mauerwerkreliefs hervorgehoben gestalteten Wandabschnitte des EGs auf vielfältige Weise gegliedert und individualisiert.

Minimierte, räumlich aber prägnante Vorbereiche einiger Häuser entlang des Wegs wurden durch die Anhebung ihres Niveaus um wenige Stufen, tief zurückgezogene Eingänge oder eine niedrige Vormauer mit Bepflanzung so gestaltet, dass sie den Bewohnern im EG ein gewisses Maß an Privatheit bieten, ohne sich gänzlich vom halböffentlichen Raum abzuschotten.

Die neuen Häuser fügen sich als städtebauliche Struktur passgenau in den Kern der umgebenden Bebauung ein. Die ungelöste und wohl auch nicht lösbare Problematik des Anschlusses der relativ niedrigen dreigeschossigen Stadthäuser an den in geringer Entfernung daneben aufragenden geschlossenen Giebel eines sechsgeschossigen Bürohauses mit hohem DG ist unübersehbar. Dagegen schließt ein jüngst fertiggestellter Neubau von Kraus Schönberg Architekten aus Konstanz/Hamburg an der Falckstraße, der nicht zum Projekt Alte Feuerwache gehört, das Viertel am anderen Ende stimmig ab. Das hohe Steildachhaus, dessen markanter Giebel zu einem der drei Eingangsbereiche des neuen Viertels weist, steht an der städtebaulich bedeutsamen Stelle des Übergangs vom Straßen- zu einem höhergelegenen Platzraum. Mit der sorgfältig durchgearbeiteten Textur seiner Ziegelfassade grenzt es sich verhalten von seinen jungen Nachbarn ab und bindet sich zugleich sinnfällig mit der im Straßenverlauf anschließenden authentischen Nachbarbebauung aus der Wiederaufbauzeit zusammen.

Kiel ist im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört worden und hatte sich im Wiederaufbau zu einer frischen, wenn auch etwas spröden Stadt der 50er und 60er Jahre mit einigen Glanzlichtern der Architektur der Zweiten Moderne gewandelt. Das gilt besonders auch für die kleine Altstadt-Insel, die sich in wenigen Minuten zu Fuß in jeder Richtung durchqueren lässt. Sie wird von der Förde, der Wasserfläche des Kleinen Kiel (Teil eines Nebenarms der Kieler Förde), dem Bootshafen und demnächst auch von einem jetzt im Bau befindlichen Fleet umgrenzt, das eine historische Wasserverbindung wieder herstellt.

Reizvoller Bruch

Die zentrale Achse des Wohnquartiers knickt im Süden geringfügig ab und wird an ihrem Ende durch das freistehende Cortenstahl-Haus eingeengt, um dann in die höher gelegene Dänische Straße überzuleiten. Das Stahlhaus, das aus der Gegenperspektive gesehen einen reizvollen Eingang in das neue Wohngebiet markiert, bricht radikal aus der Ziegelkonvention seiner Nachbarn aus. Mit dem ungewöhnlichen Material und der scharfkantigen Form steht es v. a. im dramatischen Kontrast zum direkt benachbarten Warleberger Hof, einem adligen Stadthaus von 1616, in dem sich heute das Stadtmuseum befindet. Das Stahlkleid des Neubaus lässt sich als eine Reminiszenz an die Schiffsbautradition des Orts lesen. Die Archaik der Form und Freistellung im Raum erwecken auch Bilder von Hinterhäusern und Schuppen, die hier vermutlich einmal gestanden haben. Denn nur in diesem Viertel Kiels erstreckten sich noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hinter den Häusern große Freiflächen, die bis ans Wasser reichten, anfangs gewerblich genutzt und später zu Gärten wurden. Eine Straße oder Gasse als Vorläuferin der heutigen Wegführung ist zwar auf keinem historischen Stadtplan auszumachen, aber die Plausibilität der jetzt für diesen Ort gefundenen Raumbildung schmälert das nicht.

Zentraler als in diesem neuen, konsequent gegenwärtig und in sich stimmig gestalteten Viertel lässt es sich in der Landeshauptstadt Kiel kaum leben. Ob allerdings die sechs Stadthäuser hier den richtigen Ort gefunden haben, sei ungeachtet ihrer architektonischen Qualität dahingestellt. Die neuen Häuser stehen insgesamt für die Ambition, das Wohnen zurück in die innere Stadt kehren zu lassen, qualitativ hochwertig, differenziert gestaltet, und direkt verknüpft mit bester Infrastruktur. Gleiches gilt auch für das größere, jüngst fertiggestellte »Schlossquartier« in unmittelbarer Nähe, das die ortsansässigen Büros bbp Architekten und Schnittger Architekten entworfen haben.

Es stand außer Frage, dass auf dem Feuerwachen-Areal moderne Architektur umgesetzt werden sollte. Kiel wurde nach dem Krieg in weiten Teilen zu einer Stadt der Moderne, und dieses junge Erbe wird heute mit Elan weiterentwickelt. Zudem war klar, dass die Fassaden aus Klinker bestehen sollten, auch wenn dieser Stein nicht das typische Material der Kieler Altstadt ist, wo Putz- und Natursteinfassaden vorherrschen. Das Raumbild des Gebiets, das Erinnerungen an Altstadtmuster weckt, wird allein von seinem städtebaulichen Gerüst getragen.

Spezifisch »nordisch« ist diese Architektur nicht, die den neuen Raum im Innern belebt und nach außen begrenzt. Eine solche gebändigte Klinker-Expressivität findet sich auch andernorts, überregional und international – ob in Küstennähe oder tief im Binnenland. Im Norden durchaus verhaftet ist die Haltung gegenüber der Aufgabe. Es ist die lakonische Selbstverständlichkeit einer kontextuellen Moderne, die kein Aufhebens von sich macht.

Grundriss EG: LRW Architekten und Stadtplaner; Böge Lindner K2 Architekten
Grundriss 1. OG: LRW Architekten und Stadtplaner; Böge Lindner K2 Architekten
Lageplan: LRW Architekten und Stadtplaner; Böge Lindner K2 Architekten
Schnitt: LRW Architekten und Stadtplaner; Böge Lindner K2 Architekten
Schwarzplan, M 1:15 000
Schwarzplan: LRW Architekten und Stadtplaner; Böge Lindner K2 Architekten

  • Standort: Alte Feuerwache, 24103 Kiel
    Bauherr: PAF Projektgesellschaft, Alte Feuerwache mbH, Kiel (BIG-Immobilien und FRANK Heimbau Nord )
    Architekten(Baufelder 2, 3, 5, 6, 7): LRW Architekten und Stadtplaner Loosen, Rüschoff + Winkler, Hamburg
    Mitarbeiter: Cornelia Kalmlage (Leitung), Jan Twilfer, Guida Maymó Camps, Janine Feddersen
    Architekten(Baufelder 1, 4): Böge Lindner K2 Architekten,
    Mitarbeiter: Stefan Wälder (Projektleiter), Peter Lehmann, Arend Buchholz-Berger
    Tragwerksplanung: Planungsgruppe dbd, Dröge Baade Drescher, Hamburg
    Objektüberwachung: BIG Immobilien, Kronshagen
    TGA-Planung: Petersen Ingenieure, Flensburg
    Brandschutzplanung: Ingenieurbüro T. Wackermann, Hamburg
    Schallschutzplanung: Taubert und Ruhe, Pinneberg
    Wärmeschutzplanung: Schlüter + Thomsen Ingenieurgesellschaft, Neumünster
    Freiraumplanung: kfp – Kontor Freiraumplanung, Hamburg
    BGF : 16 500 m²
    BRI: 48 000 m³
    Baukosten: keine Angaben
    Bauzeit: Mai 2014 bis Dezember 2016

  • Beteiligte Firmen:
    keine Angaben

Unser Kritiker Ulrich Höhns ist häufig in Kiel unterwegs und kennt das Wohnquartier »Alte Feuerwache« durch einige Besuche sehr gut. Selfies vor Ort standen dabei leider nie auf dem Programm.


LRW Architekten und Stadtplaner

Karin Loosen

1991 Architekturdiplom an der TH Darmstadt. 1991- 96 freie Mitarbeit im Büro Ohrt-von Seggern-Partner, Hamburg. Seit 1996 gemeinsames Büro mit Rudolf Rüschoff und Thomas Winkler. Seit 2014 Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer, seit 2017 stv. Vorsitzende im Beirat der Bundesstiftung Baukultur.

Rudolf Rüschoff

1988 Architekturdiplom an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. 1989–96 freie Mitarbeit im Büro Ohrt-von Seggern-Partner. Seit 1996 gemeinsames Büro mit Karin Loosen und Thomas Winkler.
2004-17 Preisrichtertätigkeit in Wettbewerbsverfahren.

Thomas Winkler

1987 Diplom Bauingenieurwesen an der TU München. 1987-93 freie Mitarbeit im Ingenieurbüro Pichler, Berlin, 1994 Architekturdiplom an der TH Berlin. 1995-96 freie Mitarbeit im Büro Ohrt-von Seggern-Partner. Seit 1996 gemeinsames Büro mit Karin Loosen und Rudolf Rüschoff. 2007-10 Mitglied im Gestaltungsbeirat der Stadt Linz.

Kilian Jonak

2009 Architekturdiplom an der RWTH Aachen. 2009-15 freie Mitarbeit bei LRW, 2015-18 feste Mitarbeit, seit 2018 Partner.

Böge Lindner K2 Architekten

Jürgen Böge

1971-77 Architekturstudium an der TU Braunschweig und der TU Stuttgart. Mitarbeit bei Wolske + Erler Architekten, Hamburg. Seit 1981 gemeinsames Büro mit Ingeborg Lindner-Böge, seit 2011 als BLK2. 2010- 17 Mitglied des Gestaltungsbeirats Lübeck, seit 2003 Mitglied der Freien Akademie der Künste, Hamburg.

Ingeborg Lindner-Böge

1970-77 Architekturstudium an der TU Braunschweig und der TU Stuttgart. Mitarbeit in zwei Hamburger Büros. Seit 1981 gemeinsames Büro mit Jürgen Böge.

Lutz-Matthias Keßling

1989-96 Architekturstudium an der TU Braunschweig und der ETH Zürich. 1996-98 Mitarbeit bei KSP Engel + Zimmermann. Seit 1999 Mitarbeit bei Böge Lindner Architekten, seit 2011 als Partner in der Partnerschaft BLK2.

Detlev Kozian

1984-91 Architekturstudium an der TU Braunschweig. 1992 Mitarbeit bei Bothe Richter Teherani Architekten. Seit 1993 Mitarbeit bei Böge Lindner Architekten, seit 2011 als Partner in der Partnerschaft BLK2.

Ulrich Höhns

Architekturstudium an der HfbK Hamburg. Freier Architekturhistoriker und -kritiker. Seit 1992 wissenschaftliche Leitung des Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst Schleswig-Holstein (AAI). Jüngste Buchpublikation: Zwischen den Meeren. Neue Architektur in Schleswig-Holstein, Hamburg 2017.