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SOS Brutalismus (Frankfurt a. m.)

~Alfred Hottmann

Zweifelsohne gehört Beton zu den beliebtesten Baustoffen von Architekten, ganz abgesehen davon, dass er aus den Bauprozessen sowohl von heute als auch des letzten Jahrhunderts nicht wegzudenken ist – zu bedeutend ist sein Einfluss auf die moderne Architektur und so vielfältig sind seine Einsatzmöglichkeiten! Nicht zuletzt deswegen hat sich das DAM entschlossen, der Architekturepoche des »Brutalismus« eine eigene Ausstellung, kuratiert von Oliver Elser, zu widmen. Gestalterisch prägte der Baustoff Beton in besonderer Weise die Zeit zwischen den 50er und 70er Jahren, sodass viele der Gebäude mittlerweile über 50 Jahre alt sind – sofern sie nicht schon abgerissen wurden. Einige davon haben an ihrer ursprünglichen Gestalt eingebüßt und nicht alle sind in Würde gealtert. Und so stellt sich natürlich die Frage, wie es mit den Betonmonstern weitergehen soll. Bei näherer Betrachtung sind sie gar nicht so erschreckend wie es auf den ersten Blick scheint.

Der Ursprung des Begriffs Brutalismus erklärt zugleich dessen Philosophie: »Béton brut« – der kahle Beton. Beim Bauen mit Beton geht es um Ausdruck, um das Ungeschönte, wie es bei der Ausstellungsführung heißt. Die Ästhetik kommt vom Unmittelbaren und von der Ablesbarkeit des Bauprozesses sowie der Möglichkeit einer monolithischen Ausführung. Das bietet natürlich ein gewisses Fehlerpotenzial und führt zwangsläufig zu einer gewollten Monotonie, was zunächst einmal abschreckend wirkt. Dies wird in der Ausstellung an präsentierten Zitaten deutlich, geäußert von Architekten, Politikern und Journalisten, die dem Trend nichts abgewinnen konnten. So beschimpft Egon Eiermann den Beton in etwa als »breiig-schmierige Masse«, »charakterlos und demagogisch verformbar«.

Hochformatige Tafeln informieren die Besucher in Text und Bild jeweils über ein Bauwerk. Mit dabei sind natürlich Klassiker, wie das Kloster Sainte-Marie de la Tourette von Le Corbusier oder der Nevigeser Wallfahrtsdom des Pritzker-Preisträgers Gottfried Böhm. Es werden aber auch Beispiele aus der ganzen Welt gezeigt, der Brutalismus war ja längst nicht nur ein Phänomen in Europa oder Nordamerika, sondern auch in Australien, Afrika und Südamerika. Eine gelungene Ergänzung stellen die zahlreichen Modelle zu den Bauten dar, gefertigt von Studierenden der TU Kaiserslautern. Den übergroßen aus Wellpappe fehlt es offensichtlich an der Schwere, die die Originale ausstrahlen, und doch geben sie Aufschluss über die Lichtführung und die geometrischen Qualitäten der brutalistischen Gebäude. Miniaturmodelle aus echtem Beton hingegen lassen die Haptik und das aufwendige Ausschalen einer Betonskulptur erspüren.

Aber warum sind diese Bauten eigentlich erhaltenswert? Wohl weil sie wie kaum andere ablesbar zeigen, wie Architekten zu jener Zeit gedacht haben und was ihnen an ihrer Architektur wichtig war. Wer sich als Nicht-Architekt auf die Ausstellung einlässt, der erahnt womöglich das Reizvolle, das das Bauen mit Beton ausmacht sowie die einhergehende Faszination vieler Architekten für diesen Baustoff. Und für alle, die nicht genug von Beton kriegen können, steht eine Probe eines Betonparfüms bereit.

Bis 2. April. SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster! Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt a. M., Di-So 11-18, Mi bis 20 Uhr, Publikation: Oliver Elser, Philip Kurz, Peter Cachola Schmal (Hrsg.), Deutsch/Englisch, 59 Euro im Museumsshop,
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