Dreieckiges Tor zur Stadt

Bahnhof in Assen (NL)

Mit ihrem neuen Bahnhof hat die niederländische Kleinstadt Assen ein charaktervoll gestaltetes neues Entrée mit optimierter Anbindung erhalten. Der Entwurf der beiden Architekturbüros Powerhouse Company und De Zwarte Hond überzeugt v. a. durch seine luftig-elegante Dachkonstruktion aus Holz, die scheinbar über der verglasten Bahnhofshalle schwebt.

Architekten: Powerhouse Company und De Zwarte Hond
Tragwerksplanung: Breed Integrated Design, IB-Miebach

Kritik: Robert Uhde
Fotos: Sebastian van Damme, Egbert de Boer

Mit rund 9 000 Reisenden am Tag ist der Bahnhof der 70 000 Einwohner zählenden Kleinstadt Assen der meistfrequentierte Verkehrsknotenpunkt in der Provinz Drenthe im äußersten Nordosten der Niederlande. Seit 1989 wurde der zwischen Zwolle und Groningen gelegene Durchgangsbahnhof durch einen wenig einladenden Glaskörper mit einem banal gestalteten Dach in blauer Farbigkeit geprägt. Im Rahmen der groß angelegten städtebaulichen Masterplanung »FlorijnAs« ist das gesamte Areal mittlerweile aber erneuert worden. Neben einer grundlegend umgestalteten Verkehrsführung hat die Stadt dabei auch ein neues Bahnhofsgebäude erhalten.

Aus dem Architekturwettbewerb mit fünf eingeladenen Büros war 2014 das Team von Powerhouse Company aus Rotterdam und De Zwarte Hond aus Groningen als Sieger hervorgegangen. Ihr gemeinsamer, in enger Kooperation mit der Gemeinde Assen sowie mit der Niederländischen Bahn entwickelter Entwurf schafft ein offen und freundlich gestaltetes Tor zur westlich angrenzenden Innenstadt und ermöglicht durch eine neue Fußgängerunterführung in Kombination mit einem zuvor bereits eröffneten Fahrradtunnel gleichzeitig eine optimierte Anbindung der östlich der Bahnlinie gelegenen Stadtteile.

Architektonische Ikone für die Stadt Assen

Charakteristischer Blickfang des Neubaus ist das dreiecksförmig gestaltete, über den Bahnsteigen und den Gleisen weit auskragende Holzdach. Die nach Südwesten in Richtung Stadt deutlich aufsteigende und über den Gleisen aufgrund der hier verlaufenden Oberleitungen teilweise geschwungen ausgebildete Konstruktion bietet eine luftig-elegante Überdachung für die durchgehend verglaste Bahnhofshalle. Zudem schafft sie ein markantes, aus allen Blickrichtungen attraktives architektonisches Zeichen, das mit seiner Materialität deutlich sichtbar die Ambitionen der Stadt im Hinblick auf Nachhaltigkeit zeigt. »Unterbrochen wird die Struktur lediglich durch einige transparente Elemente aus Polycarbonat in der Mitte des Dachs, durch die ausreichend Tageslicht in die Bahnhofshalle und auf die Bahnsteige fällt und dort je nach Wetter ein bewegtes Spiel von Licht und Schatten erzeugt«, erklärt Projektarchitekt Dik Houben vom Büro Powerhouse Company.

Die unter dem riesigen Schirm gelegene Bahnhofshalle fungiert als wettergeschützter Aufenthaltsraum und integriert gleichzeitig die Zugänge zu den beiden Gleisen, verschiedene Läden sowie Information, Ticketschalter, Fahrkartenautomaten und Toiletten. Ein Teil der Funktionen wurde als eigenständige Pavillons mit abgerundeten Gebäudekanten und mit rot-braunen Klinkerfassaden frei unter das Dach geschoben. Die angenehm-warme Farbigkeit der Steine ermöglicht dabei einen fließenden Übergang zu dem für die Bodengestaltung verwendeten Roten Porphyr und zu dem roten Pflasterstein, der die Ankommenden vom Vorplatz bis in die Innenstadt leitet. Sehr wichtig war bei der Gestaltung der Pavillons außerdem die Berücksichtigung einer maximalen Flexibilität: »Ganz bewusst haben wir die freistehenden Stützen des Dachs unabhängig von der Struktur der Einbauten konstruiert, sodass sich die Aufteilung der Flächen bei Bedarf jederzeit ohne größere Eingriffe ändern lässt«, so Dik Houben.

Komplettiert wird das Raumprogramm durch eine unterhalb der Erde platzierte, nach Norden hin von einem Gründach überdeckte und direkt an die neue Unterführung angegliederte Fahrradgarage mit insgesamt 2.600 Stellplätzen: »Den durch die Umgestaltung weitgehend verkehrsberuhigten Bahnhofsvorplatz konnten wir somit frei halten und entsprechend attraktiv und einladend mit einer neuen Pflasterung und Sitzbänken gestalten.« Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die 7 m hohe, durch den Architekten Maurice Nio gemeinsam mit dem Künstler Q.S. Serafijn geschaffene hölzerne Hundeskulptur »Mannes«.

Komplexe Dachkonstruktion aus Brettschichtholz-Bindern

Besondere Anforderungen bei der Planung und Umsetzung des Projekts stellte das dreiecksförmige, mit Kantenlängen von 78, 88 und 90 m ausgeführte und insgesamt rund 3 080 m2 große Dach aus Fichtenholz. Nach Südwesten steigt die Konstruktion bis auf eine maximal zulässige Höhe von 10 m auf, in Richtung Osten ist das Dach demgegenüber leicht nach unten geneigt, sodass anfallendes Regenwasser hier in einen Sickerteich abfließen kann. Im zentralen Bereich ist das Dach durch die aufliegenden Elemente aus Polycarbonat witterungsdicht abgedichtet, in den Randbereichen haben die Planer einen 8 m breiten, mit Bitumen ausgebildeten Sedum-Grünstreifen integriert, um eine Witterungsbelastung des Holzes zu verhindern und das Überlaufen von Regenwasser zu minimieren.

Das Bahnhofsdach in Assen ist das erste in den Niederlanden, das primär aus Holz besteht. Um die am Abend eindrucksvoll beleuchtete Konstruktion fachgerecht umsetzen zu können, wurde für die Ausführungsplanung und Tragwerksplanung des Dachs das Ingenieurbüro Miebach aus Lohmar bei Köln hinzugezogen. In enger Kooperation von Architekten und Tragwerksplanern und in einem durchgehend BIM-gestützten Prozess wurde das großflächige Flächentragwerk berechnet und ausgearbeitet, bestehend aus insgesamt 324 unsymmetrisch geformten, im Grundriss jeweils 5,0 x 4,85 x 4,30 m großen Dreiecken, die aus 5 m langen, 1,20 m hohen und 22 cm dicken Brettschichtholz-Bindern gebildet werden.

Der Werkstoff Holz erweist sich immer öfter als wirtschaftliche Alternative zu Stahl oder Beton: »Das Verhältnis von Eigengewicht zu Tragfähigkeit und das gut einschätzbare Brandverhalten machen den Baustoff dabei v.a. für Dachtragwerke mit großen Spannweiten sehr attraktiv«, so Lukas Osterloff vom Ingenieurbüro Miebach. Ein wichtiges Argument ist außerdem die hohe Nachhaltigkeit des Baustoffs: »Insgesamt kamen bei dem Projekt 620 m3 Holz zum Einsatz, sodass in der Summe der Kohlenstoff von 620 Tonnen CO2 dauerhaft gebunden wird.«

Parametrische Berechnung der Knotenpunkte

Eine große Herausforderung bei der Planung bedeutete die Lastabtragung der Dachkonstruktion und die Berechnung sämtlicher Stäbe (Brettschichtholz-Binder) sowie der zwischen den einzelnen Dreiecken entstandenen Knotenpunkte: »Aufgrund der unsymmetrischen Form des Dachs und der abweichenden Spannweite über den Gleisen mussten wir die 471 Stäbe und die 190 Knotenpunkte alle individuell berechnen«, erklärt Lukas Osterloff. »Ohne den Einsatz parametrischer Softwarelösungen wäre es letztlich kaum möglich gewesen, die Verbindungen der Stäbe über Schlitzbleche und Stabdübel abgestuft entsprechend der lokalen Belastung durch Eigengewicht, Schnee, Wind und Regenwasser zu konstruieren.«

Ebenfalls individuell angepasst werden mussten die unterschiedlich langen, nach oben biegesteif an das Dach angeschlossenen und unten gelenkig gelagerten Stützen, die in ihrer Materialität aber leider von der übrigen Konstruktion abweichen: »Um einen homogenen Gesamteindruck zu erhalten, hatten wir ursprünglich Holzstützen mit einem Stahlfuß vorgesehen«, berichtet Dik Houben. »Aus Kostengründen und weil die Stützen sonst zu massiv geworden wären, haben wir dann aber abweichend hell beschichtete und nach oben sternförmig auskragende Rundstahlstützen mit einem Durchmesser von jeweils 60 cm gewählt.«

Um das große Flächentragwerk umsetzen zu können, wurden die verschiedenen Bauteile nach Fertigung per CNC-Fräse als Einzelstäbe zur Baustelle geliefert und dort in unterschiedlich großen Elementen vormontiert und eingehoben. Die größten Elemente wurden dabei für die Überbrückung der Gleise eingebaut und beidseitig der Gleise mithilfe von zwei Kränen in Millimeterarbeit zusammengeführt. »Trotz des hohen Gewichts der beiden Teile hat das alles aber reibungsfrei funktioniert, sodass wir das Dach in einer Bauzeit von neun Monaten fristgerecht bei laufendem Bahnbetrieb umsetzen konnten.«


Unser Kritiker Robert Uhde ist leidenschaftlicher Bahnfahrer und kommt viel herum auf Schienen. Ganz regelmäßig wünscht er sich deshalb, dass die Bahn-Verantwortlichen hierzulande ihren Blick öfter mal in Richtung Niederlande lenken. Da ließe sich so manches lernen …

~Robert Uhde
Studium der Kunst und Germanistik in Oldenburg. Erstes Staatsexamen. Ausbildung zum Fachredakteur für Architektur bei der Verlagsgruppe Rudolf Müller
in Köln. Seit 1997 freier Autor für Fachzeitschriften und Tageszeitungen. Eigenes Büro in Oldenburg.


Grundriss EG: Powerhouse Company/De Zwarte Hond
Schnitt: Powerhouse Company/De Zwarte Hond

Videodokumentation des Bauprozesses:
https://www.youtube.com/watch?v=CMyKFw-uJyk&t=1s »


  • Standort: Stationsplein 1, NL-9401 LB Assen

Bauherr: Gemeinde Assen, ProRail, NS (Nederlandse Spoorwegen)
Architekten: Powerhouse Company, Rotterdam, und De Zwarte Hond, Groningen/Rotterdam; Stefan Prins, Jeroen de Willigen
Mitarbeiter: Nanne de Ru, Erik Roerdink (Projektleitung De Zwarte Hond), Dik Houben (Projektleitung Powerhouse), Maarten Diederix, Eric van Keulen, Erwin van Strien, Ben van der Meer, Max Tala Nossin, Tjeerd Jellema, Yoon Kyun (Peter) Lee, Marc Beeftink, Chris ten Have, Julius Kirchert, Paul Rikken, Katarzina Klepacz, Jeffrey Ouwens, Martijn Korendijk, Freddy Siekmans, Martine Drijftholt, Kris Schaasberg, Richard Vrijland
Tragwerksplanung allgemein: Breed Integrated Design, Den Haag
Tragwerksplanung Holzkonstruktion: IB-Miebach, Lohmar
HLS-Planung: Adviesbureau VanderWeele, Groningen
Beratung Mobilitätskonzept: InVra plus, Haren
Brandschutzplanung: Munnik Brandadvies, Kolham
BGF: 3 015 m²
Baukosten: keine Angabe
Bauzeit: in Einzelphasen von 2014 bis 2020

  • Beteiligte Firmen:

Bauunternehmer: Hegeman, Nijverdal, www.hegeman.com
Holzkonstruktion: Heko Spanten, Ede, www.hekospanten.nl
Stahlkonstruktion: Broeze, Nijverdal, www.broeze.nl
Kunststoffbedachung: Licotec, Duiven, www.licotec.nl


Powerhouse Company

Nanne de Ru

Architekturstudium an FH Amsterdam und The Berlage, 2002 Master. Seit 2004 eigenes Büro. 2013-16 Lehraufträge in Amsterdam, Rotterdam, Delft und Eindhoven sowie in Dänemark und Norwegen.

Stefan Prins

Architekturstudium an NHL Stenden und Academy of Architecture, Groningen, 2009 Master. 2003-10 Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros. Seit 2010 Mitarbeit bei der Powerhouse Company, seit 2016 als Partner. Lehrauftrag an der Rotterdam Academy of Architecture & Urban Design.

Dik Houben

Architekturstudium an der FH Zuyd, Heerlen, und an der Rotterdam Academy of Architecture & Urban Design, 2012 Master. 2008-13 Mitarbeit u. a. im Atelier Kempe Thill. Seit 2013 Mitarbeit bei der Powerhouse Company als Projektleiter. Lehrauftrag an der Rotterdam Academy.

De Zwarte Hond

Erik Roerdink

2000-04 Architekturstudium an der Hanzehogeschool Groningen, 2004-09 dort Masterstudium. Seit 2007 Lehrauftrag an der Academie Minerva, Groningen.
Bis 2016 Mitarbeit bei DAAD Architecten, seit 2016 bei De Zwarte Hond als Partner.

Jeroen de Willigen

1988-96 Architekturstudium an der TU Delft. 2012-14 Studium der Stadtplanung an der Erasmus Universität, Rotterdam. 1996-99 Mitarbeit u. a. bei West 8, Rotterdam. Seit 2002 Mitarbeit bei De Zwarte Hond als Partner. Seit 2014 Stadtarchitekt von Groningen.