1953-55

Hochschule für Gestaltung Ulm

Auch wenn hier längst keine Studenten mehr ein und aus gehen – am Gebäude der HfG Ulm hat sich auch nach der 2014 abgeschlossenen zweiten Generalsanierung kaum etwas verändert. Selbst mit Dachdämmung, isolierverglasten Fenstern und neuen Nutzern erscheint der in den frühen Nachkriegsjahren von Max Bill entworfene Stahlbetonskelettbau so zeitlos und pragmatisch wie eh und je.

  • Architekt: Max Bill
  • Kritik: Mathias Remmele Fotos: Mathias Remmele, Sisi von Schweinitz, Ernst Hahn, Klaus Wille
Wer das HfG-Gebäude sehen will, muss »auf den Kuhberg« – eine landschaftlich reizvolle Anhöhe an der südlichen Stadtgrenze von Ulm steigen. Dort präsentiert sich der seit Ende der 70er Jahre denkmalgeschützte Hochschulkomplex als Ensemble aus flachgedeckten Sichtbeton-Baukörpern mit großzügigen fassadenbündigen Fensteröffnungen. Überaus schlicht wirkt dieser berühmte Bau, der seine Zweckbestimmung nach außen nicht sofort zu erkennen gibt.
Den vielleicht stärksten Eindruck vermittelt das Gebäude aus heutiger Perspektive durch seine Zeitbeständigkeit. Gewiss, die Sichtbetonfassade zeigt die typischen Alterungserscheinungen. Davon abgesehen aber entzieht sie sich erfolgreich einer sicheren Datierung. Wüsste man nicht, um was es sich bei diesem Komplex handelt und wann er entstand, käme man wohl kaum auf das stolze Alter von 60 Jahren. Der Architektur des HfG-Gebäudes mangelt es – zumindest von außen betrachtet – fast vollständig an Zeitkolorit. Das erklärt die überraschende Frische ihrer Erscheinung. Man darf und muss das als Ausweis außerordentlicher Qualität werten. ›
Architektur im Schatten der Institution
Die von Inge Scholl und Otl Aicher initiierte und durch die Kooperation mit Max Bill gestalterisch ausgerichtete Ulmer Hochschule hat längst einen legendären Ruf. Sie sollte einen Beitrag zum demokratischen Aufbau Deutschlands nach der Nazi-Diktatur leisten und übte dabei – völlig unbestritten und oft beschrieben – einen prägenden Einfluss auf die Entwicklung des bundesrepublikanischen Designs aus. Dem von Max Bill entworfenen, 1953-55 errichteten Hochschulgebäude blieb trotz aller Wertschätzung eine vergleichbare Bedeutung versagt. Anders als etwa das Bauhaus in Dessau, das auch aufgrund seiner Architektur ikonischen Charakter hat, stand und steht das HfG- Gebäude bis heute immer im Schatten der Institution. Nüchtern-funktional bis hin zur Sprödigkeit verweigert es sich konsequent jeder Repräsentativität. Das war durchaus im Sinn der Hochschul-Initiatoren, die nach den Erfahrungen der Nazi-Zeit und in strikter Abgrenzung davon, jede Form von Pathos radikal ablehnten.
Bei der Konzeption der Hochschule wurde bewusst (und mit dem Segen von Altmeister Gropius) an das Modell des Bauhauses angeknüpft. Das sollte nicht zuletzt in der Architektur des Gebäudes zum Ausdruck kommen, das gleichsam ein Bekenntnis zur funktionalistischen Moderne kommunizierte. Vorbild bzw. Inspirationsquelle für das Ulmer Schulgebäude war aber weniger das Dessauer Bauhaus, als vielmehr eine andere, weit weniger bekannte Bauhaus-Architektur: die in der Nähe von Bernau bei Berlin gelegene Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, die der Schweizer Bauhaus-Direktor Hannes Meyer just zu der Zeit entwarf als Max Bill gerade in Dessau studierte. Von Meyer übernahm Bill nicht nur den formalen Purismus. Auch in der städtebaulichen Gliederung des Schulkomplexes und in seiner bemerkenswert gut gelungenen Einpassung in die Landschaft gibt es augenfällige Parallelen zwischen den beiden Projekten.
»Programm wird Bau« – unter diesem Motto wurde die Baugeschichte der Ulmer HfG geschrieben. Mit Recht, denn der Entwurf des Schulgebäudes, an dem Otl Aicher wohl einen wesentlichen Anteil hatte, war durch und durch programmatisch. Er war zugleich aber auch hochgradig pragmatisch. Die Kargheit des in Stahlbetonskelettbauweise errichteten Gebäudes verweist nicht nur auf gestalterische Ideale, sondern ist wesentlich durch die sehr knapp bemessenen finanziellen Mittel bedingt, die dafür nur wenige Jahre nach dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs zur Verfügung standen. ›
Wechselnde Nutzer nach Schliessung der HfG 1968
Die für die sehr überschaubare Zahl von rund 150 Studierenden geplante Hochschule umfasste ursprünglich Werkstätten, Unterrichtsräume, Bibliothek, Verwaltung, Aula und Mensa (inklusive der für den Betrieb notwendigen Funktionsräume), daneben noch Ateliers und Studentenwohnheime sowie separate Lehrerhäuser. Vieles davon ist – obwohl das Gebäude nur 13 Jahre seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß genutzt wurde – bis heute weitgehend unverändert erhalten. Als die HfG nach Streichung von Landeszuschüssen den Lehrbetrieb 1968 einstellen musste, stand die Schule zunächst einige Jahre leer. 1974 zog dann die Universität Ulm mit den Abteilungen Psychotherapie und psychosomatische Medizin als Mieterin ein. Die Umnutzung machte Umbauten notwendig, die v. a. den ehemaligen Werkstatttrakt betrafen, der eine deutlich kleinteiligere Struktur erhielt.
Nach dem Auszug der Universität vor fünf Jahren war die Stiftung HfG Ulm als Eigentümerin des Gebäudes gezwungen, ein neues, finanziell tragfähiges und dem Baudenkmal entsprechendes Nutzungskonzept zu erarbeiten. Resultat war das mittlerweile umgesetzte Drei-Säulen-Modell. Ankermieter ist heute das von der Stadt Ulm getragene HfG-Archiv, das einen erheblichen Teil des Werkstatttrakts einnimmt und dort auch über Ausstellungsflächen verfügt. Die zweite Säule sind gewerbliche Mieter, deren Tätigkeit einen Bezug zum Thema Gestaltung erkennen lässt. Dafür stehen Flächen verschiedener Größe im Werkstatt- sowie im Unterrichts- und Verwaltungstrakt zur Verfügung. Die dritte Säule bilden Räumlichkeiten, die für Tagungen und Feierlichkeiten (auch privater Natur) temporär vermietet werden – so etwa die Aula, die Mensa oder der original erhaltene kleine Hörsaal.
Authentizität durch Pragmatismus
Das HfG-Gebäude hat seit seiner Fertigstellung zwei Sanierungsphasen durchlebt. Für die erste im Jahr 1976 zeichnete der Architekt Fred Hochstrasser verantwortlich, der beim Bau der Schule einst die Bauleitung innegehabt hatte. Den Kritikern seiner Eingriffe in die ursprüngliche Struktur des Gebäudes, die er mit veränderten Nutzungsansprüchen erklären konnte, hielt er den bemerkenswerten Satz entgegen: »Mit Ideologie können Sie kein Gebäude erhalten.«
Die zweite Sanierungsphase, die 2009 begann und im Frühjahr 2014 abgeschlossen wurde, stand unter der Leitung von Adrian Hochstrasser, einem Sohn von Fred Hochstrasser. In enger Absprache mit der Denkmalbehörde hat er diese Aufgabe souverän gelöst. Dabei gelang es ihm, unvermeidbare bauliche Eingriffe – wie etwa die Schaffung eines Eingangsbereichs für das Archiv oder den Einbau eines Besucheraufzugs – dem Bestand stilistisch anzupassen und zugleich als heutige Ergänzung kenntlich zu machen. Zur notwendigen energetischen Ertüchtigung wurden die Dächer gedämmt und das Fensterglas erneuert (auf weitergehende Dämmungen wurde aus Denkmalschutzgründen verzichtet). Der Einbau von bläulich schimmernden Thermoglasscheiben, die der sommerlichen Überhitzung der Innenräume vorbeugen – ein chronisches Problem des Bill-Gebäudes – hat zwischenzeitlich für erheblichen Wirbel gesorgt. Assistiert von einem ehemaligen Direktor des Dessauer Bauhauses schlugen HfG-Veteranen, die das architektonische Erbe in Gefahr wähnten, in schrillen Tönen Alarm. Nach dem Einbau dieser Fenstergläser haben sich die Wogen schnell geglättet. Das Gebäude mag in seiner Erscheinung geringfügig verändert sein, der Denkmalwert ist dadurch allenfalls marginal gemindert. Pragmatismus hat eben Tradition in Ulm. •
Standort: Am Hochsträß 10, 89081 Ulm

… in die Jahre gekommen (S. 44)
Mathias Remmele
1963 geboren. Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin und Wien. Freier Journalist, seit 1999 Gastkurator am Vitra Design Museum. Veröffentlichungen über Design und Architektur. Seit 2000 Dozent für Design-, Architektur- und Kulturgeschichte an der HGK Basel.