Miss Emily Paxton

Von Peter Prange. 558 Seiten. Gebunden 19,90 Euro, 34,90 sFr. Droemer/Knaur, München, 2005

Keine schriftstellerische Erfindung: Emily Paxton, 1827 geboren, war die älteste Tochter Joseph Paxtons, dem Baumeister des Londoner Kristallpalastes. Diese historischen Gegebenheiten waren für den mit dem Bernstein-Amulett bekannt gewordenen Peter Prange die Grundlage des Werkes, mit dem er seine »Weltenbauer-Trilogie« (nach Die Principessa und Die Philosphin) beendet hat. Wer allerdings hofft, mit der Lektüre mehr als bislang bekannte Details über die Entstehungsgeschichte des »Chrystal palace« zu erfahren, wird enttäuscht. Das Buch ist ein Roman – er vermag zwar historische Gegebenheiten aufzugreifen, bedarf aber einer romanartigen Handlung, die nur am Rande Raum bietet für baugeschichtliche oder ingenieurtechnische Informationen. Im Vordergrund steht so die (fiktive) Geschichte der Emily Paxton, die sich gezwungenermaßen zwischen zwei Menschen, ihrem Vater, den sie bei der Arbeit unterstützt, und ihrem Jugendfreund und jetzigen Geliebten Victor, entscheiden muss. Durch Victor gerät sie in eine Gesellschaftsschicht, die sie bis dahin nicht kennt, sieht Elend, Armut, erlebt Ungerechtigkeit. Zwar hält sich Prange an die historischen Vorgaben, schmückt aber einen derart prächtigen und theatralischen Rahmen darum, dass er bisweilen unglaubwürdig erscheint – zumindest, wenn nicht dem Genie Joseph Paxton selbst, bereits Meister im Gewächshausbau, sondern schließlich der Feder seiner Tochter die konstruktive Idee zum Kristallpalast »entspringt«. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fällt es sicher dem ein oder anderen bereits »paxtonvertrauten« Leser schwer, das Buch nicht einfach beiseitezulegen. Wer dennoch über 500 Seiten bis zum Ende liest, bekommt durch die ergreifende Schilderung von Emilys Geschichte eine Vorstellung der gesellschaftlichen Bedingungen in England zur Zeit der Industrialisierung. Deutlich wird zumindest, welchen Kraftakt ein Bau wie der in weniger als einem Jahr geplante und fertiggestellte Kristallpalast zur dama- ligen Zeit erforderte.

~cf