Paris Haussmann

A Model’s Relevance. Von Benoît Jallon, Umberto Napolitano und Franck Boutté (Hrsg.). 264 S., 143 farbige und 345 S/W- Abb., gebunden, französisch/englisch, 39 Euro, Park Books, Zürich 2017

~Dagmar Ruhnau

Wie zukunftsfähig ist das Paris des Barons Haussmann? Dieser Frage gingen LAN Architecture und FBC Fanck Boutté Consultants im Auftrag von Alexandre Labasse, Direktor des städtischen Architekturzentrums Pavillon de l’Arsenal nach. Bei ihrer Untersuchung folgen sie der Systematik von Haussmann, die dieser bei der Neuordnung der französischen Hauptstadt anlegte: angefangen von einem Straßennetz in drei Hierarchieebenen mit dem darunter liegenden Versorgungsnetz von Wasser, Gas und Metro über die unterschiedlich geformten Häuserblocks, die durch das Aufeinandertreffen von neuen und mittelalterlichen Straßen entstanden, bis hin zur Ausgestaltung der einzelnen Häuser und sogar Wohnungen. All diese Elemente werden u. a. auf ihren Beitrag hinsichtlich Effizienz, Flexibilität, Resilienz, Klimatauglichkeit, Lebensqualität und nicht zuletzt Identitäts- und Markenbildung der Stadt untersucht und mit anderen Städten bzw. aktuellen, auch explizit als nachhaltig geltenden Bauweisen verglichen. Es überrascht nicht, dass die drei Pariser Architekten die Stadt trotz Verkehrsinfarkt, Touristengedränge und problematischer Entsorgungssituation für sehr lebenswert und zukunftsfähig – z. B. für die Nachrüstung zur »smart city« – halten. Wesentlich dabei ist der Einklang eigentlich gegenläufiger Faktoren: Dichte und Großzügigkeit, Allgemeingültigkeit und Spezialisierung. Während im Häuserblock selbst die Bewohner auf sehr engem Raum zusammengedrängt sind, sorgen die Abstände zwischen den Häusern, die privaten Höfe und sogar die Raumhöhen für Rückzugsmöglichkeiten (auf Pariser Niveau eben), zugleich aber auch für großzügige Besonnung aller Räume und für effektive Belüftung. Gestalterisch haben zahlreiche Festlegungen aus der Bauzeit, von den Proportionen der Gebäude und Fassaden bis hin zum gusseisernen Türknauf, eine jederzeit wiedererkennbare Einheitlichkeit geschaffen, innerhalb derer etwa die Grundrisse und Blocks flexibel z. B. von Wohnungen zu Büros und zurück umzunutzen sind, nicht zuletzt aufgrund großer, unterschiedlich belegbarer Schächte.
Die Autoren haben allerdings nicht nur die Typologie und Morphologie der Stadt und ihrer Gebäude en détail in luftig auf den Seiten platzierten Zeichnungen analysiert, sondern auch mithilfe einiger Programme akribisch etwa die Effizienz des Straßennetzes gemessen und visualisiert, insbesondere im Hinblick auf die Fußläufigkeit. Entsprechendes geschah für die Gebäude, z. B. die klimatische Effizienz damaliger und heutiger Fensterformate. Diese systematische Herangehensweise spiegelt der Aufbau des Katalogs wider: Dreimal werden die Einheiten der Stadt – Straßen, Blöcke, Häuser, Gestaltung – durchdekliniert, als Zusammenfassung, als zeichnerische Analyse von Typologie und Gestaltung sowie in der Analyse ihrer Effizienz. Es macht Spaß, zwischen den Kapiteln hin- und herzublättern (erkennbar am in Creme- und Weißtönen abgestuften Papier) und sich in die präzisen Diagramme verschiedener Stadtausschnitte zu vertiefen oder in den Katalogen der einzelnen Fassadenelemente zu verlieren. Für Realitätsbezug sorgen Fotos ausgewählter Straßenzüge und -ecken, die hier und da enthüllen, was auch Haussmanns Modell nicht gut integrieren kann: nämlich das allgegenwärtige Auto.
Doch viel schöner als alles Messen und Analysieren ist Paris vor Ort: Wer bis zum 21. Mai hinfährt, kann die Untersuchung in der gleichnamigen Ausstellung im Pavillon de l’Arsenal und zugleich ihr Studienobjekt begutachten.