Plattenbau privat

60 Interieurs. Von Susanne Hopf und Natalja Meier. Text von Simone Hain. 144 Seiten, 127 Farbabbildungen, Format 24 x 17 cm, 19,90 Euro.

Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 2004
Ist es zynisch, darauf hinzuweisen, dass Raum in der kleinsten Hütte und individuelles Wohnen auch im Plattenbau Typ P2, einem 1962 entwickelten Grundtypus für etwa eine Million in der DDR gebauter Wohnungen, möglich ist? Susanne Hopf und Natalja Meier fotografierten 60 Wohnungen, jeweils aus der gleichen Perspektive, jeweils ohne die Bewohner selbst vor die Linse zu zerren. Diese Konsequenz erlaubt direkte (Raum-)Vergleiche, wahrt Distanz und gibt dennoch präzise wieder, was Wohnkultur auszeichnet: Individualität, die sich im Falle Plattenbau in extremer Weise nach innen kehrt. Die Wohnungen des Typs P2 – in einem fünfgeschossigen Haustypus experimentell und dann bis 1990 mit leichten Betontrennwänden gebaut – boten erstmals große Variabilität; Innenräume wurden durch raumhohe Schrankwände gebildet. Wohnräume sind natürlich belichtet, die Küche wurde mit Durchreiche offen integriert, um die Arbeit ebenda aufzuwerten. Vorgesehen war ein Modell modernen Wohnens, Plüsch und Pomp sollten verabschiedet und das leichte, flexible Einrichtungssystem eingeführt werden. Und es kam doch anders, wie Simone Hain auch zu begründen weiß. Die Fotografien von heute zeigen, wie die Bewohner die Freiheit nutzten oder verkannten, ignorierten oder inszenierten. Und sie zeigen, dass die Menschen einfach nicht das machen, was Architekten sich für sie ausdenken. Nussbaumdekor, Kronleuchter, Raffgardinen und schaurige Polstergarnituren sind genauso zu finden wie stilsichere Noblesse, leichte Eleganz oder unkomplizierte Provisorien. Platz für Hamster, Fahrrad oder Musikinstrumente gleich welcher Größe – auch der findet sich auf den spärlichen 55 Quadratmetern. ub