Temporäres Ausstellungsgebäude in Walldorf

Am Anfang war die Lochkarte

Das polygonale Ausstellungsgebäude im Hof der SAP-Hauptverwaltung inszeniert Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Softwarekonzerns. Interaktive Medieninstallationen versorgen die Besucher auf spielerische Art mit zeitgeschichtlichen Informationen und regen zum Nachdenken an. Das konzeptionell wie gestalterisch einleuchtende Konzept ging auf, der in Leichtbauweise erstellte Pavillon darf länger stehen bleiben als geplant.

  • Architekten: SCOPE office for architecture Tragwerksplanung: Ingenieurbüro von Fragstein
  • Kritik: Iris Darstein-Ebner Fotos: Zooey Braun
1972: Fünf IBM-Mitarbeiter geben ihre sicheren Karrieren auf, um gemeinsam eine Vision zu verwirklichen. Als »Systemanalyse und Programmentwicklung GbR« wollen sie Standardsoftware erschaffen, die von vielen Unternehmen genutzt werden kann, um in Echtzeit auf Geschäftsdaten zuzugreifen, Aufträge zu bearbeiten und Warenbestände zu analysieren. Eine Revolution! 40 Jahre später feiert der Weltkonzern SAP diesen wahr gewordenen deutschen Traum und seinen Erfolg mit einem Geburtstagsfest der besonderen Art: Eine interaktive Ausstellung lädt die ganze Welt zum Mitmachen ein und begeistert durch ihre kreative gestalterische Umsetzung und modernste Technik.
Die 27 Bauten des Softwareriesen SAP im autobahnumtosten Industriegebiet Walldorf-Wiesloch wirken eher funktional als repräsentativ – auch das »Gebäude 1« im Herzen des Campus‘, in dem Kunden zum Gespräch geladen werden und sich Mitarbeiter im Casino neben dem Foyer treffen. Ein Anzeigenband verrät den aktuellen Börsenstand der Konzernaktie, dahinter ist ein verglaster Innenhof einsehbar. Wasserläufe durchziehen diesen »Raum der Stille«, doch die Sicht auf sie ist versperrt, seit dort im Mai 2012 ein imposantes »Raumschiff« landete.
»Celebrating 40 years of future« – mit dieser überraschend futuristischen Raum-in-Raum-Installation bittet SAP hinter der nüchternen Front der Konzernzentrale zu einer Zeitreise von der Vergangenheit in die Gegenwart des Unternehmens und weiter bis in die Zukunft unserer ganzen Welt.
Entwurf und Innenraumgestaltung des temporären Pavillons stammen vom Stuttgarter Büro SCOPE. Medienkünstler von ARS electronica aus Linz und die Düsseldorfer Kommunikationsagentur EURO RSCG teilten sich die Bereiche Konzepterstellung, Interaktionsdesign, Software und technische Realisierung – wobei die Gestaltung und das Aufbereiten der Inhalte ganz bei den Rheinländern lag. In intensiven sechs Monaten nahm das Projekt Gestalt an.
Für die eigenwillige Hülle der Ausstellung ließen die Architekten zwei polygonale Körper gegenläufig miteinander verschmelzen. Der niedrigere, schwarze Baukörper durchdringt als Gangway frech die Foyerfassade, als wolle er möglichst viele Passanten in sein Inneres saugen. Seitlich schafft er verborgenen Platz für die Technik. Ein weißer, fensterloser Bau ragt daraus empor, er beherbergt den Raum für die drei Themenbereiche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Beide Elemente wurden aus vorgefertigten Massivholzwänden konstruiert und in zwei Nachtaktionen auf reversible Fundamente gestellt. Der Pavillon scheint über der Zen-Anlage zu schweben, bereit jeden Moment wieder abzuheben. Was schade wäre, bringt er doch einen Hauch von Glamour ins sachliche Ambiente der Zahlenwelt von SAP. ›
Belebte Szenografie
Der Besucher betritt den Pavillon über die Stufen der schmalen Gangway auf goldgelbem, hochflorigem Teppichboden, der Stimmen dämpft und Geräusche schluckt. Er taucht aus dem belebten Foyer in den introvertierten Bereich der Ausstellung ein, und eine fast festliche Stimmung breitet sich aus. Begleitet durch die indirekte Beleuchtung verdeckter Lichtschienen, die der Szenerie eine ätherische Leichtigkeit verleiht, passiert er in die Fassade eingelassene Bullaugen – die kreative Übersetzung des Ausstellungsmottos in den Code der Lochkarte.
Eine Wolke Kugel-Leuchten im Retro-Stil – Tom Dixons »Copper Shade« – stimmt auf 1972 ein, das Jahr 0 der SAP-Zeitrechnung. Mit Schwarz, Weiß und gedecktem Gelb wurden die Konzernfarben gekonnt in die Gestaltung des Pavillons transferiert. An der Schnittstelle der beiden Baukörper markiert die Aufweitung der Decke nach oben den Übergang in den zentralen Hauptraum. Mittig darin steht eine Skulptur, im Grundriss einem dreiflügeligen Paddel ähnlich. Sie teilt die rund 200 m² große Fläche in drei ineinander fließende Zonen und bietet zugleich vertikale Präsentationsflächen. An einem Empfangstresen begrüßen Hostessen den Besucher und erläutern ihm Funktionen und Wegrichtung des Parcours. Beides erklärt sich nicht auf Anhieb und manch einer braucht Anleitung im Umgang mit der multimedialen Technik.
Entlang eines Blackboards wird die Historie des Softwareunternehmens erzählt. Grafisch ansprechend reihen sich mithilfe von Texten, Fotos, Filmen und Exponaten die »Meilensteine der Inspiration« in ihren geschichtlichen und kulturellen Kontext ein. Parallel dazu klettert die Erfolgskurve der Firma munter durch die Jahrzehnte nach oben – stets in Korrelation mit der Markteinführung bekannter SAP-Produkte.
Auf einem interaktiven Tisch lassen sich Geschichten aus dem Firmenarchiv mittels kodierter Postkarten abrufen: Karte auf das Lesefeld legen, und es erscheinen, ausgeschüttet wie aus einem Karton, Fotos, die man nach Herzenslust mit dem Finger hin und her schieben, vergrößern und verkleinern kann. Ein Touch und Lautsprecher erzählen die passende Geschichte dazu … für jeden im Pavillon hörbar. Zur frühen Stunde, wenn nur wenige Besucher anwesend sind, stört das nicht weiter. Doch was, wenn hier mehrere Gäste gleichzeitig durch die Zeit reisen?! Weder Teppichboden noch Akustikdecke sind ›
› in der Lage, dem Geräuschpegel aus unterschiedlichen Quellen entgegenzutreten – was das hemmungslose Ausprobieren deutlich zügelt. Alternativ war über sogenannte »Sound-Duschen« nachgedacht worden, die über einen Parabolspiegel den Ton auf einzelne Zuhörer hätten konzentrieren können. Doch diese Technik war aus Platzgründen nicht umzusetzen.
Eine »Welt der Inspiration« verspricht der Themenbereich »Gegenwart«. Die riesige Satellitenprojektion der Erde in Echtzeit (!) vor schwarzem Screen, unter schwarzer Decke und auf schwarzem Boden macht die Illusion, im All gelandet zu sein, perfekt. In einem Netz um die Weltkugel schweben die Konterfeis von Personen aus Politik und Wirtschaft, von Kunden und Mitarbeitern, darauf wartend, ihren Geburtstagsgruß an SAP richten zu dürfen. Mit vollem Körpereinsatz kann nun via Gestensteuerung und begleitet von sphärischen Klängen der Globus gedreht, können die Personen durcheinandergewirbelt oder durch Verweilen der Hand in der Luft zum Sprechen gebracht werden. Wisch und weiter: Eine Technik, die bereits bei der Steuerung interaktiver Videospiele Verwendung findet und jüngeren Gästen vertraut sein dürfte. Da die Projektionsgeräte und Bewegungssensoren nicht versteckt, sondern sichtbar an Schienen unter der Decke befestigt sind, erschließt sich auch weniger Geübten die technische Spielerei, die – Hand aufs Herz – mehr fasziniert, als die meisten der hier abrufbaren Glückwünsche.
»Money makes the world go round« … Unsanft landet der Besucher wieder auf dem Boden der Realität, wenn ihm vor dem nächsten Flatscreen – diesmal diskret über Kopfhörer – harte Daten und Fakten zugeflüstert werden, die den Einfluss des Konzerns auf die Wirtschaft verdeutlichen. Eine, neben dem gerade erlebten lebendigen Mitmach-Instrument, schon konservativ anmutende Art der Inhaltsvermittlung. Und dann endlich wird es Zeit, einen Blick in die Zukunft zu wagen. »Warum können viele Kinder nicht zur Schule gehen?«, »Wie viele Menschen können auf der Erde leben?«, fragen Kinder aus aller Welt per Video im dritten Themenabschnitt. Auch hier können via Gestensteuerung gezielt Fragen und Antworten ausgewählt und per Handzeichen abgespielt werden, während man sich gemütlich auf einer gepolsterten Bank niederlässt. Es sind die drängenden Fragen unserer Zeit, die den Bereich »Zukunft« interessant machen – nicht die Antworten. Denn diese gehen oft am Kern der Sache vorbei, rücken eher das soziale Engagement oder die Umweltfreundlichkeit des antwortenden Unternehmens in den Vordergrund. Doch jeder, der möchte, kann seine eigene Antwort gleichberechtigt neben die der anderen setzen. Per Internet oder vor Ort mittels Digital Pen können Botschaften niedergeschrieben und innerhalb weniger Sekunden ins System eingelesen werden. SAP erhofft sich von dem Feedback Impulse für das Gestalten einer besseren Welt. Ein großer Gewinn, wenn dies gelingen könnte!
Die Zeitreise hat Spaß gemacht, gerade weil sie abweicht von bekannten Ausstellungskonzepten und vielmehr beispielhaft die Möglichkeiten lebendigen Marketings und effektiver Selbstinszenierung zeigt. Mit Unterstützung von stimmiger Architektur, spannender Rauminszenierung und hochmoderner Technik kann sich SAP ebenso sympathisch wie potent präsentieren. Einen ganz praktischen Erfolg kann der Pavillon außerdem vorweisen: In Walldorf will man künftig nicht auf ihn verzichten. Und auch wenn noch nicht klar ist, wofür und als was er genutzt werden wird, so steht doch eines fest: Aus dem Raumschiff wird eine Raumstation. Was kann einem temporären Bauwerk Besseres widerfahren? •
  • Standort: Dietmar-Hopp-Allee 16, 69190 Walldorf Bauherr: SAP AG, Walldorf Architekten: SCOPE office for architecture, Stuttgart Bearbeiter: Oliver Kettenhofen, Mike Herud Tragwerksplanung: Ingenieurbüro von Fragstein, Landau HLS-Planung: Zimmermann und Partner, Walldorf Elektroplanung: K + P GmbH, Karlsruhe Akustik/Bauphysik: GN Bauphysik, Stuttgart Kommunikationsdesign: Euro RSCG, Düsseldorf Mediengestaltung: ARS Electronica, Linz BGF: 220 m² BRI: ca. 770 m³ Baukosten: keine Angabe Bauzeit: Februar bis Mai 2012
  • Beteiligte Firmen: Holzbau, Holzfassade: Holzbau Koppert, Walldorf, www.holzbau-koppert.de Schreinerarbeiten: Wilhelm Winnes, Walldorf, www.holzbau-koppert.de Holzbauelemente: Metsä Wood, Bremen, www.holzbau-koppert.de PU-Abdichtung: Meyer Bauabdichtung, Waiblingen, www.holzbau-koppert.de Teppichboden: (silky seal) Object Carpet, Denkendorf, www.holzbau-koppert.de Holzfaserplatten: Glunz, Meppen, www.holzbau-koppert.de Theke: (Hi-Macs) LG Hausys, Petit-Lancy, www.holzbau-koppert.de Polsterung/Bezugsstoff: Kvadrat, Bad Homburg, www.holzbau-koppert.de Leuchten: Tom Dixon, London, www.holzbau-koppert.de; XAL, Graz, www.holzbau-koppert.de; Tobias Grau, Rellingen, www.holzbau-koppert.de
  • 1 Foyer
  • 2 Zugang
  • 3 »Vergangenheit«
  • 4 »Gegenwart«
  • 5 »Zukunft«
  • 6 Technik

Walldorf (S. 26)

SCOPE office for architecture
Mike Herud
1979 in Zweibrücken geboren. 1996-99 Ausbildung zum Zimmerer, 2001-07 Architekturstudium an der FH Kaiserslautern. 2003-04 Mitarbeit bei UNStudio, Amsterdam. 2007-10 Mitarbeit bei Prof. Wolfgang Kergaßner als Projektleiter. 2010 Gründung von SCOPE office for architecture mit Oliver Kettenhofen.
Oliver Kettenhofen
1977 in Berlin geboren. 1994-96 Ausbildung zum Schreiner, 1999-2005 Architekturstudium an der FH Kaiserslautern. 2001 Studium an der Universidade Técnica de Lisboa. 2003-09 Mitarbeit bei Prof. Wolfgang Kergaßner als Projektleiter. Seit 2009 eigenes Architekturbüro. 2010 Gründung von SCOPE office for architecture mit Mike Herud.
Iris Darstein-Ebner
1967 geboren. 1994 Architektur-Diplom in Karlsruhe. Mitarbeit in Architekturbüros. 1996-2011 Tätigkeit als Fachzeitschriften- und Fachbuch-Redakteurin u. a. bei AIT, xia intelligente architektur und kraemerverlag Stuttgart. Seit 2011 Text und Gestaltung für Architekturkommunikation in Fachzeitschriften. Fachbücher, Öffentlichkeitsarbeit für Architekten. Lebt in Stuttgart.