Metropolen der Moderne

Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850. Von Friedrich Lenger, 757 S., gebunden, 49,95 Euro, C.H. Beck Verlag, München 2013

~Jürgen Tietz

Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt heute in städtischen Agglomerationen, deren Größe sich teilweise der Vorstellbarkeit entzieht. Gegenüber den Mega-Cities wie Mexiko-Stadt, Schanghai oder Chongqing muten die meisten europäischen Millionenstädte wie Paris, London oder Berlin vergleichsweise überschaubar an. Dabei ging gerade von ihnen im 19. Jahrhundert die Initialzündung für den globalen Urbanisierungsprozess der Moderne aus. In seiner grundlegenden Untersuchung zur europäischen Stadtgeschichte seit 1850 zeichnet Friedrich Lenger, Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Gießen, diesen Urbanisierungsprozess mit dem wissenschaftlichen Handwerkszeug des Historikers nach. Deutlich grenzt er sich von dem »architekturgeschichtlichen Ansatz« bei Leonardo Benevolo und Vittorio Lampugnani ab. Stattdessen möchte er »alle Facetten der Stadt in den Blick« nehmen und greift u. a. Anregungen aus der Wirtschaftswissenschaft, Soziologie und Geografie auf. Tatsächlich ist es ein Respekt einflößender Bogen, den Lenger auf gut 500 lesenswerten Seiten spannt – ergänzt um einen 200 Seiten starken wissenschaftlichen Apparat. Sein Blick über die Epochengrenzen zeigt die Wechselbeziehungen städtischer Entwicklungen auf. Wachstum und Schrumpfung, wirtschaftlicher Aufschwung und Wohnungsmisere, städtebauliche Paradigmenwechsel und Migrationsentwicklung entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum. Und sie erklären sich auch nicht allein durch den Wechsel architektonischer oder städtebaulicher Moden. Vielmehr sind sie in dem komplexen Beziehungsgeflecht der europäischen Geschichte verankert, in die Lenger seine Stadtgeschichte einbettet. Er eröffnet seinen Lesern einen vielfältigen Kosmos der europäischen Städte von der iberischen Halbinsel bis an die asiatischen Ränder des Kontinents – und beschränkt sich gerade nicht auf DIE »europäische Stadt«. Demografische und ökonomische Verwebungen werden dabei ebenso aufgegriffen wie Stadt-Land-Konflikte und das Thema des »Urbizids« im Zweiten Weltkrieg und seine Folgen für den Wiederaufbau. Belebt durch aussagekräftige Literaturzitate von Elias Canetti bis Sven Regner, hat Lenger ein eindrucksvoll materialreiches und gut lesbares Buch geschrieben. Dass sich der Autor – entgegen dem Titel des Buchs – nicht ausschließlich auf die Metropolen der Moderne kapriziert, sondern einen weiteren Blickwinkel wählt, macht den besonderen Reiz aus. Da sieht man es ihm gerne nach, dass die Rolle der Architektur für die Stadt gelegentlich allzu kurz kommt.