Atlas Building der TU Eindhoven (NL)

Neu aufgestellt

In Eindhoven ist das Hauptgebäude der Technischen Universität tiefgreifend umgebaut worden. Das Büro Team V Architecture hat den monumentalen Stahlbetonkoloss aus den 60er Jahren zu einem der energieeffizientesten Lehrgebäude weltweit transformiert.

Architekten: Team V Architecture
Tragwerksplanung: Van Rossum

Text: Robert Uhde
Fotos: Jannes Linders, Egbert de Boer

Die rund 220 000 Einwohner zählende Stadt Eindhoven im Süden der Niederlande ist international v. a. als Ursprungsort und langjähriger Hauptsitz des Elektronikkonzerns Philips bekannt. Nicht zuletzt diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass hier 1956 die TU Eindhoven (TU/e) als zweite Technische Universität des Landes eröffnet und seitdem kontinuierlich erweitert wurde. Rund 11 000 Studierende besuchen gegenwärtig Veranstaltungen in neun Fakultäten, darunter Architektur, Elektrotechnik und Maschinenbau. Inzwischen wird der bislang eher geschlossene Campus nach 60-jährigem Bestehen schrittweise zu einem offenen Wissenschaftspark umgestaltet. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählt dabei die vor wenigen Monaten abgeschlossene Modernisierung des 1963 fertiggestellten »Atlas Building«, das seinerzeit ebenso wie der Masterplan für den Campus und mehrere andere Gebäude vom Architekten Sam van Embden geplant worden war.

Der Bestandsbau beeindruckt mit gewaltigen Abmessungen: Insgesamt 170 m lang, 20 m breit und 40 m hoch, war er im Stil des Nachkriegsfunktionalismus als zwölfgeschossige Stahlbetonkonstruktion errichtet und mit einer gläsernen Vorhangfassade bekleidet worden. Mächtige Stahlbetonstützen wuchten das aufgeständerte Hauptvolumen nach oben. Zuletzt entsprach das Bauwerk aber weder funktional noch energetisch den Anforderungen, die heute an ein modernes Lehrgebäude gestellt werden. Aufgrund seines architekturhistorischen Wertes für die Universität entschieden die Verantwortlichen dennoch, es nicht abzubrechen, sondern die vorhandene Bausubstanz zu modernisieren und energetisch zu ertüchtigen. Nach Abschluss der Umbaumaßnahmen beherbergt das Atlas Building nun Hörsäle und Lernbereiche für die Fakultäten Industrial Design und Industrial Engineering & Innovation Sciences, hinzu kommen eine Kantine, mehrere Ausstellungsräume sowie Arbeitsbereiche für mehrere Serviceabteilungen und den Vorstand.

Ganzheitliche Planung

Nach einer internationalen Ausschreibung für die Planung und Umsetzung des Projektes ging der Auftrag im Jahr 2015 an das Team RSV – eine projektspezifische Kooperation der Unternehmen Van Rossum (Tragwerksplanung), Valstar Simonis (Gebäudetechnik), Peutz (Bauphysik) und Team V (Architektur). Ausgehend von den Vorgaben des Bauherrn hatten die Planer die Idee entwickelt, den Bestandsriegel bis auf das Stahlbetontragwerk, die Stahlkonstruktion der Fassaden und die Zwischenflure zurückzubauen. Die bestehende vorgehängte Fassade bekam jetzt eine elegant profilierte, dabei dreifach verglaste Nachfolgerin im gleichen Raster: »Die neue Hülle ist so konzipiert, dass sie mit ihrer hocheffizienten Dreifachverglasung tagsüber die Wärme abhält und nachts zusätzliche Isolierung bietet«, erklärt Projektarchitektin Do Janne Vermeulen das Konzept.

Sichtbares Tragwerk

 

Erhalten blieb beim Umbau das Stahlbetontragwerk und die Stahlkonstruktion. Die Seminarräume lassen sich via Handy-App reservieren und anschließend hinsichtlich Lichtverhältnissen und Temperatur anpassen.

 

Bild: Jannes Linders

 

Zusätzlichen Wärmeschutz bieten die innenliegenden Rollos mit ihrer hochreflektierenden Aluminiumbeschichtung. »In den Sommernächten klappen die raumhohen Fenster automatisch nach außen, um das Gebäude zu kühlen und auf natürliche Weise zu lüften«, so Do Janne Vermeulen. Hinzu kommt ein von der gesamten TU/e genutzter Grundwasserspeicher, mit dessen Hilfe thermische Spitzen abgepuffert werden können. Eine auf dem Dach integrierte Photovoltaikanlage deckt mit einem erwarteten jährlichen Ertrag von 500 000 kWh rund ein Viertel des Strombedarfs.

Verbindungen gestärkt

Parallel dazu wurde der pavillonartige Sockelbau wieder geöffnet. Ursprünglich mit Glas und Glasbausteinen gestaltet, war er 1990 mit Fassadenpaneelen aus Holz bekleidet worden, bildet nun aber mit großen Glasflächen wieder einen ebenso repräsentativen wie einladenden Zugang zum Gebäude sowie zum gesamten Campus. Auch die auf beiden Längsseiten in Höhe des 1. OGs frei auskragenden Brücken wurden im Zuge des Umbaus saniert. Sie ermöglichen eine direkte Verbindung zum westlich angrenzenden Auditorium sowie zu der weiter östlich gelegenen Bibliothek.

Im Innenraum betreten Studierende und Lehrende zunächst die zweigeschossige, nun wieder komplett geöffnete Halle unterhalb des aufgeständerten Gebäuderiegels. Nach wie vor prägt dessen kraftvoll facettierte Bodenunterseite den Raum – gemeiGemeinsam mit den Forschern des Intelligent Lighting Instituts der TU Eindhoven ist es den Architekten gelungen, den Energiebedarf für die Beleuchtung drastisch zu senkennsam mit den Stahlbetonpfeilern, die sich expressiv nach unten verjüngen. Hinzugekommen ist die neu gestaltete Haupttreppe mit Brüstungen aus außen leuchtend rot lackiertem Stahl und innen dunklem Bambus. Sie läuft vom EG bis unters Dach und wechselt dabei immer wieder die Laufrichtung. »Die Treppe verbindet die verschiedenen Funktionen des Gebäudes miteinander und soll dabei den interdisziplinären Austausch fördern«, beschreibt Do Janne Vermeulen die Idee ihres Büros. »Um die strukturellen Eingriffe in den Bestand dabei so gering wie möglich zu halten, haben wir die Treppe ganz bewusst so angeordnet, dass sie in weiten Teilen in den vorhandenen Deckendurchbrüchen verläuft.«

Das Atlas Building als »Living Lab«

Um die hohen Ambitionen der Universität in Bezug auf einen nachhaltigen Betrieb des Gebäudes umsetzen zu können, arbeiteten die Planer bei der Konzeption der Haustechnik auch eng mit den Forschern des Intelligent Lighting Institute der TU/e zusammen. Ausgangspunkt ist der hohe Tageslichtquotient der Innenräume. Dank der gläsernen Vorhangfassade liegt er fast durchgehend bei mehr als 2 % und trägt dazu bei, dass das gesamte Gebäude mit einer smarten und effizienten LED-Beleuchtung mit bewusst niedriger Standardlichtstärke ausgestattet werden konnte. Sie bietet auch bei schlechten Außenlichtverhältnissen eine optimale Beleuchtung für unterschiedlichste Anforderungsprofile. Der Energieverbrauch in Sachen Licht sank dadurch um 40-60 %.

Living Lab

 

Gemeinsam mit den Forschern des Intelligent Lighting Instituts der TU Eindhoven ist es den Architekten gelungen, den Energiebedarf für die Beleuchtung drastisch zu senken. Auf Wunsch können Nutzer die Lichteinstellungen über eine App steuern.

 

Bild: Egbert de Boer

 

»Hinzu kommt als weitere Besonderheit, dass sich die Beleuchtung im Gebäude je nach Bedürfnis, didaktischer Anforderung und vorhandenem Tageslicht individuell steuern lässt«, erklärt Projektarchitektin Do Janne Vermeulen. »Auf Wunsch haben die Nutzer sogar die Möglichkeit, die Lichteinstellungen über eine entsprechende App auf dem Handy oder dem Tablet anzupassen. Ebenso können sie die Raumtemperatur verändern oder Reservierungen für ein Besprechungszimmer vornehmen.«

Zusätzlich sollen die Nachhaltigkeit und die Nutzerfreundlichkeit des Bauwerks durch ein umfangreiches Monitoring verbessert werden. Dabei untersuchen Wissenschaftler der TU/e nicht nur den Energieverbrauch, sondern auch die Frage, wie die eingesetzte Technik die Vitalität, das Wohlbefinden und die Krankheitsprävention positiv beeinflussen kann: »Das Gebäude fungiert also gewissermaßen als ›Living Lab‹, an dem verschiedene Arbeitsgruppen und Fakultäten der Universität innovative und nachhaltige Technik erforschen können«, beschreibt Do Janne Vermeulen das zugrunde liegende Konzept.

Durch das Zusammenspiel aller Maßnahmen zur Energieeinsparung ist es den Projektpartnern gelungen, den CO2-Ausstoß des Bauwerks um rund 80 % zu drosseln – und das, obwohl es jetzt von mehr als doppelt so vielen Studierenden genutzt wird. Die Anstrengung wurde bereits belohnt: Als erster sanierter Bildungsbau der Niederlande konnte das Atlas Building ein BREEAM-Zertifikat der höchsten Stufe ergattern. Und auch im internationalen Vergleich gehört der Bau laut BREEAM-Award zu den nachhaltigsten Lehrgebäuden überhaupt.


Standort: Den Dolech 2, 5612 AZ Eindhoven (NL)
Bauherr: TU Eindhoven
Architekten: Team V Architecture, Do Janne Vermeulen, Fleur Kay, Amsterdam
Mitarbeiter: Marthe Melief, Joeri Apontoweil, Onno van Ark, Alexia Burgering, Matthijs Witbraad, Esther Ebbe, Robert Chamski
Tragwerksplanung: Van Rossum, Amsterdam
HLS-Planung: Valstar Simonis, Eindhoven
Bauphysik: Peutz, Eindhoven
BGF: 41 500 m²

Beteiligte Firmen:
Glasfassade: Schüco curtain wall mit parallel öffenbaren Fenstern, Schüco, Bielefeld, www.schueco.com
Opake Fassade: gefaltete Aluminium-Paneele, WVH gevelprojecten, Oirschot (NL), www.wvhgevelprojecten.nl
Sonnenschutz: Hunter Douglas RB EOS 500 Textilrollos, schwarz, mit Motor, Hunter Douglas Architectural, Rotterdam (NL), www.hunterdouglasarchitectural.eu
Beleuchtung: Celino LED BCS680 SEL, Philips, Eindhoven, www.lighting.philips.nl
Akustikpaneele aus 3-D-Filz in Eingangshalle: Blazer Silverdale CUZ28, Camira, Amsterdam, www.camirafabrics.com
Teppichboden: Desso Teppichfliese, Tarkett, Frankenthal, boden.objekt.tarkett.de
PVC-Boden: Allura Flex, forbo, Krommenie (NL), www.forbo.com
Linoleumboden: Marmoleum concrete, forbo, Krommenie (NL), www.forbo.com


Team V Architecture

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Do Janne Vermeulen

Architekturstudium am University College London, 2002 Diplom. Mitarbeit bei Rick Mather Architects. 2005-13 Mitarbeit bei Meyer en Van Schooten Architecten. Seit 2013 Mitarbeit bei Team V Architecture als Partnerin. Lehrtätigkeit am UCL, Mitglied in niederländischen Jurys und der des RIBA International Prize.


Über den Autor Robert Uhde

1968 geboren. Studium der Kunst und Germanistik in Oldenburg. Erstes Staatsexamen. Ausbildung zum Fachredakteur für Architektur bei der Verlagsgruppe Rudolf Müller in Köln. Seit 1997 freier Autor für verschiedene Fachzeitschriften und Tageszeitungen. Eigenes Büro in Oldenburg.


Atlas Building, Eindhoven (NL):


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