Ökologische Ästhetik

Theorie und Praxis einer künstlerischen Umweltgestaltung. Von Herman Prigann, Vera David und Heike Strelow (Hg.). 240 Seiten, Format 24 x 30 cm, mit 310 farbigen und 20 schwarzweißen Abbildungen und 20 Zeichnungen, gebunden, 65 Euro. Birkhäuser Verlag, Basel, 2004

In Zeiten, da die Lebensgrundlagen von vielen als akut bedroht empfunden werden, drängt das Verhältnis von Natur und Kunst wieder einmal in die Medien. Zwischen archaisch-romantischen Zeichen und Ritualen, welche die Sehnsucht nach Ganzheit und Verwurzelung befriedigen, und technokratischen Setzungen als betont künstlichen Interventionen bewegt sich derzeit die Szene, die in der Land Art vor vier Jahrzehnten ihren Anfang nahm. Bemerkenswert viele dieser Versuche, Neuland im Wortsinn zu betreten, spielten sich hier zu Lande ab: Im Rahmen der IBAs wurden Abraumhalden zu bizarren Landmarken, Kokereien zu Landschaftsparks, die Großbrachen Ostdeutschlands zu Erlebnislandschaften neuen Typs umgestaltet. Künstlern wie Herman Prigann, der hier seit langem Maßstäbe setzt (aktuell mit dem Terra Nova-Projekt), gelingt es dabei oft besser als den Wissenschaftlern, die Öffentlichkeit auf Prozesse, Umbrüche, den Stoffwechsel der Erde aufmerksam zu machen. Bei allem poetischen Event-Charakter ist das doch oft genug provokant – besteht nicht das Wesen der modernen Zivilisation darin, wertvolle Rohstoffe in Riesenmengen Abfall zu verwandeln?
Nach zahllosen Symposien und Publikationen gelingt es endlich diesem aufwändig gestalteten Buch, anschaulich anhand zahlreicher realisierter Projekte Wege zu weisen, wie »ökologische Ästhetik« Wissenschaft und Kunst konkret verbinden kann. Von einzelnen Zeichen über skulpturale Orte zur Transformation ganzer Landschaften reicht diese verantwortungsvolle Arbeit, die – wie einige gut lesbare Hintergrundtexte erläutern – den Schlüssel zu einer neuen Wahrnehmung unserer Lebensgrundlagen enthalten kann. Christoph Gunßer