Vom Bogen zur Rolle – die Geschichte der Tapete

Kunst oder Dekoration?

Ist das Kunst oder kann das weg? Diese legendäre Banausenfrage stellt sich bisweilen auch bei der Sanierung von Innenräumen. Alte Tapeten haben dabei häufig einen schweren Stand – ihre historische Bedeutung für die Baukultur wird immer wieder unterschätzt.

Jede Tapete hat zwei Seiten – auch geschichtlich betrachtet. Die Exemplare aus der jüngeren Vergangenheit – so etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts – begründeten durch ihre Vielfalt und Praktikabilität den Siegeszug durch die europäischen Villen und Wohnhäuser, ausgelöst von den Möglichkeiten der industriellen Fertigung. Entsprechend schnelllebig und wenig kunstvoll waren die Bildmotive und Muster, weshalb die Tapete der Neuzeit bei Architektur- und Designkritikern bis heute kaum Anerkennung findet – es sei denn, Künstler oder namhafte Designer verewigten sich auf dem bedruckten Wandschmuck.
Bevor das Zeitalter von Dampfmaschine und Rollendruck angebrochen war, gestaltete sich die Herstellung von Papiertapeten in den kleinen Manufakturen weitaus aufwendiger und zeitraubender. Handgemalte chinesische Tapeten oder erlesene englische Velourstapeten galten als wertvolle Kunstobjekte, die den prachtvollen Wandbespannungen aus Seidendamast nicht nachstanden und nur in den repräsentativen Räumlichkeiten des Adels oder des gut betuchten Bürgertums die Wände verzierten. Genau an diesem Punkt scheiden sich bis heute die Geister: Darf eine Tapete andere Materialien nachahmen? Wie täuschend echt sollen die Muster und Dekore sein? Sind dreidimensionale Effekte noch hinnehmbar oder beginnt spätestens hier der Kitsch?

Herstellung von Tapeten – ein verkanntes Kunsthandwerk

Die Wertigkeit der Wandtapete erlebte mit dem Wandel der Zeit und den sich ändernden Herstellungsprozessen Höhen und Tiefen. Anders als bei Möbeln oder Leuchten, deren Design ebenfalls den Stilwandel klar ablesbar dokumentiert, fehlt es bei den offenbar weniger geschätzten Tapeten an Anschauungsmaterial aus frühen Epochen, weshalb sich heute schwer sagen lässt, wann und wie genau sich der Wand- und Deckenschmuck aus gemustertem Papier neben der textilen Wandbespannung zu etablieren begann. Vermutlich kamen die ersten Einzelbogen-Papiere gegen Ende des 15. Jahrhunderts auf und waren keine eigenständige Gattung zur Ausschmückung der Räume. Gemusterte Papiere nutzte man damals auch, um verschiedene Gegenstände und Behältnisse im Haus zu verzieren. Jedoch wurden alle frühen Buntpapiere als kleine Papierbogen, sogenannte Dominotiers oder Domino-Papiere, hergestellt, die allerdings nicht immer aneinandergefügt wurden, um ein durchgehendes Muster zu bilden. Papier war zu jener Zeit ein teurer Handelsartikel und seine Herstellung galt als hohe handwerkliche Kunst, war aber schon damals als Zierrat sehr beliebt.

Vom Einzelbogen zum Rollendruck

Erst die Kombination von Papierherstellung und Druck schuf die Voraussetzung für frühe Serienfertigungen. Die ersten derart bedruckten Papiere aus dem 16. Jahrhundert fanden ihren Markt vor allem in Deutschland, Norditalien und den Niederlanden – Frankreich spielte eher eine Nebenrolle. Dort setzte man bis ins 19. Jahrhundert hinein auf den Druck von Einzelbögen, während sich in England bereits um 1700 eine eigenständige Tapetenindustrie herausbildete, bei der die Einzelbogenfertigung kaum mehr eine Rolle spielte. Das Ende der Manufakturen um 1785 markiert zugleich das endgültige Geburtsjahr der Tapete – einer der Pioniere, die Tapetenrollen erstmals am Stück bedruckten, war der Franzose Jean-Baptiste Réveillon, von dem übrigens auch die bemalten Tapetenbahnen für den ersten Heißluftballon der Gebrüder Montgolfier stammten.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts kamen in England erste raumhohe Tapetenbahnen auf, die aus zusammengeleimten, handgeschöpften Papierbahnen bestanden. Daneben entwickelte sich eine immer weiter ausgefeilte Handdrucktechnik. Handbemalt oder mit Schablonen und Holzmodeln bedruckt, entstand allmählich eine große Vielfalt an Dessins. Den Höhepunkt der Entwicklung bildeten schließlich die Panoramatapeten. Auf bis zu 32 Tapetenbahnen, die allesamt mit Holzmodeln bedruckt wurden, zeigten sie imposante Kriegsschauplätze, ausgewählte Stadtansichten und farbenfrohe Landschaften.
Die Erfindung des Rundschöpfsiebes machte um 1830 die Herstellung von Endlospapier möglich. Der erste Schritt zur industriellen Produktion der Tapete war damit vollzogen. Die anfangs noch dampfbetriebenen Maschinen des Rotationsdrucks ermöglichten nicht nur eine Produktionssteigerung, sondern auch günstigere Preise. Die Herstellung der Walzen gestaltete sich jedoch noch kunsthandwerklich und wenig rational: Die massiven Holzwalzen wurden von Formstechern kunstvoll mit Metallstegen bestückt und größere Farbflächen mit Filz ausgefüllt. Erst die Einführung des Nacheinanderdrucks einzelner Farben auf modernen sogenannten Schnell-Läufern machte die Tapetenherstellung schließlich effizient und flexibel.

Alte Schätze: Konservieren oder freilegen?

Wer bei einer Sanierung auf alte Papiertapeten stößt, sollte sie umgehend fotografieren sowie die Maße, das Muster, die Papierart und den Fundort dokumentieren. Eine Untersuchung der Fasern und Farben im Labor kann weiteren Aufschluss über den historischen Wert der Tapete geben. Soll die alte Papiertapete überdeckt werden, sollte man sie zuvor mit einem dünnen Japanpapier versehen, über das dann wiederum ein Isolierpapier von guter Qualität zu kleben ist. Falls man sich dazu entscheidet, die alte Tapete als Wandschmuck zu belassen, kann man sie mit einem feinborstigen Pinsel trocken säubern, um Staub und losen Schmutz zu entfernen. Hierbei ist Sensibilität gefragt, denn beispielsweise handgedruckte Papiertapeten aus dem 18. Jahrhundert reagieren sehr empfindlich auf mechanische Belastungen. Da es sich nicht immer auf den ersten Blick erschließt, wie wertvoll der Fund ist und wie man damit am besten umgeht, empfiehlt es sich, für die Untersuchung, Beratung und Pflege einen erfahrenen Tapetenkonservator mit einzubeziehen.

Autor: Klaus Siegele


Literatur und weiterführende Informationen
[1] Hoskins, Lesley: Die Kunst der Tapete, 1994, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
[2] Olligs, Heinrich: Tapeten. Ihre Geschichte bis zur Gegenwart, 3 Bände, 1970, Klinkhardt & Biermann Braunschweig
[3] Abrahams, Charlotte: Tapete. Trends, Dessins und Wohnideen, 2009, Callwey Verlag München
[4] Deutsches Tapetenmuseum, Kassel, www.museum-kassel.de (derzeit wegen Umbau- und Sanierungsarbeiten geschlossen)
[5] Deutsches Tapeten-Institut GmbH, Frankfurt/Main, www.tapeten-institut.de


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