Reifende Früchte des Wohlfahrtsstaats

Das politische System Norwegens trägt sozialistische Züge – ganz zum Vorteil der Bevölkerung, die auch noch nördlich des Polarkreises in den Genuss eines ähnlich hohen Lebensstandards wie in der Hauptstadt kommen kann. Zum mit Nachdruck angegangenen Ausbau der Infrastruktur in den Provinzen gehört u. a. die Einrichtung von Kulturhäusern – die architektonische Bilanz fällt eher durchwachsen aus, und auch grundsätzlich wirft dieses Vorgehen so manche Frage auf.

Text: Clemens Bomsdorf

Norwegens Schicksal ist es, auf Europalandkarten meist beschnitten zu werden. Nur wenige zeigen das Festland des nordeuropäischen Staates in seiner vollen Länge, ganz zu schweigen von den entlegenen Inselgruppen im Nordpolarmeer. Von Kristiansand im Süden bis Kirkenes im Norden des Festlandes sind es rund 3 000 Straßenkilometer und damit ein paar 100 mehr als von Flensburg bis zur Südspitze Italiens. Der bevölkerungsarme Flächenstaat hat mit seinen 4,9 Mio. Einwohner etwa 20 % weniger als Hessen. Auf einen km² kommen nur 16 Einwohner, der EU-Durchschnitt liegt bei 116, Deutschland kommt auf 230. Selbst die Nachbarn Schweden (22 Ew./km²) und Finnland (17 Ew./km²) haben eine höhere Bevölkerungsdichte.
»Anders als in Schweden oder Finnland gibt es in Norwegen eine politische Mehrheit dafür, dass die Bevölkerung übers ganze Land verteilt leben soll«, sagt Guri Mette Vestby vom Norwegischen Institut für Stadt- und Regionenforschung (NIBR). Erklärtes Ziel der seit 2004 amtierenden rot-grünen Regierung ist es, eine aktive Distrikts- und Regionalpolitik zu führen, um »Verhältnisse zu schaffen für gleichwertige Lebensbedingungen im ganzen Land und den Hauptfokus der Niederlassungsmuster aufrechtzuerhalten«, wie es in Politikernorwegisch in der aktuellen Regierungserklärung heißt. Selbst die Opposition hat dagegen nichts einzuwenden.
»Spätestens seit den 90er Jahren wird Architektur aktiv als ein Teil der Regionalpolitik genutzt«, sagt Vestby. Seither geht es nicht mehr nur darum, in der Provinz die Versorgung mit Kindergarten-, Schul- und Krankenhausplätzen zu gewährleisten, sondern diese Institutionen und auch die Stadtkerne sollen vorbildlich gestaltet sein und dadurch den ganzen Ort attraktiv machen. Dazu gehören Stadterneuerungsprojekte, institutionelle Bauten sowie natürlich der Ausbau der Verkehrswege, allen voran der Tunnelbau.
»Allerdings ist die Kompetenz in den Kommunen häufig nicht ausreichend hoch. Trotz allem scheint der Preis meist wichtiger zu sein als die architektonische Qualität«, kritisiert Harald Eriksen, Geschäftsführer von Arkitektbedriftene, des Branchenverbandes der Architekturbüros.
Gut gemeint ist noch nicht genug
Augenfälligstes Zeichen dieser Regionalpolitik sind neben dem Straßenbau die Kulturhäuser, die überall im Lande (ent)stehen. Über 100 solcher Einrichtungen sind es mittlerweile, das Gros wurde seit den 90er Jahren gebaut. Weitere werden hinzukommen, wenn die Kommunen es wollen. Sie versammeln jeweils lokale Bibliotheken, Kino-, Konzert- und Theatersäle und andere Kultureinrichtungen unter einem Dach. Doch obwohl die Architektur in der Peripherie einen hohen Stellenwert einnehmen soll, sind diese Bauten nicht immer überzeugend. In Harstad, in der Nähe der Lofoten, etwa befindet sich das lokale Kulturhaus in einer umgebauten Wurstfabrik. Das könnte spannend sein, doch hier hat man wenig getan, um die funktionelle Umwidmung auf ein architektonisch anspruchsvolles Niveau zu heben. Herausgekommen ist eine typische Mehrzweckhalle. Dass die Architektur häufig so ernst nicht genommen wird, zeigt sich auch daran, dass auf den Internetseiten der Häuser keine Bilder zu finden sind und die Architektur nicht thematisiert wird. Positives Ausnahmebeispiel ist etwa das neue Kulturhaus in Hammerfest, das wir auf den folgenden Seiten vorstellen.
Doch für die Stadtplanung in kleineren Orten könnten diese Kulturhäuser fatale Folgen haben, meint Øystein Rø. Er ist Direktor der in Berlin gegründeten und seit 2007 in Oslo ansässigen gemeinnützigen Organisation 0047, die an der Schnittstelle von Stadtplanung, Kunst und Architektur arbeitet und unter anderem das Jahr der Architektur 2011 in Norwegen organisiert. »Weil diese Bauten viele Funktionen gleichzeitig erfüllen, sorgen sie dafür, dass das Leben im Ort zentralisiert wird und die Menschen nicht auf der Straße vom Kino ins Café und dann zum Konzert laufen«, so Rø.
Die Folge: Urbanes Leben findet in den kleinen Ortskernen kaum statt. Zudem stellt er in Frage, dass die dezentrale Besiedelung Norwegens einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen mit sich bringe. Warum sollen die Menschen aufgehalten werden, wenn es sie in die Städte zieht? •