Ehemaliger Bauernhof in Berlens (CH)

Neue Mitte

Ortskern belebt: Ein alter Bauernhof in der Nähe von Fribourg nimmt heute sechs Wohnungen auf. Die Scheunendurchfahrt avancierte zum großzügigen Erschließungsraum und kommunikativen Zentrum für die Nutzer, wie es in einem Neubau nie entstanden wäre.

Das Dorf Berlens liegt abseits der Hauptstraßen, etwa 25 Kilometer südwestlich von Fribourg im gleichnamigen Schweizer Kanton. Trotz einiger Wohnhäuser der letzten Jahrzehnte ist das Gros der Bebauung noch von der agrarischen Tradition der Gegend geprägt. Typisch sind langgestreckte traufständige Gebäude mit Wohn- und Ökonomieteil unter einem Dach. Ein charakteristisches Beispiel für diese Bauart findet sich direkt neben der alten Dorfkirche.

Der Bauernhof, der aus dem Jahr 1793 stammt und dessen Wohnteil nicht wie sonst in Holz, sondern in Stein ausgeführt ist, war im Laufe der Zeit durch Um- und Anbauten erweitert und entstellt worden. Als die Eigentümer sich dazu entschieden, das Gebäude zum Mehrfamilienhaus umzubauen, fiel die Entscheidung, das Volumen auf seine ursprüngliche Gestalt zurückzuführen. Ausschlaggebend hierfür war ein Gutachten der kantonalen Denkmalpflege, demzufolge Fassade und Dach sowie primäre Tragstruktur, darüber hinaus aber auch die Stellung des Volumens in seiner unmittelbaren Umgebung als wirkungsbestimmende und daher zu rekonstruierende Faktoren eingestuft wurden. Maud Collomb, Projektleiterin des Büros MHPM architectes aus Fribourg, spricht von der Wiedereingliederung des historischen Bauernhofs in das Dorfbild als Ziel ihrer Intervention.

Der Wirtschaftsteil wurde zunächst von den das Volumen verunklärenden Anbauten befreit und dann bis auf die Primärstruktur von Tragwerk und Dachstuhl zurückgebaut. Diese Konstruktion, während der Umbauphase temporär abgestützt, ruht neu auf einem EG-Sockel aus gesandstrahltem Beton. Die rohe Materialität findet ihre Entsprechung in den sägerohen Brettern der Fassaden des OGs und der südwestlichen Stirnseite. Im Zuge des Umbaus gelang es, insgesamt sechs Wohnungen in der Gebäudehülle unterzubringen: zwei eingeschossige im EG mit jeweils 2 ½ Zimmern und vier Maisonetten, die sich vom OG ins neu ausgebauten Dach erstrecken, mit je 3 ½ Zimmern. Abgesehen von der Einheit im alten steinernen Wohnteil erfolgt die Erschließung durch die ehemalige Stalldurchfahrt. Bis unter den Dachstuhl ist hier gleichsam ein kommunikatives Zentrum des Hauses entstanden, von dem aus man im OG die vier Maisonetten betritt. Durch die Großzügigkeit dieses Raums wird eine Charakteristik der ehemaligen Stallscheune bewahrt, nämlich ihr Oszillieren zwischen Innen- und Außenraum. In den Wohnungen mussten Teile der Dachkonstruktion aufgrund der nötigen Dämmung verkleidet werden. Doch viele Träger und Balken sind sichtbar geblieben und heben sich wirkungsvoll vom Weiß und von der hellen Holzfarbe der neuen Raum- und Wandstruktur ab.

~Hubertus Adam