Berlin 1984-87

Wohnbebauung »Am Tegeler Hafen«

Das Demonstrationsgebiet Tegeler Hafen galt seinerzeit als vergleichsweise elitäres Projekt der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987 (IBA). Das hing mit seiner landschaftlich reizvollen Lage am Tegeler See zusammen und mit seiner Verortung weitab der sozialen Brennpunkte der Großstadt, innerhalb derer die meisten anderen IBA-Projekte realisiert wurden. Im Stil der Postmoderne entstand ein Wohnpark mit Stadtvillen und die Wasserlage spielerisch aufgreifenden, wellenförmigen Reihengebäuden. An der unbestreitbaren Popularität dieses Projekts hat sich bis heute wenig geändert.

  • Architekt: Moore, Ruble und Yudell, u. a.
  • Kritik: Mathias Remmele
    Fotos: Edmund Kasperski, Sabine Dobre, Werner Huthmacher, Karin Schlicht
Der Tegeler Hafen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in einer recht überschaubaren Dimension angelegt. Er hatte die einfache Form eines Kanals, der in den Tegeler See mündet. Dieser gehört, ebenso wie der Wannsee, zu den Havelseen, die in Berlin gleichermaßen als Wasserstraßen und als Naherholungsgebiete genutzt werden. Der Hafen, der nach dem Weltkrieg seine wirtschaftliche Bedeutung verlor, wurde bereits in den 60er Jahren stillgelegt. Auf seinem Areal entstanden, soweit es nicht als Brachland verwilderte, Park- und Lagerplätze sowie Kleingartenkolonien. Das städtebauliche Potenzial des Gebiets hatte man schon vor IBA-Zeiten erkannt, aber erst dieses ambitionierte, vom West-Berliner Senat lancierte Bauprogramm bot Ende der 70er Jahren einen idealen Rahmen zu seiner Entwicklung.
Wasser als zentrales Element
Es begann 1980 mit einem Wettbewerb für den städtebaulicher Rahmenplan, bei dem eine Verbindung der im Programm festgelegten Funktionen Wohnen, Freizeit und Kultur eingefordert wurde. Der siegreiche Entwurf des amerikanischen Architekten Charles Moore setzte, um dieses Ziel zu erreichen, nicht auf eine funktionale Durchmischung des Quartiers – im Gegensatz zu einigen seiner Mitbewerber – vielmehr definierte er das Wasser als zentrales und verbindendes städtebauliches Element. Konsequenterweise sah er eine erhebliche Vergrößerung des ehemaligen Hafenbeckens vor.
In der Mitte der erweiterten Wasserfläche wurde eine künstliche Insel angelegt, auf der die Freizeitfunktion konzentriert werden sollte.
Die Ufer des Hafens blieben dabei als öffentlicher Raum erhalten: Eine Promenade am Wasser verknüpft die funktionalen Bereiche des Planungsgebiets. Sichtbeziehungen zum Wasser und übers Wasser machen die Identität des Orts aus. Eine zum ehemaligen Hafenbecken hin terrassenartig abgetreppte Plaza bildet gleichsam den Eingang zum Quartier und dient zugleich als Scharnier zwischen seinen Funktionsbereichen. Dieser von drei Baumreihen akzentuierte Platz ist die einzige Stelle im Hafengebiet, an der man direkt mit dem Wasser in Berührung kommen kann. Überall sonst definieren leicht erhöhte Kaimauern die Grenzen der Wasserfläche.
Zu den Qualitäten des städtebaulichen Projekts von Moore gehört daneben seine typologische Vielfalt. Hinsichtlich der Wohnbebauung, dem wichtigsten und größten Teilbereich des Tegeler Hafens, plädierte sein Entwurf für eine Kombination verschiedener Gebäudetypen. Die geplanten rund 350 Wohnungen sollten in Form von sieben Einzelhäusern, drei gekurvten Zeilenbauten sowie zwei Wohnhöfen – einem geschlossenen und einen halboffenen – realisiert werden.
Während Charles Moore mit dem Büro Moore, Ruble, Yudell am Tegeler Hafen die Humboldt-Bibliothek als den zentralen Kulturbau, die beiden Wohnhöfe als Herzstück der Siedlung und eines der Einzelhäuser plante, wurden für den Entwurf der übrigen Bauten, wie bei IBA-Projekten üblich, andere Architekten verpflichtet. Das Berliner Büro Bangert, Jansen, Scholz, Schultes (BJSS) übernahm zwei der Wohnschlangen. Die dritte ging an die Arbeitsgemeinschaft Steinebach, Weber, Poly, die daneben eines der Einzelhäuser realisierte. Für die restlichen fünf, etwas hochtrabend als Stadtvillen bezeichneten Häuser – tatsächlich handelt es sich dabei um nichts anderes als frei stehende Mehrfamilienhäuser – wurden international renommierte Büros engagiert: Hejduk, Grumbach, Portoghesi, Stern sowie Tigerman, Fugman, McCurry.
Bildmächtig und gefällig
Das Ensemble der Stadtvillen verdient in seiner Gesamtheit Beachtung als Querschnitt und Leistungsschau der ambitionierten 80er-Jahre-Architektur. Prägend für das Quartier Tegeler Hafen sind aber weder diese bisweilen schillernden Architekturpretiosen, noch die vergleichsweise nüchternen Wohnschlangen der beiden Berliner Büros, die sich offensichtlich an den berühmten Siedlungsbauten der Weimarer Zeit orientierten. Beherrschend sind hier vielmehr, allein durch ihr schieres Volumen und ihre Höhenentwicklung (bis zu acht Stockwerke), die beiden direkt benachbarten Wohnhöfe von Moore, Ruble, Yudell. Gefällig und bildmächtig, steht die Architektur des kalifornischen Büros für eine spielerische und historisierende Variante der Postmoderne, der vielleicht der intellektuelle Tiefgang, aber kaum eine gewisse Popularität abgesprochen werden kann. Beispielhaft steht dafür der geschlossene Wohnhof mit seinen vier monumentalen, fast herrschaftlichen Toranlagen. Oder auch die zum Hafenbecken hin orientierte, einen Halbkreis beschreibende Fassade des zweiten Wohnhofs, die ein wenig an venezianische Palazzi und andere Renaissance-Schlösser erinnert. Die Grandezza dieser Palastarchitektur ist freilich reiner Fassadenzauber. Dahinter verbergen sich Behausungen, die den bescheidenen Normen des Sozialen Wohnungsbaus entsprechen. An dieser Diskrepanz zwischen Form und Inhalt hat sich seit eh und je die Kritik entzündet. So berechtigt sie erscheinen mag, der Verführungskraft dieser süßlich-unbeschwerten, hart am Kitsch operierenden Architektur ist nur schwer zu widerstehen.
Eine nachhaltige Erfolgsgeschichte
Man mag von der Postmoderne im Allgemeinen und den IBA-Projekten im Besonderen halten, was man mag – und der Autor bekennt, dass er diesbezüglich eine, gelinde gesagt, ambivalente Haltung einnimmt: Wer heute die IBA-Siedlung am Tegeler Hafen besucht, kommt nicht umhin, den offensichtlich nachhaltigen Erfolg der Wohnanlage anzuerkennen.
Es sieht da alles recht proper und manierlich aus. Die Häuser machen, auch wenn sie da und dort etwas Patina angesetzt haben, einen gepflegten Eindruck und präsentieren sich weitgehend im originalen Zustand. Das gilt auch für die Freiräume und Grünflächen, die mit dem Alter – v. a. durch das Wachstum der Bäume und der sonstigen Bepflanzung – an Aufenthaltsqualität gewonnen haben. Das gesamte Quartier vermittelt den Eindruck, dass die Bewohner ihre Siedlung zu schätzen wissen. Zufällige Gespräche mit Mietern bzw. Wohnungseigentümern vor Ort bestätigen das. Und die öffentliche Promenade entlang des erweiterten Hafenbeckens erfreut sich des Zuspruch im ganzen Bezirk und darüber hinaus. Kein Zweifel also, dieses IBA-Projekt ist auch auf lange Sicht eine Erfolgsgeschichte.
Ein Wermutstropfen ist in diesem Zusammenhang das Schicksal der Tegeler Insel, die ursprünglich, also noch zu IBA-Zeiten, mit einem Kultur- und Freizeitzentrum, dann mit einem Spaßbad bebaut werden sollte. Sie blieb jedoch jahrzehntelang Brachland – sehr zur Freude der Kinder in der Nachbarschaft, die das über drei Brücken erschlossene Eiland als Abenteuerspielplatz zu nutzen wussten. Nach mehrfachem Besitzerwechsel und diversen gescheiterten Projekten – mal sollte eine Seniorenresidenz, mal ein Wellnesszentrum entstehen, mal wurden Reihenhäuser und zuletzt Luxusvillen geplant – ist die Insel vor Kurzem schließlich doch noch bebaut worden. Eine Immobilienfirma errichtete hier, verteilt auf sieben weitgehend gleichartig gestaltete Häuser, insgesamt 49 Eigentumswohnungen, die unter dem Stichwort »Maritimes Wohnen« vermarktet werden. Die Häuser sind zwar, wie es in einer Werbebroschüre des Investors heißt, »nah am Wasser gebaut«, die Besonderheit dieser Lage aber findet in ihrer Architektur keinen Widerhall. Sie könnten ebenso gut auf jedem x-beliebigen vorstädtischen Grundstück stehen, ohne die Form ändern zu müssen. Angesichts derart uninspirierter Investorenarchitektur lobt man sich die nahe gelegenen Stadtvillen aus der IBA-Zeit. Deren formale Spielereien und funktionalen Mängel laden einerseits noch immer zur Kritik ein, andererseits aber verkörpern sie zumindest eine gestalterische Haltung und eine Idee, an der man sich reiben kann.
Ähnlich medioker fiel leider auch die 2013 fertiggestellte Bebauung des Areals zwischen Plaza und Humboldt-Bibliothek aus. Statt der anfänglich geplanten Kulturbauten entstanden hier drei direkt am Hafen platzierte Mehrfamilienhäuser (mit Eigentumswohnungen) sowie ein Seniorenheim. Die früher zumindest visuell starke Verbindung von Bibliothek und Wohnquartier ist durch die Neubauten weitgehend verloren gegangen. Vielleicht wäre es wirklich wieder einmal Zeit für eine IBA in Berlin. •
Standort: Am Tegeler Hafen, 13507 Berlin