… in die Jahre gekommen

Sportforum der Universität Kiel

Als die Universität Kiel 1976 ihr neues Sportforum eröffnete, galt der Komplex mit einer olympiatauglichen Schwimm- und sechs Sporthallen als fortschrittlich und richtungsweisend. Auch nach fast 30 Jahren hat sich das Konzept radikaler Offenheit und Öffentlichkeit bewährt. Eine – hoffentlich sensible – Sanierung steht dringend an.

  • Architekten: Klaus Nickels, Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg
  • Kritik: Claas Gefroi Fotos: Heinrich Heidersberger, Jürgen Haacks, Horst Brix
Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bedeuteten nicht nur für die Stadt Kiel insgesamt, sondern auch für ihre Universität einen Neuanfang. Das Leitbild einer gegliederten Stadt führte dazu, dass die Universität ihren traditionellen zentralen Standort am Schlossgarten aufgeben und sich am Westring neu ansiedeln musste. Dort nutzte sie zunächst die aus den 30er Jahren stammenden Bauten der Elac-Werke, doch Anfang der 60er Jahre wurde gleich nebenan ein neuer Campus mit Verwaltungshochhaus, Audimax, Mensa und Bibliothek fertiggestellt. Auch für das im Krieg zerstörte Institut für Leibeserziehung sollte hier auf einem Nachbargelände Ersatz geschaffen werden. Den Architekturwettbewerb gewannen 1966 sensationell, wie schon beim Flughafen Berlin-Tegel, die Jungarchitekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg zusammen mit ihrem Partner Klaus Nickels. Sie konnten sich gegenüber der namhaften Konkurrenz durchsetzen, weil sie konsequent den Wunsch verwirklichten, dem weitläufigen Universitätsgelände, das bis dahin eine Ansammlung von Einzelbauten war, ein zentrales »Forum« zu geben. ›
Offen und innovativ
Dem komplexen und umfangreichen Raumprogramm mit Institutsgebäude, Schwimm- und Sporthallen sowie Besucherbereichen begegneten die Planer mit größtmöglicher Klarheit und Ordnung: Das backsteinerne Institutsgebäude und der gläserne Hallenkomplex auf einem Ziegelsockel sind über einen kleinen Vorplatz miteinander verbunden. Er liegt an einem öffentlichen Weg durch das Areal und ist Eingang und Zentrum der Anlage, die sich vertikal in zwei Ebenen gliedert. Oben liegen das Foyer und die Zuschauerbereiche, unten die Umkleiden und die Schwimm- und Spielbereiche. Völlig neuartig für eine Sportanlage mit mehreren Hallen war die Offenheit und Großzügigkeit: Die Hallenwände reichen nur bis zur Zuschauerebene, die Lufträume darüber fließen ineinander zu einem großen Kontinuum. So kann jedermann auf der oberen Ebene durch das Gebäude streifen, sich auf eine Empore setzen und das sportliche Treiben, ob auf festem Boden oder im Wasser, unter sich beobachten. Die Schwimmhalle ist, aus Wärme- und Feuchtigkeitsschutzgründen, lediglich mit Glaswänden abgeteilt. Doch auch hier gibt es einen Zugang und eine offene Galerie für Besucher. Der Eindruck von Offenheit wird durch die Verknüpfung mit dem Landschaftsraum verstärkt. Die Fassaden sind vom Boden bis zur Decke in Glas aufgelöst, Innen- und Außenraum verschmelzen. Die Architekten selbst sprachen vom Gebäude als »Hülle« für einen »witterungsgeschützten Freiraum«. Eine entscheidende Rolle spielen hierbei Dach und Tragwerk. Eindrucksvolle Stahlbetonstützen mit kreuzförmigem Grundriss tragen ein Dach aus unterschiedlich hoch angeordneten, bis zu 35 m langen Betonelementen. Die Höhenstaffelung dieser Betontröge ergibt eine abwechslungsreiche Dachlandschaft, ist aber auch funktional begründet, denn sie schafft Platz für Oberlichter und Raum – gerade für den 10 m hohen Sprungturm der Schwimmhalle. Volkwin Marg erzählt: »Betonfaltwerke waren zu dieser Zeit die Inkarnation von Fortschritt und Modernismus. Beton, das war der Stoff der Wahrheit. (…) Unsere in Zusammenarbeit mit Rolf Windels konzipierten vorgespannten Trogbalken sollten unbedingt durchlaufen, was natürlich die Gefahr von Wärmebrücken bedeutete. (…) So kamen wir auf die Idee innen liegender Heizdrähte, die sensorgesteuert den Taupunkt rausheizten. Das funktioniert bis heute bestens. Es war eine andere Zeit, in der alle Beteiligten, vom Landesbauamt über die Universitätsverwaltung bis zum Statiker, bereit waren, Neues zu erproben.« Ein weiteres Beispiel für diesen unerschrockenen Innovationsgeist stellt die für die damalige Zeit ungewöhnliche Nutzungsvielfalt der olympiatauglichen Schwimmhalle dar. Trotz der Beschränkung auf nur ein Becken ermöglicht dessen L-Form ein ungestörtes Nebeneinander von Schwimmen und Springen. Zudem ist das Schwimmbecken dank einer verschiebbaren Brücke wahlweise als 50-m-Wettkampfbecken zu nutzen oder in zwei kleinere Becken teilbar. Die Idee, die Brücke mittels Pressluft ›
› aufschwimmen zu lassen und dadurch mobil zu machen, schauten sich die Architekten von den Schwimmdocks im Hamburger Hafen ab. Auch der Einbau von Unterwasserbeleuchtung und -fenstern zur Beobachtung der Schwimmer und Springer war damals keine Selbstverständlichkeit und zeugte vom Anspruch, eine herausragende Sportstätte zu schaffen.
Wagnis Sanierung
Der Eindruck einer außergewöhnlichen Sportanlage ist bis heute geblieben und ganz zu Recht wurde sie 2008 unter Denkmalschutz gestellt. Die markante Großform prägt den Ort, das offene, überall zugängliche Innere, die Verbindung von Landschaftsraum und Architektur ist bemerkenswert. Äußerlich hat sich kaum etwas verändert, denn Glasfassaden und Betondach sind unverändert geblieben. Bei näherer Betrachtung jedoch beispielsweise der stählernen Fensterprofile zeigt sich, wie der Zahn der Zeit am Material nagt. Im Winter sind die Scheiben größtenteils beschlagen; die großflächige Kondensation zeugt von fehlenden Lüftungsmöglichkeiten. Da die Hallen in all den Jahrzehnten nie saniert wurden, sind Verschleiß und Verschmutzungen unübersehbar, dafür ist jedoch weitgehend die Originalausstattung erhalten geblieben. In Anbetracht von fast 40 Jahren Nutzung erscheinen die Hallen oberflächlich in recht gutem Zustand, woran auch die robusten Materialien wie Beton, Holz und Backstein ihren Anteil haben. Dort, wo bereits saniert und verändert wurde, geschah dies recht unsensibel: Eingebaut wurden graue statt ursprünglich grüner Sportböden, und auch im Schwimmbad wich das Grün der originalen Bodenfliesen einer Ausführung in Weiß. So wird die Idee des in das Gebäude geführten Landschaftsraums negiert. Auch andere Eingriffe stören: Kletterwände versperren den Blick, Werbebanner schieben sich aufdringlich ins Bild, die Glaseinkapselung einer kleineren Halle konterkariert das Konzept der Offenheit. Durch jahrzehntelange Untätigkeit ist der Sanierungsbedarf immens: So sind Fenster, Dach und Außenmauerwerk des Institutsgebäudes undicht und müssen erneuert werden. Beim Sportforum ist – auch unter energetischen Aspekten – eine Dach- und Fassadensanierung überfällig, ebenso die Erneuerung des Schwimmbads. Dort sickerte durch das undichte Becken bereits Chlorwasser ins Grundwasser, und die Filteranlage zeigt sich völlig marode. Das Land Schleswig-Holstein hat nun einen Sonderfonds aufgelegt und die Sanierung des Sportforums ausgeschrieben. Den Zuschlag erhielt die pbr Planungsbüro Rohling AG aus Osnabrück.
Volkwin Marg ist stolz auf dieses Frühwerk. Das Sportforum, so erzählt er, ist ein für das Büro immer sehr wichtiges Bauwerk mit Leitbildcharakter gewesen, das Vorbild beispielsweise für die Planungen der Nationalbibliothek in Teheran oder des Kongresszentrums in Hanoi gewesen sei. Umso mehr freute ihn die Unterschutzstellung noch zu seinen Lebzeiten. Ihn ärgert aber auch bis heute, dass alle Umbauten und Erneuerungen ohne Information, geschweige denn Einbindung der Architekten erfolgten. Auch die nun anstehende Sanierung sieht er mit gemischten Gefühlen: Weder die Universität noch das beauftragte Büro hätten sich bislang bei gmp gemeldet. Unverständlich sei das, schließlich müsse die Sanierung doch denkmalgerecht erfolgen und im gmp-Archiv lägen alle Originalunterlagen. Ein Stararchitekt, der zwischen Hanoi und Rio pendelt, sorgt sich um ein weit zurückliegendes Werk in Kiel – fast wie ein Vater um seine schon erwachsene Tochter. Man wünscht sich diese Sensibilität auch bei allen mit der Sanierung befassten Parteien. Ein Kulturdenkmal dieser Güte hat es allemal verdient. •
Standort: Olshausenstraße 70-74, 24118 Kiel

… in die Jahre gekommen (S. 56)
Claas Gefroi
1968 in Berlin geboren. Architekturstudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Hamburgischen Architektenkammer. Redakteur des Jahrbuchs »Architektur in Hamburg«. Freier Autor und Kritiker, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Büchern, Ausstellungen zu Architektur, Urbanismus und Fotografie.