Sonderschule in Schwechat (Niederösterreich)

Ungezwungener Lebensraum

Die Sonderschule in Schwechat – die Klein- stadt bei Wien ist vor allem durch den Flughafen und die größte Erdöl-Raffinerie Österreichs bekannt – war lange Zeit unter unzulänglichen Bedingungen in einer ehemaligen Musikschule untergebracht. Im Jahr 2000 wurde EU-weit ein offener Wettbewerb ausgeschrieben, aus dem der Entwurf von fasch & fuchs als Sieger hervorging. Überaus sensibel gingen sie an die schwierige und nicht alltägliche Bauaufgabe heran, die den Planern weit mehr abverlangt als die behindertengerechte Anordnungung von Klassenräumen.

  • Architekten: fasch & fuchs Tragwerksplanung: Werkraum ZT-OEG
  • Kritik: Gabriele Kaiser Fotos: Paul Ott
Kompakt und durchlässig
In seiner Weitläufigkeit bot das durchgrünte Grundstück mit altem Baumbestand gute Voraussetzungen für eine auf die speziellen Bedürfnisse der Kinder zugeschnittene Schule. Die Intensivierung des Kontakts zwischen Innen- und Außenraum sowie zwischen Schülern und Öffentlichkeit war für die Architekten von Anfang an ein wichtiges Thema; die Kinder sollten im neuen Schulhaus Offenheit statt Ausgrenzung, Bewegungsfreiheit statt Einschränkung erfahren. Um die Schüler zugleich vor dem Fluglärm und der Gefahr der generellen Reizüberflutung zu schützen, entwarfen fasch & fuchs ein durchlässiges und gleichzeitig kompaktes Gebäude, das sich Richtung Süden ins Gelände »duckt«, während an der Nordseite der Klassentrakt (sieben Unterrichtsräume und ein Hort) über dem Turnsaal in den ruhigen Garten ragt. Die drei Klassen für schwerstbehinderte Kinder an der Südseite des Erdgeschosses sind durch einen vorgelagerten Wintergarten vor Verkehrslärm und Strahlungswärme geschützt. Abstriche seitens der Bauherren führten – ohne Herabsetzung der Raumzahl – zum Verzicht auf ein zweites Obergeschoss, was dem Projekt jedoch nicht schadet, vielleicht sogar dessen »Heimeligkeit« steigert. Terrassen im Obergeschoss sowie ein »luxuriöser« Physiotherapiebereich mit Schwimmbecken ergänzen den hauseigenen Bewegungsspielraum.
Die rund 80 Schüler zwischen sechs und achtzehn Jahren, die an unterschiedlich schweren körperlichen und psychischen Erkrankungen leiden, werden an fünf Tagen der Woche von 8 bis 17 Uhr von insgesamt 20 Pädagoginnen betreut. Ein wichtiger Aspekt in der Neukonzeption war die maximale Bewegungsfreiheit, die Kinder sollten sich überall im Haus und im gesamten Schulgelände frei bewegen können, ohne sich selbst oder andere zu gefährden. »Obgleich unsere neue Schule im Vergleich zur alten Einrichtung von mehr Schülern besucht wird, ist die Atmosphäre nun deutlich entspannter«, berichtet die Schuldirektorin Ingeborg Schramm. Je zwei Klassen ist ein gepolsterter Time Out-Raum zugeordnet, in dem sich die Kinder austoben bzw. ungestört zur Ruhe kommen können. »Diese Räume sind für das soziale Gleichgewicht der Gruppe sehr wichtig, sie werden als individuelle Rückzugsgebiete ausgiebig genutzt«, so Schramm weiter. ›
Belebte Mitte
Herzstück des Gebäudes ist die belebte Mitte: Die halb ins Gelände gesenkte Turnhalle liegt – nur durch Glas, bewegliche Sprossenwände und ein Ballnetz begrenzt – im Zentrum des Gebäudes, wobei sich die Nordseite zum geböschten Grünraum öffnen lässt und eine Sitztribüne im Erschließungsbereich als erweiterte Spielfläche zur Verfügung steht. Den eindrucksvollen Prototyp einer derartigen Integration der Turnhalle in das Funktionsprogramm einer Schule hat der Tiroler Architekt Josef Lackner (bei dem Jakob Fuchs studiert hat) 1979 mit der Ursulinenschule in Innsbruck geliefert. »Wer einmal die räumlichen Vorzüge dieses integrativen Konzepts erfahren hat, wird einen Turnsaal wohl kaum mehr neben eine Schule stellen wollen«, sagt Jakob Fuchs. ›
Ruhe und Licht
Da Kinder mit schweren psychischen Behinderungen oft nicht nur ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bewegung, sondern auch nach Rückzug und Geborgenheit haben und auf Sinnesreize wie Licht, Lärm und Temperatur besonders sensibel reagieren können, haben fasch & fuchs die Gemeinschafts- und Intimitätszonen in klarer Schichtung angeordnet. Akustikpaneele in der Turnhalle und den Gangbereichen dämpfen den Geräuschpegel, so dass in den Unterrichtsräumen die ruhige und konzentrierte Atmosphäre gewahrt bleibt. Von allen Seiten fällt Tageslicht ins Haus, es wird über das Dach und die Seitenverglasungen in die Gebäudetiefe gelenkt und über Binnenverglasungen in den Zwischenwänden (bzw. im Boden) weitergeführt. Diese Belichtung von mehreren Seiten mindert die Blendwirkung und sorgt für Helligkeit ohne harte Licht-Schatten-Kontraste, die sich ungünstig auf das Befinden der Kinder auswirken könnten. Das ergänzende, tageslichtgesteuerte Kunstlicht garantiert optimale Lichtverhältnisse über den gesamten Jahresverlauf, die dem Wintergarten vorgelagerte Beschattung aus beweglichen Aluminiumlamellen bietet bei uneingeschränkter Aussicht auch in atmosphärischer Hinsicht Schutz.
Haus ohne Aussenwände
Wie schon das Kindermuseum, das fasch & fuchs im Kulturhauptstadtjahr 2003 in Graz realisierten, lässt sich auch die Sonderschule in Schwechat als Haus ohne Außenwände, als skulpturales Dachhaut-Haus lesen: Die verglaste Südfront spannt sich über die beiden Geschosse und bricht nach hinten über zwei Bauwerkskanten bis auf Erdgeschossniveau ab. Sämtliche erdberührende Teile sowie der Klassentrakt an der Nordseite wurden in Ortbeton ausgeführt, die verglaste Raumhülle wurde als – im Deckenbereich mit Brettstapelholz ausgefachte – Stahlkonstruktion umgesetzt. Auch wenn die Architekten punktuell als Orientierungshilfe Farbe ins Spiel brachten, bleiben die natürliche Optik und Haptik der Materialien präsent.
Für die Kompaktheit des Gebäudes sprachen auch energietechnische Aspekte: Die Betondecken werden als Speichermasse genutzt, ein Luftbrunnen sorgt für einen minimalen Belüftungsaufwand, die Fußbodenheizung dient auch der Kühlung und an der Südseite bieten Sonnenschutzlamellen und Lüftungsklappen an der »Wärmefalle« Wintergarten Schutz vor Überhitzung. Lediglich die nordseitigen Klassen werden ausschließlich über die Fenster belüftet, sie sind nun – wider Erwarten – auch die wärmsten Räume im Schulhaus.
Abgesehen von punktuellen Hitzestaus im Obergeschoss und der teuren Reinigung der Glasfassade ist die Schuldirektorin voll des Lobes für ihre Schule, was man nach einem Rundgang durch das facettenreiche und klar strukturierte Gebäude gut nachvollziehen kann. Die Schüler, berichtet sie, lieben das Haus. »Jeden Abend haben wir mit einigen Kindern zu kämpfen, denen es in der Schule so gut gefällt, dass sie gar nicht nach Hause gehen möchten.« Ein Schulgebäude, in dem Kinder sowohl ihren Bewegungsdrang ausleben, als auch einen Ruhepunkt finden können, ist nicht mehr nur ein Ort des verpflichtenden Lernens, sondern auch – und vor allem – ein ungezwungener Lebensraum. Schon allein in dieser Hinsicht nimmt die Schule eine Sonderstellung ein. •
  • Bauherr: Sonderschulgemeinde Schwechat, Schwechat Architekten: fasch & fuchs. ZT. GmbH, Hemma Fasch, Jakob Fuchs, Wien Projektleitung: Günter Bösch Planungsteam: Florian Bylow, Thomas Mennel, Eva Germann Tragwerksplanung: Werkraum ZT-OEG, Wien Bauphysik: Dr. Pfeiler GmbH, Graz Haustechnik: Haustechnik Planungsgesellschaft, Wien Brandschutz: BFBU, Michael Markhart, Schwechat BGF: 3532 m² BRI (ges.): 13 621 m³ Fertigstellung: Juli 2006 Baukosten: 7,7 Mio. Euro
  • Beteiligte Firmen: Antigraffitibeschichtung Sichtbeton: Akemi, Nürnberg, www.akemi.de Linolboden: Armstrong, www.akemi.de Schwingboden, Turnsaal: Fischer-Parkett, www.akemi.de