Sigfried Giedion und die Fotografie

Bildinszenierungen der Moderne. Von Werner Oechslin und Gregor Harbusch (Hrsg.). 304 Seiten mit 624 farbigen Abb., Hardcover, 58 Euro. gta Verlag Zürich 2010

~Bärbel Högner

Sigfried Giedion betonte einst, er »photographiere« nicht, sondern fertige Aufnahmen nur aus rein sachlichen Gründen an. Dennoch fanden sich 1929 Bilder des Schweizer Kunsthistorikers an den Wänden der legendären Ausstellung »Film und Fotografie« des Werkbundes Stuttgart wie auch in dem programmatischen Buch »Es kommt der neue Fotograf«.
Die fotografische Seite des Protagonisten der Architekturmoderne fand bislang wenig Beachtung, obwohl sich im Nachlass des Autors, Forschers und Kurators, im Archiv des gta in Zürich, rund 2 500 Fotografien befinden. Mit sieben kundigen Aufsätzen deuten und kontextualisieren nun die Autoren Giedions Aufnahmen im Verhältnis zur »Neuen Fotografie« und zum »Neuen Bauen« und analysieren seine didaktischen Bild-Text-Strategien. Weitere 42 Fallbeispiele spüren Themensträngen nach – von der Baustelle bis zur Berglandschaft. In Ermangelung geeigneter Abbildungen zur Unterstützung seiner Thesen hatte Giedion sich frühzeitig den Umgang mit einer 10 x 15 cm Klappkamera angeeignet, später wechselte er zum Mittelformat – offensichtlich ging es ihm um die Detailtreue. Wenngleich seine ersten Aufnahmen gelegentlich gewagte Perspektiven aufweisen, die wohl dem Einfluss des engen Freundes László Moholy-Nagy zuzuschreiben sind, vermied er es, seine Bilder bewusst »interessant« zu gestalten, war ihm doch an der Darstellung von »Beziehung und Durchdringung« gelegen.
Die gelegentliche Einstufung als Fotoamateur mag auf des Publizisten Bescheidenheit selbst zurückgehen, doch führte seine Vorgehensweise zu Aufnahmen von ganz eigener unprätentiöser Qualität. Die von ihm intendierte zweckdienliche Fotografie bedurfte keiner Effekthascherei – eine Tendenz die der Wechsel zur Farbfotografie in den 50er Jahren noch verdeutlicht. So zeigen die Beispiele aus Ronchamp und dem Nahen Osten Farbaufnahmen, die durchaus einer größeren Abbildung würdig gewesen wären. Neben dramatischen Licht-Schatten-Spielen in S/W entfalten diese farbigen Bilder ihre eindrückliche Wirkung aus dem Zusammenspiel von Ausschnitt, Materialität und Raumbeziehung. Sie verweisen damit zugleich subtil auf Giedions langjährige fotografische Professionalität.