Spiegelung in Rot

Haus der Künste in Roskilde (DK)

Das Haus der Künste im dänischen Roskilde bietet einen offenen und flexibel nutzbaren Raum für vielfältige kulturelle Aktivitäten. Durch seine homogene Hülle aus rötlich-schimmernden Aluminiumpaneelen sowie das rückseitig bis zu 7 m hoch aufsteigende Dach zeigt sich der pavillonartige Bau prägnant und ist doch zugleich bestens in seine Umgebung eingebunden.

Architekten: Svendborg Architects
Tragwerksplanung: Regnestuen

Kritik: Robert Uhde
Fotos: Rasmus Hjortshøj, Coast Studio

Fröhlich, bunt und bisweilen ganz schön laut: Die rund 50  000 Einwohner zählende, etwa 40 km westlich von Kopenhagen gelegene Kleinstadt Roskilde gehört zu den ältesten Städten Dänemarks – ist international aber v. a. durch ihr bedeutendes Musik-Festival bekannt, das mit bis zu 115 000 Besuchern zu den größten Open-Air-Veranstaltungen in Europa zählt. Den kulturellen Kontrapunkt zum jährlich stattfindenden Mega-Event – sowie zu der zuletzt nach Plänen von MVRDV und COBE fertiggestellten Roskilde Festival Folk High School – bietet seit September 2018 das auf dem Areal der ehemaligen Kaserne Kildegården eröffnete Haus der Künste.

Mit dem Neubau und der parallel umgesetzten Neugestaltung der zuvor lediglich als Parkplatz genutzten Außenfläche hat die Stadt Roskilde einen bewusst niederschwelligen, gemeinschaftlich durch unterschiedliche Akteure genutzten Ort geschaffen, an dem sich Kreative, Lehrende und interessierte Bürger verschiedenen Alters auf Augenhöhe begegnen können.

Kultur statt Drill

Die südwestlich an den Stadtkern anschließende Kaserne Kildegården war kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Plänen des Architekten Vilhelm Visser erbaut worden. Seit Schließung der Anlage im Jahr 1974 sind die unterschiedlichen Backsteingebäude sukzessive für andere Zwecke umgenutzt worden. Nach und nach siedelten sich zunächst das mittlerweile wieder ausgezogene Amtsgericht der Stadt und später ein lokaler Rundfunksender, die Musikschule, eine Sprachschule sowie verschiedene Sportvereine auf dem Gelände an.

»In einem weiteren Schritt hatten wir zuletzt geplant, das Areal zu einem offenen Kulturcampus zu transformieren und so einen attraktiven Ort der Begegnung zu schaffen«, berichtet die aufseiten der Stadt Roskilde in die Planung eingebundene Architektin Anne Barfoed Hørsving. Ausgehend von der dazu in einem ersten Schritt vorgestellten Masterplanung von Svendborg Architects und den Landschaftsarchitekten BOGL sollte dabei auch ein zentral platziertes Haus der Künste als zusätzlicher Neubau in den Bestand eingefügt und damit die bislang an vier verschiedenen Standorten verteilten Aktivitäten der Stadt im Kreativbereich unter einem gemeinsamen Dach zusammengeführt werden.

Aus dem daraufhin ausgeschriebenen begrenzten Einladungswettbewerb war schließlich wiederum das Büro Svendborg Architects als Sieger hervorgegangen. Das Team hat schon mehrfach Projekte im Kulturbereich umgesetzt, darunter auch fünf durchgehend verspiegelte temporäre Besucherpavillons vor dem Royal Theatre in Kopenhagen. Ausgehend vom strengen Bebauungsraster des Bestands sowie den Vorgaben des Masterplans haben die Architekten einen kompakten, dabei pavillonartig gestalteten

Bau aufquadratischem Grundriss vorgeschlagen, der mit seiner luftigen Fassade aus rötlich schimmernden, die Umgebung leicht verzerrt widerspiegelnden Aluminiumpaneelen einen modern interpretierten Bezug zum Backsteinrot der vorhandenen Kasernengebäude schafft: »Alternativ zu den jeweils 1 m breiten Aluminiumelementen hatten wir auch andere Materialien wie Cortenstahl oder Holz angedacht«, berichtet Büröinhaber Johnny Svendborg. »Damit hätten wir aber die gewünschte Spiegelung nicht umsetzen können.«

Vermittelndes Volumen

Zusätzlich verstärkt wird der Austausch zwischen Alt und Neu durch die ungewöhnliche Formgebung des Neubaus, die ganz subtil zwischen dem Maßstab der Kasernengebäude und der Offenheit der 14 000 m² großen Außenfläche vermittelt. Ein charakteristisches Element ist insbesondere das zur westlichen Gebäudeecke hin ansteigende und über der Grundrissdiagonalen geknickte Dach, das als Stahlkonstruktion ausgeführt und im gleichen Material wie die Fassade, jedoch mit quadratischen Platten, bekleidet wurde. Mit einer Höhe von max. 7 m stellt sich der ungewöhnlich geformte Neubau selbstbewusst dem Bestand entgegen und schafft dabei einen gelungenen Kontrast zu den unterschiedlich ausgebildeten Sattel-, Walm- und Mansarddächern der historischen Kasernengebäude.

Deutlich flacher präsentiert sich der Bau in gegenüberliegender nordöstlicher Richtung, wo nach den Plänen von BOGL u. a. eine öffentliche Tanzfläche sowie eine skulptural in runder Form gestaltete, dabei multifunktional nutzbare Skate Bowl neu geschaffen wurden: »Im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente ist ein attraktives innerstädtisches

Quartier mit neu angelegten Wegen aus hellen Betonplatten, mit zahlreichen Bäumen sowie mit unterschiedlichen Sitzgelegenheiten entstanden, das ganz bewusst eine Brücke zur unmittelbar angrenzenden Altstadt schlagen soll«, beschreibt Johnny Svendborg das in enger Kooperation mit BOGL und mit der Stadt sowie partizipativ mit Anwohnern sowie Nutzergruppen entwickelte Gesamtkonzept. Und der Erfolg gibt den Machern Recht: Das Quartier ist nicht nur am Tage, sondern auch an vielen Abenden belebt.

Ein Raum für alles

Ein wichtiges Element des Neubaus ist die breite, im Kontrast zur Fassade weiß profilierte Glasfront, die mit ihren vier Zugängen und den großen verschiebbaren Elementen einen einladenden Zugang zum Haus der Künste ermöglicht und gleichzeitig einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen ermöglicht: Die vor Ort tätigen Kreativen werden so quasi zu Darstellern, die mit ihrem Tun in den Stadtraum hineinwirken. Durch das Öffnen der Fassade ist es außerdem möglich, ganz bequem auch die Außenfläche in die Nutzung einzubeziehen.

Fließend fortgesetzt wird der offene Charakter im Innenraum, der entsprechend der Ausschreibung ursprünglich ganz konventionell in vier verschiedene Bereiche untergliedert werden sollte. Stattdessen haben die Planer die Fläche aber im Gegensatz zur Schwere der umliegenden Backsteinbauten als offenen White Cube auf quadratischer Grundfläche gestaltet, der sich durch flexibel verfahrbares Mobiliar ohne großen Aufwand an unterschiedliche Anforderungen anpassen lässt: Während sich die Farbgebung der Fassade auf die vorhandenen Kasernengebäude bezieht, haben die Architekten den Innenraum bewusst als weiße Leinwand gestaltet. Die Atmosphäre der verschiedenen Bereiche wird dabei v. a. durch die jeweiligen künstlerischen Aktivitäten bestimmt. Und dass dabei auch Spuren der Nutzung sichtbar bleiben, ist von ihnen durchaus gewünscht und zeichnet sich mittlerweile auch deutlich auf dem von Farbtropfen übersäten hellen Betonboden ab.

Im Regelfall wird der Raum durch Akteure der vier Kreativbereiche Porzellanmalerei, Bildende Kunst, Nähen und Keramik genutzt, je nach Bedarf kann das Haus der Künste aber auch ohne größere Eingriffe zu einer lichtdurchfluteten Galerie umgebaut werden oder als Workshop-Raum, als Raum für Lesungen oder als kleine Konzerthalle dienen: Das Haus ist offen für jeden und wird kooperativ durch die Nutzer selbst organisiert und

betrieben. Miete müssen die Kreativen entsprechend nicht bezahlen, sie wird komplett durch die Stadt Roskilde übernommen. Fällig werden lediglich die Gebühren für die jeweiligen Kurse.

Zusätzliche räumliche Qualität erhält der Entwurf durch die offen gebliebene, mit weißem Putz sowie mit hellen Holzbrettern bekleidete Decke. Die hier sowie in den Möbeln und in den Trennwänden integrierten Akustikpaneele ermöglichen eine angenehme Lärmreduzierung sowie einen optimierten Klang bei Konzerten. Das zusätzlich zu den großen Schaufronten im höchsten Teil des Dachs eingefügte Oberlicht sorgt außerdem für ein optimales Zusammenspiel von direktem und indirekten Licht im Gebäude. Komplettiert wird das Raumprogramm des ansonsten konventionell beheizten und belüfteten Gebäudes durch einen geschlossenen Bereich neben dem Haupteingang an der Nordostseite, der neben einer Garderobe auch eine kleine Küchenzeile sowie eine Toilette beherbergt.

Kein Luxus

Was Nutzer und Besucher vor Ort vergebens suchen ist Luxus, das war aber auch selbstredend nicht der Anspruch. Stattdessen ist es der Stadt Roskilde und den beteiligten Planern gelungen, mit einem begrenzten Budget von 2 Mio. Euro einen offenen und flexibel nutzbaren und von der Roskilder Bevölkerung bestens angenommenen Ort der Begegnung für Menschen unterschiedlichen Alters zu schaffen, der sinnfällig die skandinavische Vorliebe für Gemeinschaft, Offenheit und Flexibilität umsetzt und der längst auch Vorbildcharakter hat: »Denn seit der Fertigstellung im Herbst haben wir regelmäßig interessierte Planungsverantwortliche aus anderen Kommunen zu Besuch«, berichtet Anne Barfoed Hørsving. Eine Entwicklung, die eindrücklich den Erfolg des Projekts belegt.

Grundriss EG: Svendborg Architects, Kopenhagen
Lageplan: Svendborg Architects, Kopenhagen

  • Standort: Kildegården 7, DK-4000 Roskilde
    Bauherr: Gemeinde Roskilde
    Förderer: Dänische Stiftung für Kultur- und Sporteinrichtungen
    Architekten: Svendborg Architects, Kopenhagen
    Mitarbeiter: Jacob Billesbølle, Katrine Kretzschmar Nielsen, Naomi Rubbra, Bas Spaanderman, Iben C. Krause, Linda Juul Johansson, Frederik Bagge Paschburg, Sofie Bak Jørgensen
    Tragwerksplanung, Bauüberwachung: Regnestuen, Kopenhagen
    Landschaftsarchitektur: BOGL, Kopenhagen
    Gebäudetechnik-Planung: S & M Spangenberg & Madsen, Kopenhagen
    BGF: ca. 400 m²
    Baukosten: ca. 2 Mio. Euro
    Bauzeit: September 2017 bis September 2018


Unser Kritiker Robert Uhde war überrascht vom hohen Stellenwert, den die Gemeinde Roskilde der Kultur beimisst, und den auch das neue Haus der Künste sehr deutlich zum Ausdruck bringt.

Robert Uhde
1968 geboren. Studium der Kunst und Germanistik in Oldenburg. Erstes Staatsexamen. Ausbildung zum Fachredakteur für Architektur bei der Verlagsgruppe Rudolf Müller in Köln. Seit 1997 freier Autor für verschiedene Fachzeitschriften und Tageszeitungen.
Eigenes Büro in Oldenburg.


Svendborg Architects

Johnny Svendborg

Architekturstudium an der Königlichen Dänischen Kunstakademie. Mitarbeit in der Berliner Niederlassung von C. F. MØller Architects, zehn Jahre bei Henning Larsen Architects sowie bei 3XN. Seit 2007 eigenes Büro. Seit 2018 Vorsitz der Dänischen Architektenvereinigung.